Kultur | 29.03.2010

Wenn eine Stadt zum Festivalgelände wird

Vom 17. bis 21. März fand zum 24. Mal das South by Southwest in Austin, Texas, statt. Die Musik nahm die Stadt in Beschlag, es spielten Bands hinter jeder Türe und vor jedem Haus. Dies alles zum grössten Indie-Festival der Welt.
Konzerte an jedem Ort.
Bild: Martin Sigrist You Say Party, Wie Say Die! als Teil des Nachmittags von Kanada. Konzerte in Hinterhöfen. Kostenloses Buffet bei den Franzosen. Kostenloser Alkohol als Teil der Nachmittagsparties. Langes Warten vor den Clubs.

Das zum grössten Musikfestival der Welt gewachsene SXSW präsentierte dem Publikum fast 2’000 Bands auf rund 100 Bühnen aus Pop, Rock, Elektro, Folk und vielem mehr. Dazu nahmen die Bands schlichte gesagt die ganze Stadt in Beschlag. Konzerte fanden hinter jeder Türe, vor jedem Haus, in jedem Garten und an jedem anderen erdenklichen Ort statt.

Nicht europäisch

Der offizielle Teil der Konzerte waren mehrheitlich auf Indoor-Clubs und -Bars verteilt, so dass nicht das bekannte europäische Festivalgefühl aufkommen wollte und die Besucher nicht mal schnell zwischen Bühnen spazieren konnten. Jeder Lokalwechsel war erneut mit einer Einlasskontrolle verbunden. So waren längere Wartezeiten zumindest abends und vor den beliebteren Lokalen keine Seltenheit. Entweder weil das Lokal schon voll war, die Alterskontrolle seine Zeit dauerte oder aber weil ein Platz auf der Gästeliste und dessen langwierige Kontrolle kostenlosen Eintritt ermöglichte. Viele Veranstaltungen konnten jedoch auch ohne den sehr teuren Musikpass beziehungsweise die Tageseintritte besucht werden. Dazu musste der Festivalbesuch gut geplant werden, um auf die zahlreichen Gästelisten zu gelangen. Panik konnte aber meist unterbleiben, denn die Musik war ganz allgemein auf einem sehr hohen Niveau, so dass ein einfacher Gang durch die Strassen und die Klubs immer mal wieder ein musikalisches Juwel zu Tage fördern konnte.

Stadt als Festivalgelände

Zahlreiche andere Lokale haben sich inoffiziell am Festival beteiligt, in dem sie ihren Garten, einen verlassenen Parkplatz oder ein leerstehendes Haus kurzerhand zum Club umfunktionierten. Die Innenstadt war somit zu einem riesigen Festivalgelände angewachsen, auf dem ein Fussmarsch in jede Richtung einer Entdeckungsreise musikalisch und bezüglich der Lokale glich. Das Festival konnte von einer Stadt profitieren, die das ganze Jahr über eine beachtliche Dichte an Lokalen für Musik aller Art aufweist.

Die kaum mehr überschaubaren Konzerte waren meist als Showcases gehalten, dauerten also gerade mal knapp 20 Minuten. So konnten innert kurzer Zeit zahlreiche Konzerte geschaut und gehört werden, was jedoch an die Aufnahmefähigkeit der Besucher eine besondere Hausforderung stellte. Nicht ganz grundlos empfiehlt das Festival den Besuchern zwar einen Plan, ohne sich jedoch dann tatsächlich daran zu halten. Auch die Technik war dieser aussergewöhnlichen Stresssituation nicht immer gewachsen. Vom Stress der einzelnen Bands zu schweigen, die zwischen ihren Shows teilweise kaum Zeit hatten, ab- und aufzubauen. Durch die Anzahl Konzerte spielten Bands auch mal vor nur einer Handvoll Zuhörern.

Ein bisschen Heimat

Bereits vor dem abendlichen Konzertmarathon boten Interessengruppen einzelner Nationen einen Einblick in ein spezifisches Musikschaffen, so veranstalteten zum Beispiel Frankreich, Den Haag, Grossbritannien, Kanada oder das Reeperbahnfestival Hamburg eigene Nachmittagsparties, bei denen sie bei kostenlosem Essen und Trinken – einschliesslich Champagner (Frankreich) oder importiertem Bier (Deutschland) – Konzerte aus der Heimat präsentierten.

Kaum ein Konzert fiel durch

Unter den sehr zahlreichen Bands waren Newcomer auf der Suche nach einem Plattenvertrag genau so vertreten wie Weltstars, die trotzdem, wenn auch sehr kurzfristig, einen Auftritt im kleinen Rahmen boten. So spielten etwa Scissors Sisters oder Muse vor einen Kleinstpublikum von gerade mal 2’500 Personen, wobei diese Konzerte trotzdem zu den grössten des Festivals zählten. Aus dem In- und Ausland auf eigene Kosten angereist, scheint sich ein Auftritt am SXSW auf jeden Fall zu lohnen, denn aufgetreten wird ohne Gage, einfach mit der Hoffnung, sich einen Namen machen zu können und vielleicht vor dem richtigen Publikum einen weiteren Schritt in die Zukunft zu machen. Die Auswahl der Bands beeindruckte, trotz der Masse fiel kaum ein Konzert qualitativ durch.

Auch mal ohne schön

Durch die schiere Grösse und der zentralen Lage inmitten und sogar als Teil der Innenstadt bot das Festival eine einzigartige Atmosphäre. Musik spielte überall, so dass das Festival auch ungeplant und ohne Pass besucht werden konnte. Vor Reizüberflutung sei jedoch gewarnt, genau so vor schlechtem Wetter, denn Austin zeigte sich übers Festival-Wochenende von seiner bitterkalten Seite. So war doch froh, wer sich in einem Club aufwärmen konnte. Und es gab auch Momente, wo es einfach schön war, fünf Minuten keine Musik zu hören.

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