Kultur | 08.03.2010

Tanz mit dem Kopfhörer

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser
«Welch komische Kreaturen sind denn das?", hat sich wohl manch Unwissender gedacht, der in der Samstagnacht am Parkplatz vor der Grabenhalle vorbei kam. "Sie tanzen anscheinend zu Musik, die nur sie hören können!" Zum dritten Mal schon fand die stille Fete, "Silentparty" genannt, in St.Gallen statt. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art.
Party ohne Lärmklagen: Die Silentparties haben Potential, insbesondere in Sommernächten. Can you see the groove? Funk oder Hits aus drei Jahrzehnten, die Hörer haben die Wahl.
Bild: Seraina Manser

Nachdem man 20 Franken bezahlt und seine ID als Depot hinterlassen hat, bekommt man einen schwarzen, kabellosen Kopfhörer ausgehändigt. An der rechten Muschel wählt man mittels Hebelchen zwischen den zwei Sendern und passt die Lautstärke seinen eigenen Bedürfnissen an. Die Reichweite des Netzes betrage rund 200 Meter, erklärt mir der Kopfhörerverteiler, wobei man natürlich mit steigender Entfernung von DJ-Pult und Grabenhalle mit Funklöchern rechnen müsse.

Den bequemen Kopfhörer übergestülpt, dröhnt mir sogleich „Aquarius“ aus „Hair“ in den Gehörgang. DJ Don Philippo ist zuständig für den Sender A, seine ausgewählten Hits aus den 70ern bis heute werden per Funk zu den Kopfhörerträgern übermittelt. Wer nicht so auf Mitsinghits steht, kann auf Sender B zum Funkmeister Mister Fitz wechseln.

Sing doch mit!

Anfangs ist es gewöhnungsbedürftig, denn man weiss ja nicht, ob der tanzende Nachbar wirklich so ein schlechtes Rhythmus- und Tanzgefühl hat oder einfach gerade den anderen Sender hört. Das Umschalten des eigenen Kanals beantwortet meist die Frage.

Will man jemandem kurz etwas mitteilen, muss man nicht wie sonst an Parties üblich seine Stimmbänder überstrapazieren indem man herumschreit, sondern man nimmt kurz seinen Kopfhörer ab und unterhält sich auf Zimmerlautstärke. Lässt man den Kopfhörer dann kurz unbenutzt, bieten sich einem skurrile Szenen: So singt zum Beispiel ein Teenie lautstark – und falsch – zu „Sex Machine“ mit. Für ihn, der die Begleitung mithört, muss es wohl fantastisch tönen, die Kopfhörerlosen wissen allerdings, das dem nicht so ist.

Spärlich besucht

Leider haben an diesem winterlichen Abend nur wenige den Weg an Eisbären und Eiszapfen vorbei in die Grabenhalle gefunden: über fehlende Tanzfläche musste man sich nicht beklagen.

An der vorherigen Silentparty am 15. Januar tummelten sich weit mehr Tanzfreudige in der Grabenhalle, viele wichen kurzerhand aufgrund Platzmangels auf den Parkplatz aus, kein Problem, denn hören tut man die Musik dort ja immer noch, fast bis zur UG24-Tankstelle reicht das Netz. Auch wechselten sich damals die DJs im Zwei-Stundentakt ab, am letzten Samstag musste man sich leider mit zweien begnügen.

Der Reiz einer Silentparty ist natürlich grösser, wenn sie draussen stattfindet, so wie damals im August 2009 beim Bahnhof St. Fiden. Aber zum Glück ist der Sommer nicht mehr weit, denn ehrlich gesagt: Auf vereistem Parkplatzboden sehen die Tanz-Moves einfach nicht so aus wie sie sollten.

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