Kultur | 08.03.2010

„Ich bin eine aggressive Bühnenperson“

Text von Martin Sigrist
Er ist ein selbsternannter Kontroll-Freak, der sich auf der Bühne vergisst. Er ist ängstlich, leidet aber nicht. Chris Corner von IAMX ist ein faszinierender Musiker voller Widersprüche.
Chris Corner: "Ich bin es nicht leid über mich zu sprechen". Fotos: Martin Sigrist. Bezeichnet sich als Einzelgänger, braucht aber trotzdem manchmal Gesellschaft: Chris Corner mit Tink.ch-Reporter Martin Sigrist.

Die Britischen IAMX veröffentlichen im März ihr neustes Album. Momentan tourt die Band mit ihrem Soundgemisch aus Industrial, Elektro und viel Dunkelheit durch Europa. Tink.ch traf das Mastermind der Band, Chris Corner, vor dem Konzert im Zürcher Dynamo und sprach mit ihm über therapeutische Interviews, überschätztes Leiden und besessene Kontrolle. 

Wie geht’s dir?

Chris Corner: Gut, glaube ich. Ich fühle, dass ich die Kontrolle habe. Ich habe die gleichen Probleme und Ängste und die selben Wiederholungen von schlechten Angewohnheiten. Aber ich erkenne sie und kann sie kontrollieren.

Du bist ein Kontroll-Freak?

Ja, um in diesem kleinen bösen Geschäft zu überleben, muss ich es sein. Im Inneren bin ich eine sensitive und zerbrechliche Person. Ich bin in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, bombardiert mit Gefühlen und Zerbrechlichkeit. Damit musste ich irgendwann klar kommen. Es ist einfach meine Art, alles zu kontrollieren, vielleicht zu sehr.

Kannst du dich auch gehen lassen?

Es kommt darauf an wobei. Als Musiker muss ich mich gehen lassen. Es braucht einen Ausgleich zu dieser strikten und besessenen Kontrolle der Technik und dem Schreiben von Songs. Beim Schreiben und Produzieren verliere ich mich in der Musik, das ist sehr bewegend. Es braucht ein Ventil, um alles rauszulassen. Bei mir ist es die Bühne. Das ist ziemlich schwarz-weiss, funktioniert aber gut für mich.  

Im persönlichen Treffen bist du nicht die Rampensau, wie man dich von deinen Konzerten her kennt.

Nein, bin ich nicht. Aber es gibt Teile von mir, die ich zwar im privaten Leben kontrolliere, die aber mal raus müssen. Wenn ich dieses Ventil – Bühne – nicht hätte, wäre ich wohl viel frustrierter und aggressiver.

Gibt’s Dinge, die du auf der Bühne nicht tun würdest, obwohl du vielleicht möchtest?

Ja, ich möchte zwar auf der Bühne die Kontrolle verlieren, aber das geht nicht immer weil vieles ablenkt: Es gibt drei andere Personen auf der Bühne, die Technik, das Publikum, all das kann ich nicht kontrollieren. Um dem entgegen zu treten, bin ich eine ziemlich aggressive Bühnenperson geworden. Ich möchte in den nächsten Jahren gerne mal diese Energie fokussieren und ein ganz einfaches Akkustik-Projekt wagen. Nur ich mit meiner Gitarre.

Du wirst oft nach dem Namen IAMX gefragt. Bist du es leid, dich immer erklären zu müssen?

Ich bin es nicht leid, über mich zu sprechen. Ich sehe diese repetitiven Fragen als Herausforderung, nicht immer das Gleiche zu antworten. IAMX ist eine Variable, ein Gefühl, das sich immer ändern kann. Die Frage ist also immer neu und immer interessant. Faule Fragen hingegen mag ich nicht. Ich sehe ein Interview als Unterhaltung und eine solche möchte ich nicht führen, wenn mir mein Gegenüber überhaupt nichts zurück gibt. Aber natürlich ist ein Interview strukturierter und eher ein Theater.

Zurück zur Frage nach dem X. Wofür steht es denn in diesem Moment?

(Überlegt lange). Wie ich gesagt habe, ich fühle mich ausgeglichen. Es gibt immer diese Ecken und Kanten in meinem Leben, über die ich immer wieder stolpere. Dieses ängstliche Gefühl, das alle Leute haben, ist bei mir einfach viel ausgeprägter, vielleicht übertrieben. Ich habe dafür die Möglichkeit, mich mittels der Musik gehen zu lassen. Um es auf den Punkt zu bringen, steht X im Moment wohl für über-emotional, eine Phase, in der ich jeden Moment weinen könnte. Eine Art Therapie-Phase.

Soll ich noch weiter fragen?

(Lacht) Nein, dazu gibt’s eigentlich nicht mehr zu sagen, eine Antwort wäre viel zu lange und eher eine Therapie-Sitzung.

Interviews können eine Form von Therapie sein.

Ja, stimmt. Ich finde das sehr gesund. Die Fragen, auch deren Wiederholungen helfen mir zu reflektieren. Ich kann dann auf verschiedene Momente in meinem Leben zurückblicken und sehen, wie ich mich verändert habe. Das kann echt produktiv sein.


Du scheinst das Leiden aber nicht in den Mittelpunkt zu stellen.

Nein, das Leiden wird überschätzt. Das sah ich schon immer so. Das liegt wohl daran, dass ich in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen bin, mit einer sehr kranken Mutter, die immer gelitten hat. Später habe ich gesehen, wie befreundete Musiker, die nicht wirklich Musiker waren, so erbärmlich gelitten haben. Ich habe bei diesen gequälten Künstlern viel falsches Leiden gesehen, Typen, die diesen Mythos des gequälten Künstler aufrecht erhalten wollten, um sich als Mini-Gott des Leidens zu verkaufen. Dann konnte man beobachten, wie sie wirklich untergingen. Ich habe in diesem Geschäft viele Opfer gesehen. Die Leute kamen hoch und haben sich dann wieder selbst zerstört, entweder durch Drogen oder weil sie nicht fähig waren, sich in dieser Charade zu behaupten. Mein Blick auf das Leiden ist aber eine Frage des Kontextes, nur so funktioniert meine Aussage. Ich würde so etwas nie über das Leiden von Opfern zum Beispiel von Naturkatastrophen sagen.

Möchtest du noch was anfügen oder klären?

Normalerweise mag ich die Frage nicht, aber sie ist in diesem Moment sehr interessant. Es bringt mich auf Ideen, die ich beim nächsten Mal unbedingt auf den Tisch bringen möchte. Dafür brauche ich aber Zeit. Aber der beste We,g um Dinge für mich zu klären, wäre einfach, ein neues Album zu machen und auf die Bühne zu gehen. Sonst fühle ich mich kraftlos und unwichtig als kleiner Punkt in dieser furchtbaren Welt. Ein Leben als Künstler scheint die einzig mögliche für mich zu sein. Mit einem normalen Job wäre ich wohl schon unter der Erde. Ich merke schon, das ist ein gutes Ende für ein Interview (lacht).

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