Gesellschaft | 22.03.2010

Politik mit der Brechstange

Text von Marco Glauser
Georgien spaltet die Welt, und damit auch sich selbst. Hinter den vermeintlich guten Absichten der Regierung lauert eine gewaltige Hetzjagd nach Macht und Ruhm. Doch damit hat sich das Land im Nahen Osten ins eigene Fleisch geschnitten.

Die Mark werde wieder eingeführt, hiess es kürzlich in einer deutschen Berichterstattung. Dies sollte keineswegs ein vorgezogener 1.-April-Scherz sein, sondern lediglich die manipulative Kraft der Massenmedien demonstrieren. Besagte Meldung wurde nach zwanzig Sekunden ausgeblendet. Anschliessend verwies der Moderator auf die Parallelen zu einem Fernsehbericht, der in Georgien für Angst und Schrecken gesorgt hatte. Den Zuschauern zeigte man dort nach den staatlichen Nachrichten eine Sendung über den fiktiven Wiedereinmarsch russischer Truppen und den Tod Michail Saakaschwilis. Jener schlimme Scherz, der zur Schürung von Feindbildern und zur Förderung landesinterner Zusammengehörigkeit hätte dienen sollen, wurde von der georgischen Opposition und von russischen Kritikern aufs Schärfste verurteilt. Kirchenvertreter sprachen gar von einem unverzeihlichen Skandal. Der Präsident verteidigte den Bericht: Die Darstellung sei zwar “unangenehm, aber maximal realitätsnah” gewesen. Unabdingbar ist trotz allem die Tatsache, dass jene Meldung im Land eine Massenpanik ausgelöst hat. Dies weckt Erinnerungen an Orson Welles’ Hörspielklassiker “Krieg der Welten”, der proklamierte, dass unsere Erde von Ausserirdischen heimgesucht werde.

Die Reaktionen deutscher Radiozuhörer auf die anfangs genannte Nachricht beweisen, welche immense Wirkung Falschmeldungen auch im Zeitalter des Internets noch immer haben können.

Fragen über Fragen

Ist es daher unsere Pflicht, alles zu hinterfragen, was wir hören, lesen oder am Bildschirm vorgeflimmert bekommen? Ist die Verbreitung irreführender Meldungen ethisch vertretbar? Journalisten tragen Verantwortung für sämtliche Informationen, die sie unters Volk bringen. Es gehört mitunter zu ihrer Aufgabe, Tatsachen wahrheitsgetreu und ohne persönliche Note oder Präferenzen wiederzugeben. Doch wo ziehen wir die Grenze? Was sind Fakten? Und wodurch definiert sich eine subjektive Interpretation der Vorkommnisse?

Ehrenkodex

Was sich in Georgien abgespielt hat, kommt einer Pietätlosigkeit gleich. Mit den Erwartungen einer Nation zu spielen, mag ja erlaubt sein. Doch sie in ihren Grundfesten zu erschüttern, übersteigt jegliche Moral. Auch wenn wir das Gefühl haben, die Spitze unserer Evolution erreicht zu haben, sind wir nichtsdestotrotz durch und durch Menschen geblieben. Was der Homo sapiens am meisten fürchtet, ist der Verlust – in welcher Form auch immer. Doch während der materielle Fortgang zu verkraften ist, ist das Seelische ein Gut, welches nicht einfach wieder aufgebaut werden kann. Was hier zu Brüche geht, ist oftmals nicht wieder zu flicken. Die georgische Regierung hat sich einen “kostspieligen” Fehltritt auf Kosten der eigenen Bevölkerung geleistet, den sie möglicherweise noch teuer zu bezahlen hat.