Gesellschaft | 01.03.2010

Schicksal eines Froschkönigs

Text von Diana Berdnik | Bilder von stockvault.net/pablo
Ich habe immer vom fernen Osten geträumt, aber nie ein Ticket gelöst. Trotzdem wurde mein Traum erfüllt. So viel habe ich von der Welt gesehen und bin doch nicht ganz glücklich. Aus dem Traum der grossen Liebe wurde ein Albtraum.
Froschkönig auf der Suche nach seiner Prinzessin.
Bild: stockvault.net/pablo

Ich sass gemütlich auf einem Blatt. Ein Stiefbruder hatte mir diesen Platz empfohlen. Er meinte, dass es hier besonders gute Leckerbissen gäbe. Meine Tarnung war perfekt: Das Grün meiner Haut sah dem Salat ziemlich ähnlich. Doch plötzlich bebte der Boden unter meinen Füssen und ich wurde bewusstlos geschüttelt.

Aufgewacht bin ich nach einiger Zeit aufgrund einer eiskalten Dusche. Ohne zu hopsen bewegte ich mich fort, denn das glitschige Laufband wollte einfach nicht anhalten. Doch dann, schwups, war ich auch schon in einem Sack gefangen. Ich verlor völlig die Orientierung und mir wurde übel, weil dauernd orange Buchstaben um mich herumkreisten. Ein weiteres Mal verlor ich die Besinnung und wurde ins Leben zurückgeholt, als eine Frau mich unglaublich laut anschrie. Zuerst fragte ich mich, warum sie so erschrocken war, dann sah ich mich selbst an und erkannte, dass meine Froschschenkel völlig abgemagert waren. Zu essen gab es aber nur vegetarisches Grünzeug und darauf hatte ich keine Lust.

Schrei nach Liebe

Obwohl mich meine Eltern in Spanien sehr oft genervt hatten und ich darum unbedingt einmal auf Weltreise gehen wollte, um eine hübsche Frau zu finden, die mich dann freiküsst, vermisste ich jetzt einen Artgenossen, der mir “te quiero” ins Ohr quakte. Ganz alleine sass ich in dem Glas, es war eiskalt, und ein Beamter in hübscher Uniform holte mich ab. Ich hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, hier die grosse Liebe zu erleben.

Doch anstatt einer hübschen, jungen Frau erblickte ich einen grossen, dünnen Mann mit wenig grauen Haaren und einem Schnauz. Er holte ein dickes Buch hervor. Auf der Titelseite war doch tatsächlich meine Mama abgebildet. Mir schossen die Tränen in die Augen. Dann erblickte ich im Fernsehen ebenfalls einen Artgenossen, zum Glück einen gezeichneten, der gerade in einer Salatstückelmaschine versuchte, vor den scharfen Klingen zu fliehen. Ein Deja-vu schoss durch meinen Kopf, der Frosch durchlebte genau mein Schicksal. Gottlob, dass ich während meines Häckselangriffs bewusstlos war.

Ich bin ein Star, holt mich hier raus!

Der Appetit war mir nach alledem vergangen, auch wenn der Schnauzträger mir dauernd Frischfleisch vorsetzte. Mein neues Terrarium wurde mit Zeitung ausgelegt, darin las ich, dass der nette Mann ein Experte war und sich mit Tieren wie mir auskannte. Das war vermutlich der Grund, warum er mir immer mein Lieblingsessen vorsetzte. Aber das regelmässige Kitzeln und Stupsen hätte er sich sparen können. Am Ende des Artikels las ich meinen Namen: Da Vinci, welch eine Ehre. Ich rief jeden Code, den ich kannte, doch nicht einmal “Sesam öffne dich” brachte das Glas zum Verschwinden. Ich sank erschöpft zu Boden und las den Text noch einmal durch. Ich esse nichts? Kein Wunder bei all den Schrecken, die mir hier eingejagt werden. Ich tat dem lieben Mann den Gefallen und ass. Ich glaube, er hat gelächelt, als er das gesehen hat. Es war für ihn scheinbar der Grund, zum Telefon zu greifen.

Ein Kuss?

“Michi, alter Kamerade! Wie geht es dir? … Ja, mir geht es sehr gut. Allerdings habe ich da einen Patienten…. Nein, ich habe dir keinen Fisch mitgebracht… Es ist, na ja, etwas Ähnliches…. Einfach grün…. Ja genau, den aus der Zeitung, er heisst Da Vinci…. Du hast doch da in der Schule bestimmt einen Platz für ein weiteres Findeltier?… Ja wirklich? …. Das wäre super, kommst du morgen vorbei? … Vielen Dank, bis dann!”

Der Michi kam auch am nächsten Tag und ich traute meinen Augen nicht. Seine Begleitung sah einfach entzückend aus! Sie nahm mich in die Hand, tätschelte mich und ich genoss den Moment. Leider wurde ich aus meinen Träumen gerüttelt, als ich kurze Zeit später unsanft im Terrarium landete. Meine schöne Dame verschwand und der Kuss blieb auch aus.

Cervelat-Prominenz

Seither lebe ich in meinen eigenen vier Scheiben, umgeben von Fischen und einem Chamäleon, vor dem ich mich fürchten muss. Täglich bereitet mir eine Dame ein nettes Mahl zu. Sie ist zwar nicht ganz so schön wie Michis Tochter damals, aber es reicht, um mich abzulenken und weiter zu träumen. Ab und zu habe ich jetzt auch einen Showauftritt. Dann betrachtet mich die zukünftige Elite meines neuen Asyllandes mehr oder weniger begeistert und so alle zwei Tage kann ich in der Zeitung nachlesen, was die Leute von Da Vinci, und damit meinen sie mich, wissen wollen. Neulich wurde ich fast zum Ehrenföbü der fremden Stadt ernannt. Unglaublich, wie schnell man hier integriert und gepriesen wird. Aber ich finde, auf den Fotos sehe ich mittlerweile recht gut aus. Die Hoffnung, dass mich eines Tages eine junge Dame in der Zeitung sieht und sich in mich verliebt, werde ich jedenfalls nie aufgeben.

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