Gesellschaft | 16.03.2010

Schwarzmalen oder Buntpinseln?

Text von Daniela Dambach | Bilder von Daniela Dambach
Alle Jahre wieder: vergangenen Samstag herrschte das Moderegiment derFachhochschule Nordwestschweiz über Basel. Mit dem Abschluss ihres Studiums "Independent Fashion Design" stellten die 21 Nachwuchsdesigner sich und ihre Schöpfungen erstmals ins Scheinwerferlicht und der Kritik der Öffentlichkeit.
Erinnerungen an die kleine Lili, die sich aus Omas Mode-Fundus bedient und sich als Lady verkleidet. Eine clevere Interpretation von alten und zeitgemässen Stilelementen, die zu individuellen Stilbrüchen aufruft. Ein bisschen verrucht, ein bisschen nackte Haut, ein bisschen verrückt -“ von allem eine Prise, zusammengefügt zu einer Kollektion mit dem gewissen Etwas. Scherenschnitt, Strick, Glattleder und geschickte Farbkombinationen sind die Zutaten für diese Kollektion, die Tradition und Innovation vereint.
Bild: Daniela Dambach

Modemarathon „im Labyrinth“

Sage und schreibe 21 Diplomandinnen und Diplomanden inszenierten in der Kaserne Basel ihre mit Neugierde erwarteten Abschlusskollektionen – so viele wie nie zuvor. Diese Vielzahl an vielfältigen Kreationen erforderte ein innovatives, zweckdienliches Showkonzept. Von allen Seiten tauchten energische Models auf, die in atemberaubendem Tempo den labyrinthartigen Laufsteg entlang stöckelten. Diese unkonventionelle Art der Präsentation vermochte die Zuschauer zwar vor Nackenstarre zu verschonen, war allerdings strapaziös und verunmöglichte den entkrampften Genuss der Defilees.

Laufband der Vielfalt

Wie an einem Laufband im Sushi-Restaurant servierten die Modeköche dem Publikum ihre Fashion-Häppchen. Die zu lebendigen Wollknäueln mutierten Männer bei Dominic Knecht, die Verschleierungsmännermode für den Räuber Hotzenplotz der Neuzeit bei Jelena Mangold oder die feminine, gesichtslose Rüschenhaube à  la Viktor & Rolf bei Martin Jascuar – das vollmundige Buffet bediente wohl die verschiedensten Geschmäcker. Im Fokus lag global betrachtet die Fragestellung, ob schwarz-weiss oder doch knallbunt das Mode-Statement der Zukunft sei. Ob turmhohe Schulterpolster oder endlos drapierte Schulterpartien als Blickpunkt, die FHNW scheint vom Schulter-Hype erfasst zu sein. Die moderne Silhouette heisst V-Linie; unten eng oben peng.

Aufatmen inmitten der Atemlosigkeit

In all dieser Hektik gelang es einigen wenigen Designern, echte Lichtblicke zu schaffen. Miriam Niederhäuser zum Beispiel. Sie verstrickt Traditionelles und Innovatives in einen Dialog, was in einem kraftvollen Zusammenspiel von Geflochtenem und Glattem resultiert. Die 27-Jährige beweist dabei ein feines Händchen für nuancenreiche Farbkompositionen. Weniger mit Tradition als mit Futuristischem glänzt die Kollektion „La Chambre De Curiosité Presenting: Manic Circus“ von der Designerin Sarah Annina Rüegger. Krasse Zacken, schwarzes Leder, silberne Reissverschlüsse und hervorblitzende Haut prägen den Look der verruchten Zirkusartistinnen.

Neuartiges bringt ebenso die Kollektion „LILI“ von Sara Vidas zu Tage. Ihr gelang es zu verblüffen, indem sie reife, vor Selbstbewusstsein strotzende Damen auf den Lauf schickte. Damit erweckte sie ihr Konzept vom alten und neuen Chic gekonnt zum Leben. Mit ihrer verspielten und zugleich klassischen Mode sprengt sie die Grenzen zwischen Stil und Style, Ideal und Idol, Alt und Jung, Klischee und Unikum.

Inspiration oder Imitation?

Bei aller Fantasie bleibt die Frage, inwiefern sich die angehenden Designer gegenseitig inspirieren und wo die Beeinflussung anfängt. Eigenständigkeit ist ein rares Gut in einer verrückten Modewelt, die ebenso temporeich wie vergänglich ist. Wem gelingt es tatsächlich, Neues zu schöpfen und gar eigene Trends zu setzen? Oder aber wer interpretiert bestehende Modeströmungen und agiert als Trend-Trittbrettfahrer? Wahrscheinlich ist Provokation der einfachste Weg, Zuschauer mit offenem Mund zu hinterlassen. Mode zu kreieren, die zwar extravagant, aber tragbar ist, ist das Mass aller Dinge und führt zum langfristigen Erfolg. Mit einzelnen Kreationen einen AHA-Effekt zu erhaschen ist eine Herausforderung. Mit einer ganzen Kollektion zu überzeugen eine noch grössere Aufgabe, der die meisten Nachwuchstalente nicht gewachsen sind – noch nicht!