Gesellschaft | 12.03.2010

„Ich würde nichts anders machen“

Text von Haike Schattka | Bilder von Fabienne Angehrn
Im Februar wurde in Frankfurt am Main der renommierte Designpreis der Bundesrepublik Deutschland vergeben. Prämiert wurde dieses Jahr neben Audis A5 Coupé auch ein Plakat der 22-jährigen Luzernerin Fabienne Angehrn.
Fabienne Angehrn erhielt mit ihrem Plakat "Unvollständig" den deutschen Designpreis 2010. "Die Leute kommen auf Sachen, die ich überhaupt nicht beabsichtigt habe."
Bild: Fabienne Angehrn

Das prämierte Plakat haben Sie für das Internationale Menschenrechtsforum Luzern zum Thema „Menschenrechte und Kinder“ gestaltet. Wie kamen Sie auf die Idee?

Fabienne Angehrn: Für mich war die Frage: Was kann man der Welt zeigen, was sie noch nicht gesehen hat? Bilder von ausgehungerten Kindern oder Mädchen mit Pistolen in der Hand gibt es schon so häufig. Natürlich findet man das schrecklich, aber man hat es schon so oft gesehen; das berührt nicht mehr so extrem.

Und wie sind Sie vorgegangen?

Wenn ich eine Aufgabe oder einen Auftrag erhalte, dann kommt als erstes die Recherche. Ich arbeite mich richtig in das Thema ein. Und häufig, wenn ich mich so intensiv mit etwas auseinandersetze und unbewusst weiter darüber nachdenke, ist – zack – das Bild auf einmal da. So ein Gedankenblitz. Das kann unter der Dusche passieren oder im Zug.

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie die Idee für «Unvollständig« hatten?

Ich weiss nur noch, dass ich im Zug war und wieder einmal eine Phase hatte, in der ich alles um mich herum inspirierend fand. Da habe ich ein Piktogramm entdeckt und gedacht, damit könnte man arbeiten, das wäre eine Idee.

Was hat Ihnen an der Idee so gut gefallen?

Piktogramme verstehen auch Kinder, selbst die kleinsten; sie sprechen eine internationale Sprache. Sie sind simpel und lassen unterschiedliche Interpretationen zu. Dadurch entstehen auch Diskussionen. Das Thema Kinderrechte ist so breit. Ich hätte Unterernährung thematisieren können oder Übergewicht oder Kindesmisshandlung oder alles Mögliche. Ich habe versucht, nicht einfach ein Thema rauszupicken. Ich wollte, dass die Leute alles Mögliche darin sehen können und das ist mir scheinbar gelungen.

Haben Sie auch Reaktionen bekommen, die Sie überrascht haben?

Es hat schon Interpretationen gegeben, bei denen ich dachte: „Wie kommen die Leute darauf?“ Einer hat mir gesagt, er sieht Hände, die die Kinder von hinten packen; ein anderer hat bei dem dünnen Kind eine Rasierklinge im Bauch gesehen. Für mich ist das extrem spannend. Die Leute kommen auf Sachen, die ich überhaupt nicht beabsichtigt habe mit dem Design; aber irgendwie passt es. Das ist eigentlich das Beste, das dir passieren kann.

Das Plakat entwickelt eine Eigendynamik.

Das ist extrem schön: Du designst ein Plakat über Menschenrechte, die die ganze Welt betreffen. Du stellst es aus und dann geht es selbst los und trägt die Message in die Welt. Es spricht einfach für sich. Es hat sich verselbständigt und das ist genau das, was ein Plakat machen soll.

Wie war Ihre Reaktion, als Sie von dem Preis erfuhren?

Ich fand es schon unglaublich, dass ich überhaupt nominiert war. Ich wusste, dass der FREITAG Shop, das Gebäude in Zürich, letztes Jahr den Preis gewonnen hatte. Ich fand das Gebäude so genial. Und ich sollte jetzt an der gleichen Stelle stehen wie die?

Und dann?

Ich musste dann noch einen Text einreichen, um das Plakat zu beschreiben. Da nahm ich mir viel Zeit und brachte alle Gedanken noch mal zu Papier. Für die Jury war das eine Orientierung, um zu entscheiden, ob etwas einen Preis verdient oder nicht.

Und Ihr Plakat hatte ihn verdient…

Der Brief aus Deutschland war so klein, dass ich dachte, das kann kein Preis sein, aber dann hiess es, ich gehöre zu den 25 Besten. Ich heule normalerweise nicht so schnell, aber das war überwältigend. Diesen Preis bekommen sonst Top-Agenturen – und jetzt kommt eine kleine Studentin daher und gewinnt.

Haben Sie eine Idee, warum Sie gewonnen haben?

Mein Plakat gibt es schon seit drei Jahren und viele Arbeiten von mir würde ich im Nachhinein anders machen, aber bei dem Plakat habe ich noch nichts Negatives gefunden. Da würde ich nichts anders machen. Das sagt eben schon auch, dass es gut ist. Ich denke aber auch, dass ich mit meinem Plakat genau den Geschmack der Juroren getroffen habe; schlicht und reduziert im Design.

Vor zwei Jahren hat eine deutsche Gestalterin die Nominierung abgelehnt, weil der Designpreis nicht mit Geld dotiert ist, sondern Kosten mit sich bringt. Ist der Preis seinen Preis wert?

Das habe ich mich natürlich auch gefragt. Für die Preisträger wird es sogar noch mal teurer, weil man selbst die Doppelseite im Katalog bezahlen muss. Aber die Auszeichnung ist eine wertvolle Referenz im Lebenslauf und eine einmalige Chance, die man ergreifen sollte. Eigentlich ist es eine Investition in die Zukunft. Da denkst du nicht: „Ach, ich hätte lieber Geld bekommen.“

Sie werden bei der Preisverleihung wichtige Kontakte knüpfen. Freuen Sie sich auf jemanden ganz besonders?

Ich kann jetzt nicht sagen Brad Pitt, oder?

Info


Angehrns Plakat "Unvollständig" entstand 2007 noch während ihres Studiums im Rahmen einer Kooperation der Luzerner Hochschule Design und Kunst und dem Internationalen Menschenrechtsforum Luzern. Das Plakat gewann im Wettbewerb "100 Beste Plakate 2007" und erhielt 2010 den renommierten Designpreis der BRD.

Der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland wird jährlich vom deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und dem Rat der Formgebung verliehen. Für den sogenannten "Preis der Preise" kommen nur Produkte, die bereits einen Designwettbewerb gewonnen haben, in die engere Auswahl. Berühmtester Preisträger 2010 ist der Schauspieler Brad Pitt.

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