Kultur | 08.03.2010

Festival der Worte

Text von Eva Hirschi | Bilder von Eva Hirschi
Acht Autorinnen und Autoren, Schnee und Sonnenschein. Und Worte, die eine schlichte Bühne, auf welcher gelbe Tulpen stehen, zu füllen vermögen. Vom 5. bis zum 7. März fand im Kleintheater Alte Oele an der Aare in Thun das Literaturfestival Literaare statt. Autoren wie Peter Bichsel und Sibylle Lewitscharoff lasen aus ihren Geschichten.
Die Aare fliesst am Kleintheater Alte Oele vorbei und wird so zum Schauplatz des Literaturfestivals.
Bild: Eva Hirschi

Als die 29-jährige Tabea Steiner nach Thun zog, gab es dort weder Lesungen noch andere Literaturveranstaltungen. So beschloss die Germanistikstudentin kurzerhand, dies zu ändern und gründete 2004 ein Literaturfestival. Zuerst fanden jeden Monat zwischen zwei und drei Lesungen statt. In den letzten Jahren hat sich das Format geändert.

Nun erfolgen vier Mal pro Jahr Lesungen, einmal im Rahmen des dreitägigen Literaturfestivals Literaare. Das junge und dynamische Team rund um Tabea Steiner wählt für diesen Anlass die Autorinnen und Autoren selbst aus. Die Kriterien sind einfach: es muss eine interessante, kreative und spannende Person sein; das Alter, das Geschlecht oder die Herkunft spielen dabei keine Rolle. Unter anderem waren auch schon Schweizer Berühmtheiten wie Franz Hohler, Urs Widmer, Lukas Hartmann oder Hugo Loetscher mit dabei.

Förderung der Jungen

Ans diesjährige Literaare waren der Oltener Alex Capus, der Thuner Christoph Simon, die Zürcherin Eleonore Frey sowie das Kleinkunst-Duo Pasta del Amore eingeladen. Selbst Besuch aus Deutschland war anwesend mit Sibylle Lewitscharoff, Hans-Ulrich Treichel, Ulrike Almut Sandig und Wilhelm Genazino.

Während am Freitagabend der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel das Literaturfestival eröffnete, begann der Samstag mit den Gewinnern des Schreibwettbewerbs, der dem Literaare jeweils vorausgeht. Aus über 90 Teilnehmenden wurden elf Sieger gekürt, welche am Festival die Gelegenheit erhielten, ihre Texte vorzutragen. So wie das Genre und das Thema frei wählbar waren, so verschieden und vielfältig waren auch die Gewinnertexte. Sie reichten von Kurzgeschichten über Sommergewitter, Lyrik über die Tiefsee, einem theatralischem Dialog bis hin zu einer Geschichte eines düsteren Mordfalls. Das gemischte Publikum folgte den jungen Autoren aufmerksam und interessiert und lachte über die feine Komik einiger Texte oder die humorvollen Darbietungen.

Vom Vergessen und vom Spazieren

Die erste Lesung hielt der deutsche Autor Hans-Ulrich Treichel, der in seinem neuen Buch “Grunewaldsee” über das Vergessen und Erinnern spricht. Durch das Schreiben spiele er mit seinen Erinnerungen, sagte er. Treichel bezeichnete Erinnerungen als angefertigte Konstruktionen, die trotzdem unerlässlich seien für die menschliche Identitätssuche.

Der Thuner Autor Christoph Simon macht sich in seinem Buch seine eigenen Gedanken über das Spazieren – obwohl Gerhard Meier seiner Meinung nach eigentlich mit dem Satz “Spazieren heisst: Im Gehen die Socken zu schonen”  bereits alles übers Spazieren gesagt habe. Seine Gedanken offenbart Christoph Simon mittels eines im Altersheim Zivildienstleistenden. Spazieren ist nach Simon eine “Aneignung der Welt; ein Herausfinden, wer man ist – und es zu mögen”.

Der König von Olten

Hatte es am Samstagmorgen noch leicht geschneit, so schien am Nachmittag bereits wieder die Sonne. Das Publikum im kleinen Theater direkt am Aareufer im Berner Oberland wurde immer zahlreicher und erreichte mit der Vorlesung von Alex Capus seinen Höhepunkt.

Der sympathische Oltnener klärte die Zuschauer auf über den Unterschied zwischen Fiktion und Wahrheit, die zufälligen Duplizität der Dinge und das 1. Capus’sche Axiom, das lautet: “Der Mensch erkennt sich nicht”. So würden sich die Oltener immer wieder selbst in seinen Büchern entdecken, auch wenn er rein fiktive Charaktere beschrieb und beteuerte, dass alles erstunken und erlogen sei. Einen Vorteil weise dies jedoch trotzdem auf, so würden die Oltener nämlich bei jeder Veröffentlichung eines neuen Buches in den Buchladen rennen und es kaufen, um sich selbst – mit ein wenig Angst und ein wenig Stolz –  in seinen Geschichten zu suchen und wiederzuerkennen.

Alex Capus las schliesslich aus seinem neusten Buch “Der König von Olten”. Der König von Olten ist ein schwarzweisser Kater, der in den Strassen Oltens sein Unwesen treibt. In diesem Buch gehe es zwar, wie Capus entschuldigend klarstellte, nicht um Katzen, sondern dieses Mal tatsächlich um die Oltnerinnen und Oltner selbst.

Dank erfolgreichen Autoren aus dem deutschsprachigen Raum erhält das Literaturfestival von Jahr zu Jahr mehr Publikum. Tabea Steiner schätzt, dass an der Eröffnungslesung an die 250 Personen kamen, pro weitere Lesung seien es dann zwischen 50 und 70 Personen gewesen. “Das hatten wir noch nie”, freut sich Steiner, auch die Feedbacks seien durchaus positiv. Für 2011 verrät sie nur so viel: Mit dabei wird unter anderen auch die deutsche Schriftstellerin Judith Hermann sein.