Gesellschaft | 19.04.2010

Bergauf, bergab im bolivianischen Hochland

Text von Corina Fuhrer | Bilder von Tobias Pulver
Seit zwei Wochen reist die Reporterin in Südamerika herum. Ihr erstes grosses Abenteuer führt sie in die Anden Boliviens. Eine Exkursion mit unerwartetem Ausgang.
Lamas auf dem kargen Weideland. Lagune weiter oben.
Bild: Tobias Pulver

Um sechs Uhr morgens verlassen wir das Dorf und machen uns auf in Richtung Gebirge. Unser Ziel: der Tunari, ein 5200 Meter hoher Berg in den Anden Boliviens. Ein kleiner Bus fährt uns über eine holprige Schotterpiste zum Ausganspunkt auf circa 4200 Meter über Meer.

Gnadenlose Bergwelt  

Von da an müssen wir zu Fuss weitergehen, da die Strasse immer löchriger wird und offensichtlich nicht für unser Gefährt gemacht ist. Den Fusspfad entlang zu wandern, stellt sich als unglaublich anstrengend heraus. Die Einheimischen haben uns zwar vor der gewaltigen Höhe gewarnt, jedoch wollen wir uns dem Abenteuer selbst stellen. Für mich endet dieses aber rasanter und gravierender als gedacht.

Nur drei Stunden und 400 Höhenmeter später bleibt mir nichts anderes übrig, als umzukehren. Nachdem ich zu Beginn des Aufstiegs an Durchfall gelitten habe, scheint nun mein Kopf zu explodieren und mir wird furchtbar übel. Dadurch ist es mir auch verwehrt zu essen und meine Kraft schwindet. Diese Symptome sind beim Bergsteigen in dieser Höhe keinesfalls selten, noch Unglücklichere als ich mussten schon hinunter getragen werden. So ergebe ich mich und lasse den Felsen gewinnen. Meine Freunde ziehen weiter und ich trete wohl oder übel den Rückweg an. Die Wut treibt mir die Tränen in die Augen, doch ich habe keine Wahl. Die Höhenkrankheit, auch Soroche genannt, entpuppt sich als unerbittlich und kompromisslos.    

Überraschung beim Abstieg

Während ich bergab schleiche, hält plötzlich ein Auto neben mir. Nach kurzem Zögern steige ich ein. Die richtige Entscheidung, wie sich herausstellt. Der Jeep gehört einer einheimischen Familie, welche mich neugierig begrüsst. Wir schaukeln los und ich beantworte geduldig alle ihre Fragen. Woher ich komme, wie es mir hier gefällt, ob ich irgendwann nach Bolivien zurückkehren möchte. Zum Glück besuche ich in Cochabmba seit einer Woche eine Spanischschule. Innerlich preise ich meinen Durchhaltewillen, und das daraus resultierende, wenn auch noch etwas spärliche, Spanisch. Zumindest eine simple Konversation ist möglich. 

Die wenigen Bewohner hier im Gebirge sind stolz auf ihr Land, zeigen und erzählen mir alles. Kahle, endlose Flächen bieten gerade genug Weideland für unzählige Lamaherden, bevor sich die Gegend weiter oben in Splitt und Kies verwandelt. Die Fauna umfasst ausserdem Kondoren, Vikunjas und Alpakas, welche ich aber leider nicht zu Gesicht kriege. 

Die Visitenkarte  

Ich erfahre, dass die Familie etwas weiter unten am Hang lebt. Die Tochter hat soeben ihr Tourismusstudium abgeschlossen. Der eigentliche Tätigkeitsbereich in den Anden ist das Agrarwesen, doch vom Vater erfahre ich, dass eine Mountainbikestrecke und andere Attraktionen für Besucher in Planung sind. Mit strahlenden Augen berichtet die Familie von einer touristischen Zukunft, und ich weiss nicht, ob ich mich von ihrem unaufhörlichen Redeschwall eher beunruhigen oder belustigen lassen soll.    

Nachdem die Kinder mit ihrem Mobiltelefon einige Fotos von mir geschossen haben, drückt mir der Vater noch seine Visitenkarte in die Hand. Wäre sie nicht in Spanisch verfasst, würde man die „Tarjeta“ ihrer Professionalität nach wohl glatt einem europäischen Geschäftsmann zuordnen. Die Familienmitglieder wünschen mir Glück, alle betonen mehrmals, dass ich immer herzlich wilkommen sein werde in ihrem Heim. Obwohl ich sie gerne besuchen würde, fürchte ich, dass uns die Reise wohl kein zweites Mal in diese verlassene Gegend führen wird. Ich winke zum Abschied und bin trotz meines erbärmlichen Zustands, dessen ich mir erst jetzt wieder bewusst werde, dankbar über den Ausflug zum Tunari.    

Während mir eine gnadenlose Bergwelt fast die Luft zum Atmen raubte, hielt mir zeitgleich sein Volk eine ausgestreckte, helfende Hand entgegen.

Die Autorin


Corina Fuhrer (19) aus Bern berichtet auf Tink.ch von ihrer Reise durch Südamerika.