Gesellschaft | 29.03.2010

Suche nach dem Gleichgewicht der Welt

Wie ist es um den fairen Handel auf dieser Welt bestellt? Eine Konferenz an der ETH widmete sich diesem Thema. Wir stellten Fragen an den Experten.
Raphael Dischl: "Es gibt durchaus ermutigende Ansätze."
Bild: Alicia Portenier Diese Frage beschäftigte die Konverenzteilnehmer an der ETH Zürich während zwei Tagen. PD Konferenzteilnehmer auf der Spur nach dem fairen Handel. PD

Am 26. und 27. März fand an der ETH Zürich eine Konferenz zum Thema “fairer Handel” statt. Referate, Diskussionen und Workshops sollten das eigene Konsumverhalten hinterfragen, gegen entmutigende Statistiken argumentieren und konkrete Lösungsansätze suchen. Wie sieht nun die Realität aus: Ernüchternde Bilanz oder Aufkommen eines hoffnungsvollen Trends?

Auf einem Werbeplakat zum Anlass war zu lesen: “Läuft da was krumm?” Eine rhetorische Frage, denn die Antwort ist all bekannt. Wieder einmal bekam man Fakten an den Kopf geschmettert, die man zu Genüge kennt und einen immer wieder aufs Neue erschüttern: Dass das Rohmaterial unserer Kleider mit Unmengen von Pestiziden bespritzt wird – nicht selten von Kinderhand. Oder dass sich die Lebenserwartung unserer so genannten Turbokühe wegen der Forderung hoher Produktionsmengen in der Landwirtschaft von 20 auf fünf Jahre reduziert hat und dass gigantische Flächen Regenwald gerodet werden, um Plantagen für unser Viehfutter anzubauen.

Das sagt der Experte:

Raphael Dischl ist bei Helvetas für die Projektbetreuung im Fairtrade- und Biobereich zuständig. Seine Arbeit bezeichnet er als Kampf gegen Windmühlen, dennoch glaubt er an die Entwicklung positiver Tendenzen.

Der Anteil an Fairtradeprodukten am Welthandel beträgt 0.03 %. Sehen Sie schwarz?

Raphael Dischl: Überhaupt nicht. Auch ein kleiner Markt kann Auswirkungen haben. Bei Nahrungsmitteln und Textilien sind grosse Erfolge zu verzeichnen. Der im Fairtradebereich noch etwas neuere Textilmarkt kommt in der Schweiz immer mehr auf. Das  Fairtrade Label allein genügt nicht für den erfolgreichen Verkauf der Produkte. Ebenso entscheidend ist die Einhaltung hoher Qualitätsanforderungen.

Industrien, bei denen im grossen Stil Menschen ausgebeutet werden, sind die Elektro- und die Autoindustrie. Es ist schwierig nachzuvollziehen, welches die Herkunft eines im Auto integrierten Metallteilchens ist. Der Fairtradeansatz hinkt da anscheinend etwas hinterher.

Das Bewusstsein der Konsumenten ist geringer. Solche Produkte sind weniger fassbar und man isst sie nicht. Der Weg vom Produzenten zum Konsumenten ist länger. Schon bei Textilien war die Etablierung eines Fairtrademarktes schwieriger, da die Verarbeitung der Produkte komplexer ist.

Aber es gibt ermutigende Ansätze. Zum Beispiel haben “Terre des hommes” und “Brot für alle” Initiativen, wo die Einführung von fairen Standards in der Elektroindustrie angestrebt wird. Eine interessante Debatte wird auch zum Handel mit Stein geführt. Die Schweizer Arbeitshilfswerkinitiative arbeitet mit öffentlichen Beschaffern zusammen, die grosse Mengen aus China importieren, wo oft Mindeststandards nicht eingehalten werden. Dies versuchen sie zu ändern.

Die Schweiz ist das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Konsum an Fairtradeprodukten. Denken wir sozialer als andere?

Der Schweizer ist qualitätsbewusst, was auch für die Biobranche einen Vorteil bedeutet. Ausschlaggebend ist ebenso das hohe Wohlstandsniveau. Ein grosser Teil der Bevölkerung kann es sich leisten, den Nahrungsmittelmehrpreis zu bezahlen. Vielleicht hat auch die humanitäre Tradition einen Einfluss. Die NGO-Welt im Land ist breit und solche Themen werden politisch prominent diskutiert.

Manchmal muss man sich zwischen umweltbewusstem und sozialem Konsum entscheiden. Soll man lokale Produkte konsumieren oder Fairtradeprodukte aus ärmeren Ländern, deren Transport die Umwelt belastet?

Wenn man es schaffen würde, die Ernährungsbedürfnisse so gut wie möglich über lokale Ressourcen zu befriedigen, wäre den meisten Ländern geholfen. Es entspricht auch meiner Vorstellung von Ernährungssicherheit. Hingegen finde ich den Welthandel bei Produkten, die im Land nicht wachsen, gerechtfertigt, solange er im Mass stattfindet. Wir sind zu globalisiert, um bloss von der eigenen Produktion zu leben.

Ein konkretes Problem möchte ich am Beispiel des Zuckers veranschaulichen. In der Schweiz wird die Zuckerproduktion in hohem Masse subventioniert. Durch die erhobenen Importzölle haben südamerikanische Produzenten Probleme, ihren Zucker bei uns gewinnbringend zu verkaufen. Das ist absurd.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des fairen Handels?

Meine Vision ist, dass sich das Welthandssystem soweit verbessert, dass der faire Handel als Prinzip und Standard obsolet wird.