Gesellschaft | 19.04.2010

Ein Tag in Brüssel

Text von David Naef | Bilder von David Naef
Brüssel ist die Hauptstadt der Europäischen Union. Moderne Bürokomplexe und protzige Diplomatenwagen sind aber nicht alles, was der Reisende in der belgischen Metropole antrifft.
Eu-Parlamentsgebäude "Quartierlädeli" Comics tauchen immer wieder auf an Hauswänden. Die EU-Hauptstadt ist zweisprachig. Aussenpolitische Mobilität.
Bild: David Naef

Frühmorgens macht Brüssel den Eindruck eines verschlafenen Städtchens auf dem Lande. Einzig die blaugelben Flaggen der Europäischen Union flattern im Wind. Sie hängen an mächtigen Glasfassaden, hinter denen wochentags zahlreiche Diplomaten, Parlamentarier und Beamte ihrer Arbeit nachgehen. Brüssel ist Hauptsitz der Europäischen Union.

Der Geschichtenerzähler

Je weiter die Sonne am Himmel wandert, desto belebter werden Brüssels Strassen. Polizeiwagen mit Sirenen – man könnte meinen sie seien vom Drehset einer amerikanischen Krimifernsehserien geklaut – verfolgen Raser quer durch die Innenstadt, Kellner preisen in den schmalen Gässchen der Altstadt ihre besten und günstigsten Mahlzeiten an, Touristen knipsen auf dem Grand Place vor dem Rathaus ihre Speicherkarten voll.

Unbeirrt vom ganzen Geschehen, erzählt uns ein älterer Herr von Brüssels Attraktionen. Er ist einfach gekleidet und seine grauen Haare versteckt er unter einem Béret. Genau so, wie man sich einen klassischen Franzosen vorstellen würde. Immer wieder hält der Stadtführer überraschend abrupt an, wendet sich uns zu und weiss etwas in Deutsch mit flämischem Akzent zu erzählen. Brüssel kennt er wie seine eigene Westentasche. Einmal erzählt er, was die Fassaden der Zunfthäuser auf dem Grand Place bedeuten: Der Anker im Wasser, der undeutlich in eine Hausfassade gemeisselt ist, beweise, dass dort Seefahrer gelebt hätten. Ein anderes Mal weist der Stadtführer auf die Metro, die gleich unter den Füssen durchdonnern soll.

Des Belgiers grösster Stolz  

Immer wieder kommt er auf ein bestimmtes Getränk zu sprechen, das ihm besonders zu behagen scheint: das Bier, des Belgiers grösster Stolz. Hier eine Bar, dort eine Beiz, dieses Spezialbier müsse man ausprobieren und in jener Zunft einkehren. Auf diese Art legt uns der Reiseführer Belgiens Bier ans Herz. So fein es auch sein mag, Bier hat seine Nachteile. Zu riechen bekommt man davon besonders in der Bahnhofsunterführung, wo einem der Geruch von getrocknetem Urin entgegenschlägt.

Trotz des Gestanks trifft man dort auf einige Strassenbrüder. Die Unterführung schützt sie vor Wind und Wetter. Teure Diplomatenfahrzeuge und Hotels mit Zimmerservice kann man sich in dieser Gesellschaftsschicht nicht leisten. Einfache Einkaufswagen mit allem Hab und Gut und Nachtquartiere aus altem Karton und Zeitungen bieten die einzige Alternative. Ein starker Kontrast zum teuren Europa-Brüssel.