Kultur | 15.03.2010

Hinter dem Headliner

Text von André Müller | Bilder von tocotronic.de
The Strokes, Kasabian und Billy Talent: Das Openair St. Gallen wird dieses Jahr wieder zum Stelldichein der Indie-Szene. Doch auch unter den kleingedruckten Bands finden sich einige Perlen versteckt. Eine unvollständige Bestandesaufnahme.
Kapitulation vor den grossen Namen? Sicher nicht. Tocotronic am Openair St. Gallen.
Bild: tocotronic.de

Biffy Clyro

Eigentlich eine Unverschämtheit, die Schotten noch als unentdeckte Perle darzustellen. Zuhause sind sie spätestens seit ihrem vierten Album „Puzzle“ (2007) eine grosse Nummer. Gerade haben sie die Insel verlassen, um auf ihrer Nordamerika-Tournee die Staaten und Kanada so richtig aufzumischen. Auch in der Schweiz sind sie keine Unbekannten, erst recht nicht seit dem Auftritt im Berner Bierhübeli diesen Februar. Doch St. Gallen ist für die drei Jungs aus Glasgow noch Neuland, nachdem ihr geplanter Gig im letzten Jahr noch kurzfristig abgesagt werden musste. Für ihre kompromisslosen Riffs lohnt es sich allerdings, den Arbeitsplatz am Freitag schon etwas früher zu räumen, damit man rechtzeitig um 17 Uhr vor der Sitterbühne steht.

Tocotronic

Nach Jan Delay und Peter Fox gibt es in diesem Jahr aus Deutschland wieder echten Rock zu hören. Obwohl die Band bereits seit 17 Jahren zusammen spielt, haben sie den kommerziellen Durchbruch in der Schweiz erst mit ihrem neuesten Album „Schall und Wahn“ (2010) geschafft. Die Band beweist, dass auch intellektuelle Musik richtig gut tönen kann. Hätten Nietzsche und Foucault Gitarre gespielt, wäre wohl so etwas dabei rausgekommen. Sie schreiben deutsche Texte, wollen aber mit Deutschland nichts am Hut haben, schon gar nicht als Teil einer nationalen Musikbewegung. Ob man sie nun als Hamburger Schule oder als Diskursrock schubladisieren will, sie sind ein „Must listen“ dieses Jahr. Samstag, 21.30 Uhr, Sternenbühne.

Liricas Analas

Es kommt aus Graubünden, passt an ein Openair und ist kein Calanda Bräu. Das müssen wohl die Hip-Hopper von Liricas Analas sein. Angetreten sind sie, um die rätoromanische Sprache zurück zur Jugend zu bringen, mittlerweile sind sie überall in der Schweiz eine Hausnummer. Das zeigte sich nicht zuletzt an den Swiss Music Award, wo sie nominiert waren als bester Schweizer Newcomer. Worauf also warten? Hop la Hop, Samstag, 13.15 Uhr auf der Sitterbühne.

The Temper Trap

Mit ihrem ersten Album „Conditions“ hat die Band von der anderen Seite der Welt zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht. The Temper Trap besteht aus vier Jungs, die mit Gitarre, Bass und Drums Musik machen und dabei ein wenig, aber nicht wirklich wie Kasabian tönen. Halt mit etwas weniger Elektrospielzeug. Solche Bands gibt es momentan viele. Warum sollte man sie sich dennoch anhören? Weil sie auf der Sternenbühne spielen und man sich beim Zuhören und Abtanzen noch ziemlich Indie fühlen darf. Denn bald wird es ihnen wohl gleich ergehen wie den Kings of Leon oder Kasabian und sie werden vom grossen, bösen Mainstream auf die Sitterbühne gespült. Freitag, 22.45 Uhr, Sternenbühne.