Kultur | 29.03.2010

Ein Spektakel der Lebenslust

Text von David Weber
Bonaparte live bedeutet Spektakel mit Ansage. Am Samstag trat die fidele Truppe am m4music-Festival auf und bot ein Konzert nahe an der Grenzerfahrung.
Zwischendurch auch mal halbnackig: Bonaparte lieben den Exzess. Fotos: PD Zwischenzeitliche Erholung: Im Normalfall gibt die Band vollgas.

Kurz vor 23:00 Uhr ging’s im Schiffbau nur in eine Richtung: Rein in die Halle, wo in Kürze Bonaparte auftreten würde. Ein deutliches Zeichen, dass die Band um den Schweizer Tobias Jundt längst mehr ist als ein Geheimtipp der Berliner Kunstszene. Man will sie sehen, diese verrückte Truppe, die für Quentin Tarantino höchstpersönlich aufgetreten sein soll.


Genregrenzen kennt Bonaparte nicht

Das ist etwas erstaunlich, hat der Sound von Bonaparte doch etwas Abschreckendes an sich. Lieder wie „Too Much“, „I Can’t Dance“ oder „Who Took The Pill“ klingen roh und rustikal und gehen mit ihren trashigen Melodien beim ersten Anhören schlicht und einfach auf die Nerven. Wer sich aber auf den unkonventionellen, komplexen Elektropunk einlässt, kann auf dem Debutalbum „Too Much“ viel künstlerisches Genie entdecken. Bonaparte überschreitet Genregrenzen, als wären sie Luft und bietet in 14 Songs mehr Vielfalt als andere Bands in ihrer ganzen Karriere. Die Texte glänzen durch distanzierte Ironie und Wortwitz („No, I’m against it! Against, against… I don’t know what!“) und versprühen einen Hauch von Bohème, der nie aufgesetzt wirkt. Aber das prägendste Merkmal dieses internationalen Künstlerkollektivs ist wohl der sympathische, erfrischend hemmungslose Hedonismus, den es mit aller Kraft zelebriert („You know tolstoy, I know playboy, you know politics, I know party chicks.“).

Und genau so muss man sich einen Auftritt von Bonaparte vorstellen: dringliche, hedonistische Eskapaden, untermalt mit hektisch vorgetragenem Elektropunk. Die technische Qualität der Musik wird auf dem Altar der Hemmungslosigkeit geopfert, ganz zum Entzücken aller Anwesenden. Wenn ein weisser Engel mit einem gewaltigen Kopf, eine bunte, haarige Monströsität und ein Mann im silbernen Stringtanga und einer Disco-Kugel auf dem Kopf die Bühne stürmen, dann wird klar, warum die Band ihre Tour „Circus Show“ nennt. Die Revolution ist ausgebrochen und der kleine, irre Diktator tanzt, was das Zeug hält, umrundet von absurden Kreaturen und einer Burlesque-Show. Die Tänzerin mit den blonden kurzen Haaren reisst sich zum zweiten Mal das Kleid vom Leib und der Bassist vergräbt sein Gesicht in einem fremden Bauchnabel. Für den einen oder anderen Zuschauer ist das alles dann doch etwas too much und er verlässt entfremdet den Saal. Der Rest jubelt Tobias zu, als er auf das Schlagzeug klettert, singt bei „Do you want to party?“ lauthals mit und fordert zum Schluss brüllend eine Zugabe.

Blaue Flecken inklusive

Rund eineinhalb Stunden dauert der Zauber, dann ist Schluss. Bonaparte hinterlässt ein Durcheinander auf der Bühne und in den Köpfen der Zuschauer. Quasi als Beweis dafür, dass hier gerade ein wildes Fest gefeiert wurde. Und es scheint so, als ob jeder etwas verpasst hat, der den Saal nicht schweissgebadet und mit dem einen oder anderen blauen Flecken verlässt. Das ist Bonaparte live: Ein manchmal schockierendes, aber immer aufregendes Spektakel der Grenzüberscheitung und der Lebenslust.

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