Politik | 19.04.2010

Kampf und Hoffnung

Text von Sonja Lithang
Das erste europäische tibetische Jugendparlament hinterfragte unter anderem die Beziehung zu China und arbeitete konkrete Lösungsvorschläge aus.
Besuchte das erste tibetische Jugendparlament: Dalai Lama. Fotos: Johannes Dietschi. Ist sein Weg der richtige? Dalai Lama betet für ein autonomes Tibet.

Die Osterferien neigen sich dem Ende zu und ich befinde mich bereits auf dem Weg zur Uni. Ausnahmsweise nicht als Studentin, sondern als Teilnehmer des ersten europäischen tibetischen Jugendparlaments. Dieses fand vom 9. bis 11. April unter dem Motto “We are Tibet” statt. Ein Blick ins Programmheft zeigt: Die Konferenz ist straff organisiert. In insgesamt fünf verschiedenen Workshops sollen diverse, zum Teil kontroverse, Themen diskutiert und Lösungsansätze ausgearbeitet werden.

Teilnehmer aus elf Ländern

Etwas verloren stehe ich im Eingangsbereich der Uni Zürich. Ich habe noch nie so viele Tibeter auf einmal gesehen habe. Von 122 Teilnehmern aus 11 Ländern war die Rede. Viele der Schweiz-Tibeter scheinen sich bereits zu kennen und stehen in kleinen Grüppchen herum. Vermutlich sind sie begeisterte Tibetaktivisten, die aufgrund ihrer Vereinstätigkeiten und gemeinsamer Protestaktionen gut vernetzt sind. Als Halbtibeterin ohne Tibetischkenntnisse fühle ich mich etwas unbehaglich. Bisher hatte ich mit “Free Tibet” nicht viel am Hut, vermutlich gar weniger als mancher Vollblutschweizer.

Die Vorbereitungen zu diesem Anlass brachte ein Problem mit sich: Für die Rede seiner Heiligkeit sei das Tragen einer “Chuba” explizit erwünscht. Wo ich dieses traditionelle tibetische Kleidungsstück innerhalb von zwei Tagen auftreiben sollte, war mir zunächst unklar. In einem tibetischen Laden in der Innenstadt wurde ich schliesslich fündig. Mit meinen fehlenden Tibetischkenntnissen war ich aber auf die Schützenhilfe eines tibetischen Kollegen angewiesen.

Hinterfragung des “mittleren Weges”

Aus fünf angebotenen Workshops zu Themen wie “Säkularisierung”, “Aktivismus und Widerstand” oder “Demokratisierung”, hat im Voraus bereits jeder Teilnehmer zwei ausgewählt. Ich habe mich für “Aktivismus und Widerstand”, sowie “Junge Tibeter in Europa” entschieden. Leider stellt sich schnell heraus, dass meine Gruppe fast ausschliesslich aus Schweizer Tibetern besteht, obwohl gerade im zweiten Workshop die Sichtweise von Tibetern auch ausserhalb der Schweiz von Interesse gewesen wäre. Dennoch ist die Stimmung angeregt und die motivierten Teilnehmer nehmen aktiv an der Diskussion teil.

Gerade der Workshop “Aktivismus und Widerstand” birgt Stoff für Diskussionen: Der sogenannte “mittlere Weg” des Dalai Lama, welcher auf dem Dialog mit China aufbaut und eine Autonomie innerhalb Chinas anstrebt, wird heute nicht mehr von allen Tibetern bedingungslos unterstützt. Wie also soll der tibetische Widerstand in Zukunft gestaltet werden? Welche Mittel dürfen ergriffen werden? Ist ein gewaltloser Kampf sinnvoll?

Die Meinungen gehen deutlich auseinander, allein schon bei der Definition des Begriffs “Gewalt” scheiden sich die Geister. Ist es Gewalt, in die chinesische Botschaft einzudringen, um eine Tibetfahne am Gebäude zu befestigen? Ist es Gewalt, in den Hungerstreik zu treten und diesen bis zum Ende durchzuziehen?

Klare Tendenz zur Modernisierung

Anschliessend wird im Plenum über die in den Workshops ausgearbeiteten Empfehlungen abgestimmt, um daraus eine Resolution zu verfassen. Die Resolution zeigt allgemein eine klare Tendenz zur Modernisierung auf. So wird beispielsweise eine Trennung zwischen Politik und Religion gefordert, welche unter anderem eine Umstellung des Parlamentswesens, in welchem zurzeit Vertreter der verschiedenen Buddhismusschulen noch eine wichtige Position einnehmen, zur Folge hätte.

Ausserdem nimmt das Jugendparlament in seiner Resolution Stellung zum sino-tibetischen Dialog, indem es die folgenden drei Bedingungen zur Fortführung des Dialogs aufstellt:

– Eine dritte, unabhängige Partei soll als Vermittler in den Dialog involviert werden

– Der Dialog soll ausserhalb Chinas stattfinden

– China soll offiziell anerkennen, dass ein Tibetproblem existiert

Im Plenum wird jedoch einmal mehr deutlich, dass die Jugend zwar vieles reformieren und modernisieren möchte, aber doch eindeutig am Konzept des friedlichen Widerstands festhält.

Ein Projekt mit Zukunft

Das erste europäische tibetische Jugendparlament bot jungen Tibetern aus ganz Europa eine Plattform, sich auszutauschen und besser zu vernetzen. Ein Projekt, das man in Zukunft sicher weiterverfolgen sollte. Persönlich profitierte ich davon, dass ich mit Fragestellungen und Tatsachen konfrontiert wurde, derer ich mir teilweise noch nicht bewusst war. Mir ist klar geworden, dass ich mich in Zukunft definitiv mit dem Thema Tibet auseinandersetzen muss.

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