Gesellschaft | 22.03.2010

„Es ist eine tägliche Folter“

Eine Armut, vor der niemand die Augen verschliessen kann. Eine Hilflosigkeit, die einen betäubt und deprimiert. Ein weiterer Einblick in die Gefühlswelt einer Freiwilligen in Indien.
Bild: pixelio.de / Dieter Schütz

Ausschnitte einer E-Mail an meine Eltern

Im Moment lese ich immer noch Holmes als leichte Lektüre. „The White Tiger“ von Adiga habe ich fertig gelesen und bald ist auch das zweite Buch von ihm – „Between the Assasinations“ – fertig. Es deprimiert mich unglaublich. Adiga zu lesen, wenn man selbst in Indien ist. Das Schlimme ist, dass ich jeden Tag wieder etwas sehe, das mich an seine Geschichten erinnert und daran, dass er die Bücher jetzt schreibt und nicht vor 20 Jahren und dass jede Geschichte wahr sein kann.

Die ganze Zeit Armut und unterernährte Kinder, die geschlagen werden; Arbeiter, 80-jährige Männer, mit Körpern so muskulös wie junge Schweizer Rekruten. Kinder, die auf der Baustelle aufwachsen. Familien mit drei oder vier Kindern, die in einem Zelt schlafen, leben, waschen, essen und Waren verkaufen. Kinder, die füdliblut auf der Strasse leben bei all der Luftverschmutzung und dem ganzen Abfall und Dreck am Boden. Ich habe genug davon, dass ich nichts dagegen tun kann.

Wenn auch nicht in meiner Gastfamilie, so ist doch eine moderne indische Familie etwa so konservativ wie die Generation meiner Grosseltern. Leute mit wirklich gleichen Ansichten wie meine Generation sie hat, finde ich kaum. Und ich habe oft den Eindruck, dass solange die Grosseltern im gleichen Haus wohnen, jeder moderne Gedanke im Keim erstickt wird.

Vielleicht tue ich ihnen nun unrecht. Aber es ist alles so extrem im Vergleich mit der Schweiz. Das sind so die Gedanken und Gefühle, ich im Moment habe. Vielleicht ist es Teil des wahren Anpassungsprozesses, ich weiss es nicht. Aber ich konnte nachts nicht schlafen, weil ich über so vieles nachdenken musste. Ich vermisse die Gespräche mit euch.

Die Antwort meines Vaters

Du bist offenbar an einem sehr fremden Ort, habe es natürlich gewusst, aber eben nicht erfahren, gesehen, gerochen wie du jetzt. Ja, die Unterschiede auf dieser Welt sind gigantisch und ich würde dir jetzt gerne etwas Weises, Gescheites, Hilfreiches dazu schreiben, aber kann es auch nicht. Mich interessiert es dann, was du aus diesen Erfahrungen machen wirst, ob es eine Erfahrung bleibt oder ob es Konsequenzen haben wird für dich.

Manchmal denke ich, dass wir als Einzelmenschen nicht für die ganze Welt verantwortlich sind, aber für irgendein kleines Stück der Erde ja schon – nur für welchen? Also für unser eigenes Leben mal sicher und die Welt nicht schlechter zu machen ist auch schon was – aber eben vielleicht ein kleines Quäntchen mehr müsste man schon tun. Auch anständig ist es, dankbar zu sein, wenn es einem gut geht.

Die Antwort meiner Mutter

Merci für deinen offenen und ehrlichen Brief. Eigentlich habe ich es mir ja so vorgestellt, deinen Indienaufenthalt. Die Schwierigkeit, so viele Gegensätze auszuhalten, so viel Armut zu sehen und das Gefühl zu bekommen, viel zu klein zu sein, um irgendetwas dagegen machen zu können. […] Freue dich von Herzen an Dingen, die die Menschen dort auch glücklich machen und schaue dir auch diejenigen an, wo sie uns vielleicht überlegen sind, weil wir immer alles so rational begreifen und angehen.

Diese Mails halfen mir sehr, denn sie nahmen das schwere Gefühl von Schuld von mir und berichtigten meine Ziele. Ich habe in Indien viele Leute angetroffen und was mich am meisten beeindruckt hat, ist die grosszügige Gastfreundschaft, mit der ich in jedem Haus willkommen war. Die Neugier war stets aufrichtig und die Leute freuten sich genau so sehr, von der Schweiz zu hören, wie ich von den indischen Sitten und Gebräuchen. Doch am wichtigsten war, dass diese Menschen mir ein Gefühl von Akzeptanz entgegen brachten. Ich brauchte dieses Gefühl, denn jedes Mal, wenn ich auf den Strassen Bangalores war, wurde ich daran erinnert, dass ich nicht Teil dieses Landes, dieser Stadt bin. Allein mein Aussehen verrät mich. Alle – und denkt einen Moment darüber nach was alle heisst, bei einer Bevölkerung von 7 Mio. Menschen – starren mich, das ausländische Mädchen, an. Und als ob das Starren nicht genug wäre, versuchen diese manierenlosen Männer in mich rein zu laufen, um eine Gelegenheit zu bekommen, mich zu berühren, oder  sie nehmen ihr Handy hervor um, inmitten eines Gemüsemarktes, ein Foto von mir zu machen.

Um ehrlich zu sein, es ist eine tägliche Folter, sich fehl am Platz zu fühlen, nicht dahin zu gehören, anders und fremd zu sein. Das ist es, was mir Heimweh bereitet, dass ich mich nicht zu Hause fühlen kann. Darum glaube ich, dass es so wichtig ist, eine Gastfamilie zu haben. Sie gaben mir nicht irgendein Zuhause, sondern ihres und akzeptierten mich als Tochter.

Ein Austauschhalbjahr ist eine Zeit, in der ich Gedanken und Lebensstile ausgetauscht habe. Zu Beginn konnte ich nur Unterschiede sehen, mittlerweile sehe ich viele Gemeinsamkeiten. Ich wurde oft gefragt, ob ich eine gute Zeit hatte. Ich hatte eine wunderbare Zeit, ich bin mit offenen Augen und einem offenen Herzen nach Indien und glücklich wieder zurück.

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