Kultur | 19.04.2010

In diesem Musiker steckt auch ein Mörder

Tom Mcrae ist ein Musiker, der nicht gerne Kompromisse eingeht. Am liebsten stürzt er sich einfach ins Abenteuer. Auch wenn er dabei zu ertrinken droht.
Trägt seine düsteren Seite offen nach Aussen: Tom McRae.
Bild: PD. "Es gibt ein paar Leute, die man unbedingt wegschliessen sollte."

Wie geht’s dir?

Es geht mir gut, ich bin nur leicht gestresst. Die Show der letzten fünf Wochen war eher eine Rock-Show und erst gestern haben wir erfahren, dass es heute unplugged sein soll. So überlegen wir uns nun, wie wir es etwas akustischer machen könnten.

Du hast ja deine Band vergrössert, ihr seid jetzt sechs Leute auf der Bühne.

Ja, sechs Leute ist die grösste Band für mich. Ich wollte mal eine abwechslungsreichere Show. Wenn die Leute Singer-Songwriter hören, dann erwarten sie einen Typen mit Gitarre, der singt. Ich möchte aber nicht einfach ein Folk-Künstler oder Akustisch-Künstler sein. Die Band war meine Chance, es mal rocken zu lassen und zu zeigen, dass ich vielseitig bin, das Laute und das Leise bringe.

Du möchtest nicht in eine Schublade gesteckt werden. Was oder wer bist du denn?

Ich bin ein Songwriter und es geht sicher eine Melancholie durch meine Songs. Ich möchte aber nicht, dass es das Einzige bleibt. Meine Alben sollen unterschiedlich und abwechslungsreich sein, eben auch mal mit einer Band. Ich mag diese Klischees eines Singer-Songwriters nicht, das bin nicht ich.

Es hält sich das Klischee, dass du dieser traurige und zerbrechliche Typ mit diesen furchtbar dramatischen Songs bist.

Das ist zu allgemein. Wie gesagt ist da eine Melancholie in meinen Songs, wie wohl in fast jeder Musik. Meine Songs sind aber nicht einfach traurige Liebeslieder. Meine Musik ist nostalgisch und sentimental und wohl dunkler als andere, aber nicht depressiv und düster.

Was ist anders an deinem neuen Album?

Nichts radikales, ich habe einfach ein paar neue Dinge versucht. Ich habe mehrere Instrumente gespielt, habe experimentiert und neue Dinge mit Perkussion versucht. Ich erzähle klarere Geschichten. Ganz allgemein möchte ich versuchen, vielseitig zu sein, eben nicht, dass alles gleich klingt. Ich wollte nicht limitiert sein, dass es so oder so sein soll.

Du hast das Album selber aufgenommen?

Ja, ich habe eine Weile in den USA gelebt und bin dann mit den Ideen für neue Songs zurück nach England gekommen. Dann habe ich ein Studio in meinem Schlafzimmer aufgebaut, so wie es viele Musiker heute tun. Diese Arbeit macht viel Spass und ist viel entspannter. Auch Radiohead machen das so, zwar in ihrem Millionen-Pfund Studio, aber eben auch in ihrem eigenen. Das gehört eben auch zum Musikmachen.

Du hast die Tour und die Veröffentlichung der CD verschoben. Was hat dazu geführt?

Ich habe das Album gemacht, und dann sollte die Tour folgen, einfach Teil für Teil rund um den Globus. Mein Label mochte das Album und haben mir ein gutes Angebot gemacht. Mit diesem Geld konnte ich eine Band zusammenstellen und mit auf Tour nehmen. Da habe ich gedacht, dass ich das Geld dafür brauchen würde, es also in die Tour stecke anstatt es einfach für mich zu behalten. Eine Tour verliert Geld, alle Singer-Songwriter auf diesem Level verlieren mit einer Tour Geld, wenn sie mit einer Band touren wollen. Der Deal hat es mir ermöglicht, eine Band mitzunehmen, hat jedoch auch dazu geführt, dass ich alles verschieben musste. Das ist zwar doof für mich und für die Fans, aber ich denke, sie haben verstanden, warum ich es tat.

Der neue Tourplan bringt dich nun seit langem wieder mal in die Deutschschweiz.

Ja, ich kann mit dem neuen Tourplan mehr Konzerte spielen, und das ist immer eine tolle Sache. Ich glaube ganz allgemein ans Glück. Wenn du raus gehst und dein Bestes gibst und aufs Beste hoffst, dann kommen gute Dinge zurück. Vielleicht verliest du dabei Geld, doch Geld kommt und geht. Ich denke nicht ans Geld sondern an Musik, an die Shows und an die Verbindung mit dem Publikum. Viele Musiker in meiner Situation haben aufgegeben oder wurden vom Publikum verlassen.

