Gesellschaft | 19.04.2010

Mich laust der Affe

Text von André Müller | Bilder von daily.swarthmore.edu
Jede Generation macht sich ihr Menschenbild. Auch der Einzelne fügt sich in dieses Bild ein und übernimmt die Handlungsweise des Bildes. Früher waren wir Kinder Gottes, die Almosen verteilten und Muslime aus Jerusalem vertrieben; heute sind wir Primaten, die eigentlich nur Futter und Sex wollen.
Affe wird Mensch wird Affe: Wahrheit oder Täuschung?
Bild: daily.swarthmore.edu

Sind wir Gorillas ohne Rückenhaare? Viele Untersuchungen scheinen zu bestätigen, dass wir Menschen von unseren Trieben beherrscht werden und ihnen nichts entgegenzusetzen hätten. Man sieht sich Affenpopulationen an und schliesst daraus auf den Menschen: Frauen wollen eine lange Beziehung, Männer wollen so viele Frauen wie möglich. Grundsätzlich kann von solchen Studien ja jeder halten, was er will. Gefährlich an dieser Studienflut ist aber der Hintergedanke, der meist mitschwingt: Wer sich nicht an diese Gesetze hält und “die Natur betrügt”, dem wird Schlimmes widerfahren.

Nachdem viele die Bibel aus ihrem Leben verbannt haben, wird also aus der Natur ein Ersatzgott, der zürnt und straft, wenn man nicht nach seinem Willen lebt. Männer, die monogam leben, werden von der Natur mit geringeren Reproduktionschancen bestraft. Wer Parfum verwendet, fälscht die natürliche Selektion anhand des Körpergeruches und leistet somit einen Beitrag zu unglücklichen Beziehungen. Wer anderen hilft, den lässt die Natur verhungern, wie sie das bei den Löwen auch täte, wenn diese ihre Beute mit den Hyänen teilten.

Leben wir wider unsere Natur?
Überall steckt der Gedanke drin, dass nur natürliches Verhalten gut sei. Die Forschung übernimmt somit die Rolle der Moral und sagt, was der Mensch tun soll. Männer sollen nicht monogam leben, Frauen schon. Monogame Männer sind widernatürlich, genau so wie Schwule und Enthaltsame. Dieser Gedanke ist in erster Linie ein kolossaler Denkfehler.

Wenn der Mann von Natur aus auf Polygamie programmiert ist, dann kann er sich auch nicht dafür oder dagegen entscheiden, er tut es sowieso. In Tat und Wahrheit haben sich aber sehr viele Männer dagegen entschieden, sie leben mit einer einzigen Frau zusammen. Andere leben mit einem Mann zusammen, andere leben enthaltsam. Man hört sagen, einige seien ganz glücklich damit.

Neues Heil, neue Apostel
Wie schlich sich der Denkfehler ein? Die Entzauberung der Welt und das Vertreiben von Religion, Kultur und Moral in das Reich der Hirngespinste hat eine Lücke in unserem Leben hinterlassen. Niemand ist geblieben, der uns sagt, was wir tun und lassen sollen. Schliesslich hat die Naturwissenschaft diese Aufgabe übernommen, die ihr eigentlich gar nicht zukommt.

Darwinistische Theorien ersetzen den Philosophen, den Priester oder – noch schlimmer – den eigenen Verstand, wenn es um die Frage geht, ob man einer alten Frau über die Strasse hilft. Die Natur fordert Egoismus, ansonsten verliert man wertvolle Kalorien, die man für die Reproduktion benötigt. Dass ein solcher Egoismus unser funktionierendes System aus Sozialstaat, Freiwilligenarbeit und nachbarschaftlicher Hilfe zerstören würde, übersieht man schlicht.

Echte Evolution
Vielleicht sollte auch unsere Generation ihr Menschenbild noch einmal überdenken. Die Evolutionstheorie selbst widerlegt diesen Aberglauben vom übermächtigen Trieb nämlich am besten. Sie “verlangt” eben kein einheitliches Verhalten von den Einzelnen, denn die Theorie funktioniert nur, wenn Individuen verschieden handeln. Die effizienten Verhaltensweisen überleben und werden an die nächste Generation weitergegeben. Die Tatsache, dass die monogamen Männer in der Mehrheit sind und sich rege fortpflanzen, zeigt doch, dass es durchaus Erfolg verspricht, seine Triebe auch einmal zurückzuhalten. Männer, die ihrem Trieb freien Lauf lassen, haben in Wirklichkeit kaum Reproduktionschancen. Oder kennt ihr eine Frau, die mit einem Vergewaltiger oder Pädophilen zusammenleben will?