Gesellschaft | 22.03.2010

“Es ist nicht überall wie bei Köllikers”

Text von Diana Berdnik | Bilder von Andé Müller
Am 19. März lud die Fachstelle für Gleichstellung der pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG) alle Interessierten zur Podiumsdiskussion über das Fehlen von männlichen Lehrpersonen ein. Eine hitzige Debatte wurde entfacht.
Wie wirkt sich die ungleiche Geschlechterverteilung im Lehrerberuf aus?
Bild: Andé Müller

Etwa zehn Prozent der Studierenden an der PH sind Männer, im Kanton St. Gallen gibt es drei Kindergärtner und über zwei Drittel der Primarlehrkräfte sind Frauen. Mit diesen Fakten leitete Esther Friedli, Generalsekretärin des Bildungsdepartaments des Kantons St. Gallen, in die Diskussion ein. Wenn es nach ihr gehen würde, müssten sofort neue Lehrer rekrutiert werden, denn den Jungen fehle das Männerbild. Durch die vielen Lehrerinnen sei die Schule stark auf Mädchen ausgerichtet. Der Lehrberuf sei für Frauen sehr attraktiv, da man gut Teilzeit, selbständig und kreativ arbeiten kann. Männer liessen sich eher weniger von diesen Angeboten anziehen. Aufstiegschancen, ein hoher Lohn und ein guter Status seien für sie sehr wichtig, doch das biete der Lehrberuf nur beschränkt.

Die Unterväterung

Eine andere Meinung hatte Thomas Rhyner, Dozent der PHSG. Er behauptete, dass es keine Studie gibt, die belegt, dass das Geschlecht der Lehrperson einen eindeutigen Einfluss auf die Leistungen der Schulkinder habe. Er war ausserdem der Meinung, dass es für Männer nicht attraktiv sei, wenn sie in der Schule auch noch die Vaterrolle übernehmen müssten. Viel eher sollten die Männer Zuhause ihre Verantwortung in der Erziehung wieder wahrnehmen. Beatrice Heilig, Schulleiterin, spricht von einer Unterväterung. Eine ganz treffende Bezeichnung.

Mehr Lehrer oder Väter?

Regierungsrat Kölliker geht mit gutem Vorbild voran: Er gebe sich viel Mühe, aktiv an der Erziehung seiner Kinder beteiligt zu sein. Daher schade es seinen Kindern nicht, wenn sie in der Schule von einer Lehrerin unterrichtet werden. Jedoch würde er einen gewissen Ausgleich begrüssen. Frau Heilig wies darauf hin, dass es halt nicht überall wie bei Köllikers ist. Es handle sich um ein gesellschaftliches Problem, das sich in der Schule zeige. Es sei aber nicht die Aufgabe der Schule, dieses Problem zu lösen. Stadträtin Barbara Eberhard konterte sofort: “Wir können die Väter schlecht zurück in die Familien bringen, also bringen wir Lehrer ins Schulzimmer!”

Ausgleich macht erfolgreich

Der Schulpsychologische Dienst war auch vertreten. Marco Vanotti berichtete von seinen Erfahrungen. Er werde eben immer gerufen, wenn etwas nicht stimme, aber meistens liessen sich Probleme in gemischten Teams wirklich besser lösen. Auch Michelle Scherrer, eine Studentin der PH, begrüsste es sehr, wenn es Männer in den Klassen habe. “Man bekommt einfach noch eine andere Sicht und es läuft weniger hintenrum.”

“Ich suche Lehrkräfte, nicht Männer!”

Frau Heilig bekräftigte, dass sie keine männlichen Lehrpersonen bevorzuge. Auch der Regierungsrat schätze Frauen wie Männer gleich, Hauptsache, die Leistung stimme. Michelle Scherrer berichtete auch, dass die Kommilitoninnen bei der Stellensuche bisher erfolgreicher waren, als die Männer. Ernst Dürr, Schulleiter, bevorzugt Männer, weil Frauen oft Mühe hätten in Konfliktsituationen und bei Elterngesprächen. Marco Vanotti wies aber auch auf die andere Seite hin, es gebe genauso viele fähige Lehrerinnen wie Lehrer. Allerdings seien die Lehrpersonen durch die Integration stark belastet. Die Schulsozialarbeit soll gefördert werden, um die Lehrpersonen zu entlasten. Dann müssten sie keine Angst mehr haben und die Attraktivität des Berufes würde gesteigert.

Klare Forderungen

“Wir wollen keinen Schuldigen finden”, meint Regierungsrat Kölliker. Viel mehr soll man tatkräftig den Status des Lehrberufes aufwerten. Es gebe in St. Gallen auch keinen Lehrermangel, trotzdem suche man nach Veränderungsvorschlägen. Das Studium solle weniger musisch sein und für Männer ansprechender. Ausserdem forderte ein Student im Publikum, dass Herr Kölliker mehr machen müsse, als den Lehrberuf anzupreisen. Er verlangte eine starke Lohnsteigerung und eine zeitliche Entlastung. Ernst Dürr fand, dass ein Erziehungsrat jetzt Visionen haben und im Parlament wirken muss. Dieser rechtfertigt sich damit, dass er eine Lohnerhöhung bereits zu Beginn seiner Amtszeit erwirkt hatte. Er meinte aber, dass es nicht am Geld liege, sondern an der Belastung. Also müssten die Belastungen der Lehrer aufgefangen werden, damit sie sich wieder auf das Fachliche konzentrieren können.

Allgemein sind die Diskussionsbeteiligten zuversichtlich, dass sich das Problem lösen wird. Allerdings sehen einige viele Probleme auf sich zukommen. Ernst Dürr brachte zum Schluss einen sehr kreativen Vorschlag, um den jungen Menschen den Lehrberuf schmackhaft zu machen: Man soll anstelle von Ärztesoaps eine Serie mit einem Lehrerhero erfinden.

Erwin Beck, Rektor der PHSG, schrieb die Vorschläge fleissig auf und ziemlich sicher wird er die eine oder andere Idee umsetzen.

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