Kultur | 18.04.2010

Literaturklassiker lieber “un-kompakt”

Die "NZZ am Sonntag" führt ihre Serie "Klassiker kompakt" mit kurzen Einführungen zu bedeutenden literarischen Werken fort. Solche Zusammenfassungen mögen das Interesse an Literatur wecken - ein Ersatz für die Lektüre der Originale sind sie aber nicht.
"Literaturklassiker kompakt" erspart einem das müssige Anstreichen mit Leuchtmarker.
Bild: Claudia Hautumm / pixelio.de

Kaffee und Gipfeli zieren den Werbeflyer der “NZZ am Sonntag”. Gemütlichkeit soll herrschen beim sonntäglichen Frühstück, wo man auch Zeit findet, eine der umfangreichen Sonntagszeitungen zu lesen.

 

Deshalb mag es etwas erstaunen, dass gerade die “NZZ am Sonntag” zum wiederholten Mal Literatur in recht ungemütlicher Kurzform anbietet: Zurzeit sind es Schweizer Klassiker, welche der Leser im Format “Literatur kompakt” zeitsparend vorgesetzt bekommt. Inhaltsangaben, Informationen zum Autor, Bemerkungen zu Sprache und Stil – auf einem guten Dutzend Seiten wird alles präsentiert, was ein Schüler wissen muss, um im Deutschunterricht erfolgreich vorgaukeln zu können, das Buch gelesen zu haben.

 

So viel Zeit muss sein

Wissen über Schweizer Literatur zu verbreiten ist an und für sich ja ein lobenswerter Ansatz, gerade wenn auch Autoren wie Ulrich Bräker behandelt werden, welcher selbst vielen “NZZ”-Leserinnen und Lesern grösstenteils unbekannt sein dürfte: Bräker schuf mit seinem autobiographischen Buch “Der arme Mann im Tockenburg” ein Portrait der damaligen Lebensverhältnisse der Landbevölkerung und führt die Schrecken des Söldnerlebens vor Augen.

 

Trotzdem stellt sich die Frage: Weshalb überhaupt Zusammenfassungen, wenn man doch auch die Originale der vorgestellten Werke lesen kann? Friedrich Dürrenmatts “Der Besuch der alten Dame” lässt sich (vielleicht auf Kosten der “NZZ am Sonntag”) problemlos an einem freien Tag durchlesen, für “Die schwarze Spinne” von Jeremias Gotthelf braucht man auch nicht viel länger.

 

Die Stimmung, welche in einem Text vorherrscht, das Gefühl, welches sich beim Lesen einstellt – solche Dinge können in einer Kurzfassung vielleicht beschrieben werden, wahrnehmen kann man sie aber nur bei der Lektüre des Werks selber. In Conrad Ferdinand Meyers Roman den Protagoisten Jürg Jenatsch bei seinen Kämpfen ins Bündnerland begleiten, mit Friedrich Glausers Wachtmeister Studer Kriminalfälle aufklären – Vergnügen, welche man nicht verkürzen, sondern lieber im Original geniessen sollte. Aber vielleicht geht es ja genau darum: Ob man zum Vergnügen liest oder eher, um in Gesprächen mit Literaturwissen auftrumpfen zu können.

 

Schriftsteller unter sich

Wem wirklich daran gelegen ist, sich mit Schweizer Literatur auseinander zu setzen, dem aber angesichts der Fülle an Werken und Autoren ein Zugang, vielleicht eine Einführung fehlt, sei das Buch “Lesen statt klettern” von Hugo Lotscher empfohlen. Die vielbeachteten Werke des im vergangenen August verstorbenen Loetschers, wie “Der Immune” oder “Abwässer”, werden wohl ebenfalls bald zu den Klassikern der Schweizer Literatur gehören.

 

In “Lesen statt klettern” sind Aufsätze versammelt, in welchen Loetscher eine Vielzahl an Schweizer Autoren vorstellt, sei es mittels eines fiktiven Interviews mit Albrecht von Haller oder anhand persönlicher Schilderungen des freundschaftlichen Verhältnisses zu Friedrich Dürrenmatt. Das 2003 im Diogenes Verlag erschienene Buch besticht durch Sachkenntnis wie auch den intelligenten, beinahe zärtlichen Zugang Loetschers zur Literatur – ungekürzt “un-kompakt”.