Gesellschaft | 19.04.2010

Billig in Südfrankreich

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser
Uns schwirrte schon lange die Idee einer gemeinsamen Südfrankreichreise im Kopf herum. Doch als Kantischülerin ohne regelmässiges Nebeneinkommen und ohne finanzielle Unterstützung der Eltern muss man in den Ferien das Portemonnaie schonen, wenn man Ende Monat keine rote Zahlen schreiben möchte. Kein Problem, wenn man sich damit abfindet.
Leben wie Gott in Frankreich: Max scheint es zu gefallen. Abendstimmung an der Garonne. In Toulouse kostenlos zu geniessen. Das sind Macarons, keine Luxemburgerli. Trotzdem gut. Aix-en-Provence hat schon Cézanne um den Finger gewickelt.
Bild: Seraina Manser

Toulouse – la ville rose

Unsere erste Reisedestination heisst Toulouse, Hauptstadt der Region Midi-Pyrénées, auch “ville rose” genannt aufgrund der überwiegend roten Ziegelgebäude. Ein Flugzeug der Billigfluggesellschaft Easyjet bringt uns für schlappe 35 Franken von Genf nach Toulouse. Das Zugbillett für die gleiche Strecke möge wohl viermal so viel kosten, würde mir allerdings als Umweltbewusste im Gegensatz zum Flug kein schlechtes Gewissen bereiten. Doch unsere Mission ist ja: so billig wie möglich.

In Toulouse wohnen wir bei einem 65-jährigen Südfranzosen wie aus dem Bilderbuch namens Didier, seinem yoga-angefressenen Sohn Clément und seinem tauben, heiseren, uralten Hund Max. Didier hat sich seinen grossen Traum erfüllt und in Toulouse eine Jugendherberge namens Auberge de Compostelle eröffnet.

Weil die Herberge ausgebucht ist, bringt uns Didier kurzerhand in seinem Gästezimmer mit eigenem Bad unter. Pro Nacht und Person zahlen wir 18 Euro, wir dürfen in seiner Küche kochen, auf dem Klavier klimpern, seinen Computer benutzen und die frisch gelegten Eier seiner Hühner verspeisen. Obwohl das Haus sehr zentral gelegen ist, kommt es einem, sobald man den Hof betreten hat, vor, als befände man sich auf dem Lande. Didier besitzt fünf Hühner, Orangenbäume und Hibiskussträucher, im Garten zwitschern die Vögel. Als waschechter Toulousaner mit entsprechendem Dialekt, versorgt er uns mit guten Tipps und Tricks für das Erkunden der Ville rose.

Toulouse ist gerade nach Paris die Stadt mit den meisten Studenten. An einem Montagabend ist so viel los, wie bei uns nicht einmal am Samstag. Die Studenten treffen sich am Platz Saint-Pierre, gelegen am breiten Kanal der Garonne. Auffällig ist, dass alle bestens drauf sind, chic, überaus freundlich und zuvorkommend. Nach zwei kurzen Nächten in Toulouse nehmen wir den “Train” Richtung Montpellier, an den Bahnhof gebracht werden wir vom Privattaxi Didier.

Montpellier – la ville blanche

Ein Regionalzug bringt uns in zwei Stunden nach Montpellier, als erstes fallen mir die weissen Gebäude und gepflasterten Strassen auf, alles wirkt reinlich und frisch, dazu hat sicher auch der nächtliche Regen seinen Teil beigesteuert.

Die Jugendherberge in Montpellier verlangt pro Nacht 16.70 Euro, die Zimmer sind klein und düster, die Badezimmer schmutzig und stinkend, das Zmorgenbuffet mickrig, doch was solls: Es ist nur eine Nacht, denken wir und stürzen uns ins Stadtleben.

Montpellier besitzt als eine der wenigen Städte Frankreichs kein römisches Erbe, sondern wurde von den Grafen von Toulouse relativ spät gegründet. Es ist eine ausserordentlich fussgängerfreundliche Stadt, mit vielen Strassencafés, die zum Verweilen einladen. Die Studenten machen einen Viertel der Bevölkerung aus, so wie es scheint führen sie ein schönes Leben: Sie pilgern von Café zu Café, führen hitzige Diskussionen und spannende Gespräche, stets rauchend. Nicht immer reicht mein Schulfranzösisch aus, um alles Belauschte zu verstehen.

Kebabläden, marokkanische, indische, thailändische Restaurants reihen sich neben Crèperien, Spielzeugboutiquen, Vintageläden und Edelshops. Preiswert und lecker sind vor allem die Restaurant in den Seitengässchen.

Wie Toulouse besitzt auch Montpellier ein ausgeklügeltes Fahrradverleihsystem, an mehreren Plätzen stehen Velos zu Verfügung, die man billig ausleihen und dann wieder an einer anderen Station zurückgeben kann, allerdings braucht man dazu eine französische Kreditkarte. Jeder fährt Rad, die alte Oma wie auch der junge Musiker mit Gitarre auf dem Rücken.

Aix-en-Provence – la ville de Cézanne

Aix ist stolz auf ihren berühmten Sohn, den Maler Paul Cézanne. Restaurant Cézanne, Kino Cézanne, Boutique Cézanne, all dies gibts im eleganten Aix-en-Provence. Die preiswerte Auberge de Jeunesse befindet sich einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, der letzte Bus fährt schon um 22 Uhr. Der hilfsbereite César im Office de Tourisme empfiehlt uns ein Hotel im Zentrum, für nur 42 Euro pro Doppelzimmer, zudem verrät er uns ein Secret: wie er wisse, sei es möglich zu dritt ein Doppelzimmer zu bewohnen, ohne dass es die Hotelleitung bemerke. Das schlechte Gewissen dem Hotel gegenüber wird schnell von unserem Motto vertrieben: “Spar, wo du kannst!” Mit ausgeklügeltem Täuschungssystem, dank der Tatsache, dass zwei von uns Zwillinge sind, und dank einer Hintertüre, meinen wir den Nachtportier täuschen zu können. Es klappt nicht ganz, doch dank dem “Tränendrüsen-wir-haben-zu-wenig-Geld-übrig-Trick” lässt er uns zu dritt in einem Doppelbett nächtigen.

Die zahlreichen Chocolatiers verführen uns mit ihren wunderschönen, manchmal kitschig gestalteten Schaufenstern. Mit dem Zug gehts am nächsten Tag weiter nach Nice, wir strecken kurz unsre Füsse ins stürmische Mittelmeer und schon heisst’s: ab zum Flughafen. Unser Easyjet hebt schliesslich mit knapp zwei Stunden Verspätung Richtung Genève ab.

Fazit


Mit circa 500 Franken für vier Übernachtungen, zwei Flüge, fünf Zugfahrten, für Restaurant- und Cafébesuche und zahlreiche ergatterte Ausverkaufsstücke und Postkarten haben wir doch ziemlich billige Ferien verbracht, auch wenn es nicht immer Spass machte, jeden Euro umzudrehen. Manchmal dachten wir nämlich daran, was wir machen würden, wenn wir unbeschränkt Geld zur Verfügung hätten: in einem chicen Hotel übernachten und in gestylten Restaurants dinieren. Doch zahlreiche Erfahrungen, die man nur in Billigabsteigen macht oder Studenten, die man nur dank Insidertipps trifft, hätten wir wohl so missen müssen. Man muss bereit sein, Kompromisse einzugehen. Man muss auf verspätete Billigflieger warten oder in dreckigen Bädern duschen. So hab ich allerdings auch noch Geld übrig für die Ferien, die ich jetzt schon am Planen bin.