Gesellschaft | 12.04.2010

Countdown am Bollwerk

Text von Christian Wyler | Bilder von quinnie.ch
Die Krise im Studiofilmbereich fordert auch in Bern Opfer. Das Kino Cinemastar und die Cinébar stehen vor der Schliessung. Ein Nachruf auf ein Refugium der Gemütlichkeit.
Kein Happyend fürs Kino Cinemastar. Zurzeit flimmern die letzten Filme über die Leinwand. Die gemütliche Cinébar am Bollwerk ist längst kein Geheimtipp unter Bernern mehr.
Bild: quinnie.ch

Hinter eng gedrängten Fahrrädern verbarrikadiert und von einer lärmigen Strasse umtost, erhebt sich neben dem Bahnhof Bern grau in grau das Bollwerk. An diesem ungemütlichen Durchgangsort zwischen Einkaufsstrassen, ehemaligem Progymnasium und Reithalle gelegen, lädt die Cinébar seit über sieben Jahren Tag für Tag zum Verweilen ein.

 

Aus für Cinébar und Kino Cinemastar

Nur sechs Tische finden hier Platz, dazu ein winziger Vorplatz mit Aussicht auf vorbeidröhnende Autos und die Glasfassade des Bahnhofs. Trotzdem hat die Cinébar es zu einer beachtlichen Stammkundschaft gebracht. Am Nachmittag ist die Bar ein gemütliches Café zum Plaudern, am Wochenende hingegen meist bis zum Bersten gefüllt. Man setzt sich gerne zu fremden Leuten und kommt viel schneller ins Gespräch, als das für Berner Verhältnisse üblich ist. Selbst in Zürich und Basel kennen viele diesen Anlaufpunkt.

 

Damit ist es nun aus: Die Cinébar und das Kino Cinemastar schliessen Ende Mai ihre Tore. Die Kinokette Quinnie, welche die Lokale bisher betrieb, muss ihr Angebot aus wirtschaftlichen Gründen reduzieren. Die in den letzten Wochen viel zitierte Konkurrenz durch das 2009 eröffnete Freizeitzentrum Westside spielt dabei gewiss eine Rolle. Die Besucherzahlen waren aber auch schon vor der Eröffnung dieser Kino-Massenabfertigung rückläufig. Die Gründe hierfür liegen auch bei den Filmproduktionen selber, welche nicht mehr so viele Zuschauer anziehen, denn die Besucherzahlen der Berner Kinos insgesamt nahmen sogar zu.

 

Verpasste Chancen, kein Nachfolgelokal

 

Thomas Körfer, welcher die Quinnie-Gruppe im Jahr 2000 übernommen hat, spricht im „Bund“-Interview vom vergangenen Samstag von einer schweizweiten Krise der Arthousekinos. Auch in Basel muss das Kino Movie schliessen. Was die Verantwortlichen offenbar nicht einsehen wollen: Quinnie hat es in den vergangenen Jahren wiederholt verpasst, sich auf dem Markt und vor allem in der Wahrnehmung des Publikums stärker als Anbieter von Studiofilmen zu etablieren. So dürfte den wenigsten Bernern klar sein, wie die Filmaufteilung zwischen den beiden grossen Berner Kinoketten funktioniert: Kitag zeigt Blockbuster, Quinnie Studiofilme.

 

Da die Cinébar zusammen mit dem Kino Cinemastar betrieben wird, geht sie mit diesem unter. Auf Profitmaximierung spekulierende Vermieter und Verwalter tragen das Übrige dazu bei, dass es für eine Weiterführung der Bar unter neuen Betreibern schlecht aussieht: In der Hoffnung, einen Investor mit grösserem finanziellem Spielraum zu finden, werden Interessenten für eine Barübernahme so lange wie möglich hingehalten – für die Betroffenen wohl zu lang.

 

Chefetage sieht Fehler nicht ein

Denn während die Verwaltung darauf setzt, im letzten Moment ein besseres Angebot zu erhalten, können die aktuellen Interessenten, welche die Bar weiterführen möchten, nicht riskieren, am Ende ohne Job dazustehen.

 

Während also Gewinne der Vermieter auf Kosten beruflicher Existenzen ins Maximum gesteigert werden sollen, während die Chefetage Fehler der Vergangenheit immer noch nicht einsehen will und auch die geschrumpfte Quinnie-Gruppe darunter in Zukunft wohl zu leiden haben wird, brechen nun die letzten Wochen der Cinébar an. Und bald schon wird Bern um einen kleinen, aber gemütlichen Ort ärmer sein.