Politik | 16.03.2010

Ist bald „Game over“ für „Ego-Shooters“?

Text von Céline Graf | Bilder von Kevin Frank
Ob ein Killergames-Verbot sinnvoll ist oder nicht, darüber debattierte die Tink.ch-Redaktion mit Vertretern aus Politik, aber auch Pädagogen mit Fachgebiet Medienbildung, Spielern und Eltern. Für alle war klar: Kinder und Jugendliche müssen besser vor Killergames geschützt werden. Anlass für die Podiumsdiskussion waren die vielen Reaktionen von Tink.ch-Leserinnen und Lesern auf ein Interview mit SP-Grossrat Roland Näf.
Die Podiumsdiskussion stiess auf grosses Interesse.
Bild: Kevin Frank

„Weshalb spielt ihr eigentlich Ego-Shooter-Games? Gibt euch das ein grösseres Selbstwertgefühl?“, fragte eine Frau mit grauen Locken, die aus der fast ausschliesslich jungen männlichen Zuschauer-Schar hervorstach. Darum gehe es gar nicht, widersprachen die Gamer, „in andere Welten eintauchen, jemand anders sein“, das mache die Faszination dieser Spiele aus. Das Problem ist nur: Ein Spiel wirkt nicht auf alle Menschen gleich. „Für viele ist es wirklich nur ein Spiel“, sagte Thomas Merz, Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. „Die langfristige Wirkung solcher Games kann jedoch im Einzelfall verheerend sein.“ Und er präzisierte: „Killerspiele können einer von vielen Faktoren sein, die zu gewalttätigem Verhalten führen können.“ Thomas Merz betonte weiter: „Wichtig ist einfach, dass Kinder wissen, dass es sowohl eine reale als auch eine virtuelle Welt gibt. Was zählt ist, dass die Kinder die unterschiedlichen Regeln dieser beiden Welten lernen.“

Level eins: Entscheid über Gamesverbot

Roland Näf, der Vizepräsident der Berner SP, liess sich gar nicht auf diese Diskussion ein. Ginge es nach ihm, wäre die Herstellung und der Vertrieb von Killergames in der Schweiz bald ganz verboten. Näf sieht dies in seiner Motion zum Verbot von Killergames vor, die der Bernische Grosse Rat im Januar 2010 angenommen hat. Im Moment ist auch auf Bundesebene eine Motion zum Thema „Verbot von elektronischen Killerspielen“ hängig. Heisst der Ständerat die Motion gut, arbeitet das Justizdepartement unter Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf eine entsprechende Gesetzesvorlage aus.  


Level zwei: Alterslimite einführen

„Nur weil manche Eltern ihre Kinder nicht im Griff haben, will ich doch nicht per Gesetz auf den Spielgenuss verzichten müssen“, warf ein erwachsener Gamer im gut geschnittenen Anzug ein. Die Mutter von Informatiklehrling und Spieler von Ego-Shooter-Games Lorenz Schnegg entgegnete, sie sei zwar auch dafür, dass das Bewusstsein gefördert werde, fühle sich aber „verarscht“, wenn sie als Elternteil eines Spielers mit allen „unfähigen Eltern“ in einen Topf geworfen werde. Ihr Sohn spiele am Computer, sei jedoch ein „ganz normaler junger Mann und weder gewalttätig noch asozial“.

Die Verbotsgegner sind sich einig, Selbstverantwortung heisst ihr Zauberwort. „Erwachsene Personen sind schliesslich mündig und können selbst entscheiden, was sie spielen wollen“, meldet sich ein weiterer Gegner zu Wort.

Roland Näf gab sich siegessicher, die Motion sei „praktisch gegessen“. Ein komplettes Verbot im Alltag durchzusetzen sei schlicht unrealistisch, hielt Lorenz Schnegg dagegen. Tatsächlich kann, wer sich auch nur minim auskennt, jederzeit auf den ausländischen Markt ausweichen und so ein allfälliges Verkaufsverbot in der Schweiz umgehen.

Lorenz Schnegg fand, dass sich die Politik statt für ein Verbot von Killergames vielmehr für den aktiven Jugendschutz einsetzen soll. „So ist es zum Beispiel sinnvoll, eine Alterslimite für gewisse Computerspiele einzuführen und diese im Gesetz zu verankern.“ (Siehe Link unten „PEGI-Norm in der EU“)

Level drei: Medienkompetenz bereits im Kindergarten

Für mehr Jugendschutz sprach sich ebenso Patrick Gander von der Vereinigung „Gamerights“ aus. „Ein Verbot schafft nur zusätzlichen Spielreiz und kriminalisiert gar die jugendlichen Gamer“, so Gander. Viel wichtiger fand er, dass die Medienkompetenz bei Jugendlichen und ihren Eltern gefördert werde. Experte Thomas Merz ging noch weiter: Er möchte Medienkompetenz schon ab dem Kindergarten im Lernplan verankern.

Thomas Merz verwies denn auf Studien, wonach über die Hälfte der Eltern zu wenig zeitliche, vor allem aber zu wenig inhaltliche Kontrolle über das Spielverhalten ihrer Kinder ausübten. Er gab zu bedenken, dass Eltern nicht immer auf dem neusten Stand sein könnten. „Ich kann doch aber meine Kinder nicht 24 Stunden am Tag kontrollieren“, erzählte Diskussionsteilnehmerin Regina Wälti von ihren Erfahrungen als Mutter von zwei Teenagern, die beide regelmässig gamen.

Thomas Merz bestätigte, es helfe wenig, den Verkauf von Killergames zu verbieten. Die Eltern müssten aufgeklärt werden, wie sie mit solchen Medien verantwortungsvoll umgehen können.

Pause: Verbot könnte zu früh sein

Ein Verbot von Killergames grundsätzlich verwerfen würden nicht alle Gamer, die an der Podiumsdiskussion mitredeten. „Jetzt ist es aber noch zu früh dafür“, sagten vier junge Männer nach der Veranstaltung. Erst wenn mehr Jugendschutz und Aufklärung geleistet, die PEGI-Standards umgesetzt und das Bewusstsein grösser seien, würden sie ein Verbot in Erwägung ziehen.

Level fünf: Richtig in die Medienwelt begleiten

Unabhängig davon, ob der Ständerat am 18. März dem Verbot von Killergames zustimmt oder nicht: Lösungen, um Jugendliche und Eltern in die Medienwelt zu begleiten, braucht es allemal. Lösungen im Bereich Jugendschutz, Information und Bildung zum Beispiel, die sowohl Gegner als auch Befürworter des Verbots bei der Podiumsdiskussion angeschnitten haben.  

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