Kultur | 16.03.2010

„Schweizer Filme sind oft verwaschen“

An den Schweizer Jugendfilmtagen sass Sabine Timoteo in der Jury. Im Gespräch äussert sie sich zur Qualität der Beiträge und über ihre Beziehung zur Schweiz.
Fotos: Johannes Dietschi. Sabine Timoteo: "Bewusste Provokation langweilt mich."

Haben Sie an den Jugendfilmtagen schon den nächsten Tarantino entdeckt?

Ich habe ein paar Geheimfavoriten. Mich beeindrucken vor allem junge Leute, die sich mit voller Hingabe ihrer Sache widmen und im Team etwas eigenständiges schaffen. Teamfähigkeit ist im Filmbusiness sehr wichtig.


Sie waren kürzlich noch in der Jury der Berlinale. Was sind die wesentlichen Unterschiede zu diesem Festival?

Die beiden Festivals lassen sich nur schwer miteinander vergleichen. Eine Eigenschaft, die Profi- und Nachwuchsfilmer gleichermassen auszeichnet: Beide sind vor der Aufführung jeweils sehr nervös. Es ist immer schwierig, wenn ein Filmschaffender das erste Mal mit „seinem Baby“ an die Öffentlichkeit tritt und sich der Kritik aussetzt.


Würden Sie in einem Film der Jugendfilmtage mitspielen?

Zuerst möchte ich immer das Drehbuch lesen und dann die Menschen hinter dem Projekt kennenlernen. Wenn für mich alles stimmt, dann spiele ich überall mit.

Sie spielen oft provokative Rollen („Der freie Wille“, „Pepperminta“, „Räuberinnen“), die manchmal auch für Kontroversen sorgen. Wie steht es um das Provokationspotenzial der Jugendfilmtage-Teilnehmer?

Es braucht sehr viel, um mich zu provozieren. Bei gewissen Beiträgen habe ich mich angegriffen gefühlt. Es gibt gewisse Lebenseinstellungen von Jugendlichen, auf die ich allergisch bin. Und das möchte ich auch nicht fördern. Provokation sollte aber niemals die Hauptmotivation eines Filmprojekts sein, das langweilt mich.

War das, was wir im Film „Räuberinnen“ sahen, keine bewusste Provokation?

Doch, die ist in dem Fall bewusst und auch einer der Hauptinhalte dieses Projekts.


Braucht es eine Filmschule, um in diesem Business Fuss zu fassen?

Nein. Man muss nur die richtige Zielsetzung haben. Der grosse Schritt besteht aus vielen kleinen Schritten. Immer wieder ist man an einem bestimmten Ort, schaut um sich und geht je nachdem in die eine oder andere Richtung weiter. Man muss sich immer wieder aufs Neue dafür entscheiden.


Sind gewisse Charaktereingenschaften vorteilhaft?

Wenn du als Regisseurin oder Regissuer in diesem Zirkus bestehen willst, brauchts den unbedingten Glauben und Lust an der eigenen Sache, viel Durchsetzungsvermögen, Geduld und vor allem den Drang etwas erzählen zu wollen und die Gabe Probleme zu lösen. In der Schauspielerei geht es diesbezüglich ein bisschen weniger hart zu und her.

Sind Ihnen die Rollen einfach so zugeflogen?

(überlegt kurz) Ja, mir ist vieles zugeflogen. Den Druck habe ich eher von Aussen gespürt – in Form von Empörung, darüber, dass ich viele Projekte abgesagt habe und das immer noch tue. Ich weiss ziemlich genau, was ich nicht will. Das, wofür ich mich begeistere hingegen, ist immer wieder neu.

Das widerspiegelt sich auch in Ihrer vielseitigen Biographie. Sie waren erst Tänzerin, dann hatten Sie Auftritte in der Oper und Schauspielerei. Was viele nicht wissen: Sie machten eine Kochlehre, als sie bereits Schauspielerin waren.

In meinen anderen Tätigkeiten hat sich alles immer nur um mich gedreht. So war es die beste Schulung, ein Leben zu führen, das für viele Menschen alltäglich ist. Dieser Job brachte mir viel über das Leben bei, was mir in der Schauspielerei zugute kam. Durch das Leben lerne ich Schauspielern und nicht umgekehrt. Was soll ich die Arroganz haben, Menschen zu spielen, deren Leben mir eigentlich fremd sind? Das Kochen und alles was dazu gehört, brachte mich in diese Normalität zurück.

Sie leben in Bern, spielen aber die meisten Rollen in Deutschland und Österreich. Ist es als Schauspielerin einfacher, im Ausland Fuss zu fassen?

Die Filmszene in der Schweiz ist sehr klein. Es ist sicher von Vorteil, wenn man zusätzliche Plattformen wie Frankreich, Deutschland oder Österreich hat. Denn die Schweiz verzeiht keine Fehler. Bringt ein Film nicht die gewünschten Quoten, wird man abgesägt und die Fördergelder für den nächsten Film sind weg.

Ist es im Ausland anders?

Natürlich besteht dieser Erfolgsdruck auch im Ausland. Es findet sich aber ein breiteres Publikum – auch für etwas speziellere Produktionen. So sind die Regisseure unabhängiger und können besser ihr Ding durchziehen. In der Schweiz entstehen oft etwas verwaschene Produktionen, vor allem bei den Fernsehspielfilmen. Das passiert, weil hier zu viele Leute in Machtpositionen über Inhalte bestimmen dürfen und sich in kreative Prozesse einmischen, in denen sie eigentlich nichts mehr zu suchen hätten.

Obwohl Sie immer wieder wichtige Rollen spielen, sind Sie hierzulande kaum bekannt. Mag Sie die Schweiz nicht?

Darüber mach ich mir keine Gedanken. Ich geniesse es jedenfalls, dass ich hier ein ruhiges Leben führen kann. Ich bin eine Frau, die als Schauspielerin arbeitet und definitiv keine VIP.

Was sind Ihre nächsten Filmprojekte?

Nächste Woche arbeite ich drei Tage mit Filmstudenten der „Haute école d’art et de design“ in Genf. Im Sommer spiele ich – falls die Finanzierung zustande kommt – in einem deutschen Kinofilmprojekt von Ann-Kristin Reyels („Formentera“). Ich freue mich.

Erfolgreich und umstritten:


Sabine Timoteo (35) lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern in Bern. 1994 schloss sie eine Tanzausbildung in der Schweizerischen Ballettberufschule ab. Darauf folgten Engagements an der Deutschen Oper in Düsseldorf.

Für ihre erste Hauptrolle in Philip Grönings "L`amour, l`argent, l`amour" wurde Sabine Timoteo 2001 als "beste Darstellerin" mit dem Schweizer Filmpreis und dem bronzenen  Leoparden in Locarno ausgezeichnet. Einen weiteren Schweizer Filmpreis erhielt sie 2008 für ihre Rolle im Fernseh-Thriller "Nebenwirkungen".

Für Wirbel sorgten auch ihre kontroversen Darstellungen in Filmen wie "Pepperminta" oder "Räuberinnen". Durch ihre Rolle als Gabi Kunz in der Tatort-Folge "Gesang der toten Dinge" sorgte sie im letzten Jahr für erhitzte Gemüter. Viele Schweizerinnen und Schweizer empfanden das explizit ausgesprochene "Schweizerdeutsch" als "Klischiert" und "beleidigend".

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