Kultur | 15.03.2010

„Ich schaue gut 400 Filme pro Jahr“

Er unterscheidet zwischen guten und schlechten Filmen: DRS2-Kritiker Michael Sennhauser über die Qualitäten, die es in seinem Beruf braucht.
Kriegt schnell Entzugserscheinungen, wenn er keine Filme sieht: Michael Sennhauser. Fotos: Johannes Dietschi "Filmanalyse ist lernbar".

Was ist ein guter Film?

Ein Film ist gut, wenn er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Ein Genrefilm muss genau das leisten, was das Publikum von ihm erwartet – und das möglichst originell.

Gelten für Kurzfilme besondere Kriterien?

Kurzfilme müssen sehr schnell auf den Punkt kommen, mit Überraschungseffekten arbeiten und auf eine Pointe hinsteuern. Man sollte sich auf eine Idee begrenzen, die sich in zwei, drei Sätzen skizzieren lässt. Natürlich gibt es Langspielfilme, die genauso funktionieren, doch da kann man sich viel eher Zeit lassen, in schönen Bildern zu schwelgen oder Entwicklungen zu zeigen.

Sind in längeren Filmen solche Entspannungsphasen vielleicht sogar nötig?

Bestimmt. Das merkt man bei amerikanischen Teenagerkomödien oder Slasherfilmen. Die ziehen diesen Spannungsbogen gnadenlos durch. Da kommt man am Ende völlig erschöpft aus dem Kino raus.

Wie hat die Jury die Filme beurteilt? Gehen sie intuitiv vor oder gibt es einen Kriterienkatalog?

Beides. Das Tempo ist sehr hoch, wir müssen uns relativ schnell entscheiden. Die grobe Auswahl der Favoriten ist rein emotional. Jeder nennt ein paar Filme und danach wird argumentiert. Erstaunlicherweise ist uns diese engere Auswahl nie schwer gefallen. Es gibt aber immer wieder Ausreisser, die nur einem von uns besonders gefallen. Das macht es spannend.

Was qualifiziert jemanden für den Titel „Filmexperte“? Haben Sie einen besonders scharfen Blick oder einfach schon unglaublich viele Filme gesehen?

Filmanalyse kann man lernen. Aber eine gewisse Bandbreite hilft bestimmt. So weiss ich mittlerweile genau, was das Publikum von einem soliden Horrorfilm erwartet.

Können Sie Ihre Quote noch schätzen?

Grob gesagt sehe ich pro Jahr etwa 400 Filme, das macht auf mein Leben gerechnet also bald 15-˜000.

Will man da nicht mal eine Woche pausieren?

Eine ganze Woche? Da kriege ich Entzugserscheinungen.

Wie schätzen Sie das Potential der gezeigten Filme ein?

Einige Szenen werden mir sicher in Erinnerung bleiben. Aber gerade bei ganz jungen Filmemachern ist es schwierig zu beurteilen, ob sie sich der Grossartigkeit dieser grossartigen Momente überhaupt bewusst sind. Sie haben vielleicht etwas erreicht, das sie selbst gar nicht einschätzen können. Das ist Zufall, gekoppelt mit kindlicher Intuition. Bleibt zu hoffen, dass dieser besondere Blick auf die Welt nicht von der Schule totgeschlagen wird.

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