Kultur | 12.04.2010

„Bringt mir eure Kinder, ich versau‘ sie“

Text von Laura Kissling | Bilder von Laura Kissling.
Wir schreiben den 01. April 2010. Gründonnerstag. Startschuss für das Rauchverbot in der Stadt Basel. Aber Moment, darum geht's ja gar nicht, denn am vergangenen Donnerstag stand noch ein anderes Ereignis an. Basel wurde von Jennifer Rostock heimgesucht. Sie sind laut, sie sind schrill, sie sind vulgär und lasziv. Und sie haben das Sommercasino an diesem Abend zum Kochen gebracht.
Jennifer Weist zieht alle Blicke auf sich.
Bild: Laura Kissling.

Jennifer Rostock ist eine deutsche Electro-Pop- undPunk-Band rund um Sängerin Jennifer Weist. Sängerin Jennifer und Keyboarder Joe gründeten 2006 gemeinsam die fünfköpfige Combo. 2008 nahmen sie an Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ teil, wo sie mit ihrer Debütsingle «Kopf oder Zahl« für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern antraten und dabei den fünften Platz belegten.

Wer Jennifer Rostock schon einmal gesehen hat, weiss, dass vor allem Sängerin Weist die Blicke auf sich zieht. Fünf Piercings schmücken allein Mund und Nase der Sängerin. Doch damit nicht genug: Hals, Dekolletee und Arme sind fast komplett bedeckt mit Tattoos. Das ganze mag anfangs schockieren und störend wirken, doch merkt man schnell: Es passt einfach zu Jennifer Weist.

Jennifer-Doubles

Das Publikum wirkte schon beim Anstehen vor dem Club reichlich durchmischt. Man sah waschechte „Jennifer-Rostock“-Doubles, Punks, Rocker, aber auch viele unscheinbare Gestalten. Direkt vor der Bühne tummelten sich einige lesbische Pärchen, bei welchen man kaum überhören konnte, dass dies nicht ihre erste Begegnung mit der Band war.

Um 22 Uhr eroberten die Indie-Pop Band Ludwig Van aus Flensburg die Bühne. Leider fiel es der jungen deutschen Band sichtlich schwer, das Publikum zu überzeugen. Ihre Musik schien zwar zu gefallen – doch blieb es bei ein paar wenigen „Ausbrüchen“ von Seiten des Publikums. Da half auch das mehrmalige Erwähnen von Jennifer Rostock nur kurzweilig.

Musik, Spass & Alkohol

Nach einer kurzen Umbauphase betraten eine halbe Stunde später die Rostocker die Bretter der Sommercasino-Bühne. Sängerin Weist suchte dabei gleich zu Beginn die Nähe zum Publikum. Natürlich half dabei auch die Grösse des Clubs, in welchem das Publikum ohne Absperrung direkt an der Bühne steht. Nach einem Song startete Weist die Suche nach ihrem Becher Jägermeister – welcher sie durch den Rest des Konzertes begleitete. Neben der Musik stehen bei Konzerten von Jennifer Rostock vor allem Spass und Alkohol ganz weit oben, und das verbergen sie auch nicht. „Bringt mir eure Kinder her, ich versau‘ sie“, war dann auch eine baldige Aufforderung ans Publikum.

Lasziv mit viel Dräck

Es war schnell klar, dass die Konversation mit dem Publikum fast durchgehend auf recht tiefem Niveau stattfinden wird. Und doch wirkten Jennifer Rostock nicht billig oder durchwegs primitiv. Eher lasziv mit einer sehr grossen Portion Dräck, wie es Chris von Rohr vermutlich sagen würde. Besonders die jungen Mädchen in den ersten Reihen wurden von ihr zu allen möglichen Taten aufgefordert. So durften sie die Sängerin an fast allen Intimbereichen anfassen – was diese dann umgekehrt auch sichtlich erfreut beim Publikum tat.

Als einer der Höhepunkte darf das Keyboard-Solo von Joe bezeichnet werden, welcher mit bewusst schräger Stimme ein Medley aus „If I Were A Boy“ (Beyoncé), „Material Girl“ (Madonna), „I’m Not A Girl, Not Yet A Woman“ (Britney Spears) und „Girls Just Wanna Have Fun“ (Cyndi Lauper) zum Besten gab. Auch ein Gast aus dem Publikum fehlte nicht, und so präsentierte der Basler Basil eine erotische Beatbox-Darbietung auf der Bühne.

Mit den drei Zugabe-Songs „Feuer“, „Wo willst du hin“ und „Nenn mich nicht Jenny“ gaben die fünf Rostocker dann zum Schluss noch einmal so richtig Gas und heizten dem Publikum mächtig ein. Der Saal tobte und es wurde kräftig getanzt.

Ein Konzert von Jennifer Rostock schwankt mit Sicherheit auf einem schmalen Grad zwischen lustig und niveaulos. Aber eines kann man mit Gewissheit sagen: Es bleibt für eine ganze Weile in Erinnerung.