Gesellschaft | 15.03.2010

“Ist noch irgendetwas klar?”

Text von Diana Berdnik | Bilder von Roger Sieber/games.ch
Am 12. März versammelten sich zahlreiche Vertreter aus Politik, Schule und Erziehung im Gemeindesaal Uzwil. Sie diskutierten über Darstellungen und mögliche Auswirkungen von Gewalt in Games und Medien auf Kinder und Jugendliche. Kontroverse Referate luden zum Nachdenken ein.
Karin Keller-Sutter, Regierungsrätin eröffnete die Tagung und unterstrich die Rolle, welche die Politik in der Debatte um Gewaltspiele zu spielen habe. Thomas Riediker von GameRights plädierte dafür, die PEGI-Norm im Gesetz zu verankern. Ein gut gefüllter Uzwiler Gemeindesaal zeugte vom Interesse der Bevölkerung am Thema. Thomas Merz-Abt von der Pädagogischen Hochschule Zürich zeigte den Einfluss von Games auf die kindliche Entwicklung auf.
Bild: Roger Sieber/games.ch

Das Jugendheim Platanenhof lud mit einem brisanten Thema zur Frühjahrstagung. Regierungsrätin Karin Keller-Sutter begrüsste die Anwesenden und stellte klar, dass es die Aufgabe der Politik sei, eine Lösung zu finden, wie die Schweiz die Problematik der Gewaltszenen in Medien löse. Sie sei interessiert daran, von den Referaten etwas zu lernen und gestand, dass es meistens nicht nur an den gewalthaltigen Medien liege, dass Jugendliche zu Tätern werden. “Gewalttaten passieren immer dort, wo bereits etwas schief gelaufen ist”, meinte sie.

Klare Forderungen

Thomas Riediker, Präsident des Vereins “Gamerights”, vertrat die Ansichten der aktiven Gamer. Er zeigte mit diversen Amoklaufbeispielen auf, was die Menschen aufschreckt und erklärte den Zuhörenden, wie sich Games entwickelt haben. Den meisten Gamern gehe es nicht darum, möglichst viele Menschen zu killen, sondern viel mehr um die Qualität des Spiels, die geforderte Strategie und Reaktionsfähigkeit. Ausserdem liege der Altersdurchschnitt der Vereinsmitglieder bei 30 Jahren und alle könnten sehr gut zwischen Spiel und Realität unterscheiden.

Der junge Mann und sein Verein haben auch klare Forderungen: Sie wollen das PEGI-Zertifikat (Pan European Game Information) im Gesetz verankern, um Kinder vor Gewaltdarstellungen zu schützen und es gleichzeitig den Erwachsenen ermöglichen, Shootergames zu spielen. Das Zertifikat teilt Games in fünf Alterskategorien auf, je nachdem, wie und ob darin Gewalt, Sex oder Drogenkonsum gezeigt werden und ob im Spiel vulgäre Sprache vorkommt.

Drei Faktoren

Der zweite Referent distanzierte sich bewusst von einer Meinungsbildung. Als Präsident der SIEA, ein Zusammenschluss der Hersteller, Entwickler und Publisher von Viedospielen, informierte Peter Züger sachlich über interessante Fakten, die jeder wissen sollte. Er erklärte beispielsweise, wie PEGI dem Verbraucher die Altersfreigabe und problematischen Inhalten von Games klar ersichtlich macht. Mit diversen Statistiken belegte er den rigorosen Medienkonsum der heutigen Gesellschaft. Um den Missbrauch von Medien einzudämmen, brauche es die konsequente Einhaltung von Regeln.

Einerseits liege es nämlich in der Verantwortung der Hersteller eines Mediums, ihre Waren wahrheitsgetreu zu deklarieren, beispielsweise mit dem PEGI-Signet. Zweitens müssten die Verkäufer von Produkten mit ungeeigneten Inhalten für Kinder ihre Kunden fachgerecht informieren und Ausweiskontrollen konsequent durchführen. Zu guter letzt, aber nicht weniger wichtig, der Beitrag der Eltern. Sie kennen ihre Kinder und wüssten, was sie ihnen zumuten können. Das Problem liege darin, dass sich die Eltern von Gamern, die zur Risikogruppe gehören, nicht mit Medien beschäftigen könnten oder wollten und somit den Kindern keinen sinnvollen Umgang mit Medien beibringen könnten. Ein Verbot würde die Eltern nur aus der Verantwortung ziehen, doch der Konsum von ungeeigneten Medien ginge im Geheimen weiter.

Emotionale Veränderungen

Thomas Merz-Abt, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich, betonte die psychologische Sichtweise dieser Problematik. Er legt Wert auf die emotionalen Veränderungen, die bei Kindern und Jugendlichen hervorgerufen werden, wenn sie zu früh ungeeignete Games spielen. Die Hemmschwelle sinke und das Mitgefühl mit den Mitmenschen lasse nach. Vor allem sozial schlecht integrierte Jugendliche, die zur so genannten Risikogruppe gehören, müssten den Umgang mit Medien lernen. Wenn die Eltern diese Aufgabe nicht übernehmen, müsse die Schule intervenieren. Aber neben all den vielen Problemen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche die Schule lösen müsse, fehlten oft die Zeit und die Kenntnisse, um Jugendliche genügend über Medien aufzuklären.

Sex und Gewalt

Mit viel Witz schloss Marc Bodmer, Jurist und Leiter des Projekts Medienkompetenzförderung der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, die Referentenrunde ab. Als Journalist lässt er durchblicken, dass Sex und Gewalt die Menschen immer interessierten und darum für Medien ein gefundenes Fressen seien. Während die Gewalttaten in letzter Zeit abgenommen hätten, seien die Mitteilungen in Schweizer Zeitungen um ein Vielfaches angestiegen. Ziel sei es also, in allen Bereichen der Medien wachsam zu sein, Eltern und Kinder aufzuklären und Medienkompetenzen zu vermitteln.

Eine unermüdliche Debatte

Unter den Gästen befanden sich hauptsächlich Pädagogen und Politiker. Es liegt nun an ihnen, die Botschaft und das Fachwissen aus dieser Tagung an ihre Schützlinge, Anhänger und ans Volk weiter zu geben. Auch wenn die Gegner eines Gameverbots auf das Referat von Thomas Merz-Abt mit Kopfschütteln reagierten, war es eine angenehme und respektvolle Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ansichten. Marc Bodmer nahm zum Schluss die einleitenden Worte vom Leiter des Jugendheims Platanenhofs, Hanspeter Amann, wieder auf: “Ist jetzt noch irgendetwas klar?”