Du hast mal gesagt. “Everything I do, it died a death, it bombed” (alles was ich tue starb einen Tod, ging schief).

Ja, so wird’s mir immer mitgeteilt. Was ich als Erfolg angeschaut habe, war für die Leute, mit denen ich arbeitete, was ganz anderes. Ich schreibe diese Songs und mache ein Album, das ich und viele Fans mögen. Meine beiden ersten Alben haben sich 130’000 und 150’000 mal verkauft. Das war für mich unglaublich, doch meine damalige Plattenfirma meinte, das sei furchtbar, ich sei ein kompletter Versager. Ich wollte wieder ein Album machen, doch um Promotion zu bekommen, hätte ich vieles machen sollen, was ich aber alles nicht wollte. So hatte ich ein drittes Album, aber es wurde nicht unterstützt. So war es bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung in den Plattenläden bei den Sonderangeboten für zwei Pfund. Damit sollte mir wohl gezeigt werden, was für ein Versager ich bin. Mir wurde das dann alles egal, wenn ich kommerziell ein Versager bin, so sei es halt so. Ich habe aber bis jetzt trotzdem überlebt.

Wohin wird das Musikgeschäft gehen?

Ich weiss einfach, dass ich versuche, mit dem zu überleben was ich tue. Ich weiss aber nicht, wie die Industrie überleben wird, denn ich glaube, dass niemand mehr bereit sein wird, für Musik zu bezahlen. Bis in die 1940er war das genau so. Die Musikindustrie muss sich anpassen oder sie wird nur ein kurzes Leben haben. Es geht darum, gute Shows zu machen, so dass dich die Leute vielleicht einmal jährlich oder so sehen wollen, dass du genügend Orte zum spielen findest. Ich vertraue meinem Publikum, denn das Publikum weiss es am besten.

Was wäre deine berufliche Alternative zur Musik?

Vielleicht ein Leben als Auftragskiller, das könnte ich mir vorstellen. Ich würde damit die Welt etwas besser machen, in dem ich Leute umbringe, vielleicht Mitglieder vom CIA oder von Erdöl-Firmen. Mein Song “Boy With a Bubblegun” geht in die Richtung. Ich bin ja nicht wirklich ein Killer und glaube auch nicht an die Todesstrafe, aber ich denke, dass es ein paar Leute gibt, die man unbedingt wegschliessen sollte.

Du hast also eine dunkle Seite, auch ein Blick in deine Texte lässt das erahnen. Beispielsweise “Let me ease that pain with a knife” (Lass mich die Schmerzen mit einem Messer lindern)

Ja, damit kann ich jemandem sagen, dass ich unsere beider Schmerzen lindern kann, wenn ich dich umbringe. Es geht nicht um bestimme Lover oder eine Ex, einfach um mich, wie ich jemanden verfolge und dann umbringe. Das ist schon ein bisschen dunkel.

Oder “Swim with me till I can’t swim no more”. (Schwimme mit mir bis ich nicht mehr kann.)

Das handelt von Liebe und Hoffnung: Komm mit mir, wir wissen, wie es für uns alle endet, es endet mit dem Tod, wie wäre es, wenn wir einfach schauen wie weit wir kommen. Ich mag die Idee, keinen Plan B zu haben, keine Energie für den Rückweg aufzusparen und nicht darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn du umkehren musst. Das ist für mich das Abenteuer, wenn du nicht daran denkst, auf dem Weg zu ertrinken und nicht einfach auf die schöne Pensionierung im Alter wartest.

Auf deiner Website gibt’s dazu auch McRaethisms.

Das war einfach ein Wortspiel, weil die meisten Leute wissen, dass ich nicht an Gott glaube. Und wenn die Leute unbedingt glauben wollen, dass ich dieser elende unglückliche Typ sei, sollen sie. Ich will mich damit einfach darüber lustig machen, das ganze Spiel der Vorurteile mal umdrehen. Es ist eine Art Religion.

In der man dich anbeten soll?

Nein, als Kind der Punkzeit bin ich noch immer ein wenig ein Punk und sehe mich als Teil des Publikums. Ich mache Musik, weil ich Fan von Musik bin, damit bin ich eigentlich gleich wie meine Zuschauer. Und solange ich weiss, dass die anderen bezahlen, um mich zu sehen und um eine gemeinsame Nacht zu haben, so verlangt das von mir, dass ich wirklich gut spiele und etwas biete.

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