Gesellschaft | 15.03.2010

Ein Leben ohne alphabetische Tastatur

Die Schweizer sind ein fleissiges Völkchen. Wir stecken eigentlich alles weg: Unbezahlte Überstunden, schlecht bezahlte Praktika und besser bezahlte 60-Stunden-Wochen im Krankenhaus. Denn insgeheim wissen wir, dass sich das alles für uns noch auszahlen wird. Sei es mit einer Ferienwohnung im Tessin, einem Zweitwagen oder den wohlverdienten Ferien in der Südsee.
Die Uhr, das Symbol für Schweiz und Schweizer.
Bild: Homero Chapa/stockvault.net

Gleichzeitig herrscht bei uns ein grosser sozialer Druck auf dem Einzelnen, dass er ja seine Zeit sinnvoll nütze und aus jeder Minute das Maximum heraushole, was daraufhin als Selbstverwirklichung bezeichnet wird. Das gilt für Arbeit und Weiterbildung, aber nicht weniger für die Freizeit. Schon Kinder lernen Musikinstrumente und treiben Sport, schliesslich wollen auch sie mal „etwas werden“. Sogar das Wochenende muss optimal ausgenützt werden, wer nicht in den Club geht, „hat schon etwas verpasst.“ Selbst Beziehungen werden zur ökonomischen Nutzenmaximierung unterhalten, schliesslich will man seine wenigen Freistunden nur mit den besten Freunden verbringen, die einem in Zukunft auch nützlich sein könnten. Soziales Kapital, nennt das Pierre Bourdieu, welches man zu gutem Wechselkurs wieder in ökonomisches Kapital umtauschen kann.

 

Die Doppelrolle der Frau

Seit der Emanzipation lastet der Hauptdruck auf den Frauen, die neu auch ihre Träume zu leben haben. Sie müssen schön, intelligent, erfolgreich und Teilzeit-Power-Mami werden, die alles in 24 Stunden unter einen Hut bringt. Klar muss man irgendwo Abstriche machen, aber wenn es die glücklichen Frauen in der Schweizer Illustrierten können, dann kann das Frau Hueber aus Schlieren noch lange.

 

Doch auch die Männer müssen das Maximum aus ihrer Zeit herausholen. Wer nicht ins Fitnessstudio geht, hat auf dem Beziehungsmarkt natürlich schlechte Chancen und muss sich zu einem billigeren Preis verkaufen und verheiraten. Daneben muss er laufend seine Karriere und sein CV auf Vordermann bringen. Denn ein Hausmann wird zwar in den Zeitungen gelobt, von seiner Stammrunde trotzdem belächelt.

 

Keine Enten

Nur wo bleibt die Zeit, um den Enten zuzuschauen? Wo bleibt die Zeit, um herauszufinden, ob die Schneebälle den Briefkasten treffen? Wann überlegt man sich, warum die Tastatur nach A-S-D-F angeordnet ist und nicht nach dem Alphabet? All diese Tätigkeiten tragen nichts dazu bei, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern oder Humankapital zusammenzuraffen. Und dennoch machen sie Spass, denn sie lassen uns finden, erfinden und entdecken. Kindern ist das die ersten fünf Jahre ihres Lebens gegönnt, die nächsten 60 Jahre müssen auch sie schlank, fit, effizient und wettbewerbsfähig sein, um „es zu schaffen“.

 

Eine Volkswirtschaft, die mit einem Prozent im Jahr wächst, verliert den Anschluss und muss auf Diät gesetzt werden. Keine Sozialprogramme und Extrawürste mehr für die Bevölkerung, sonst ziehen die anderen Länder vorbei im Standortwettbewerb. Stagnation ist Rückschritt. Der Tourist muss seinen Destinationen nachhetzen und sie durchfotografieren, der Businessmann würgt sein Sandwich hinunter und der Jugendliche säuft sich in 20 Minuten ins Koma. Zeit ist Geld.

 

Gute Nacht!

So arbeiten wir, bis wir 65 sind. Danach bleiben wir halt im Garten, statt die Weltreise zu machen, denn der Rücken hat unter der jahrelangen Plackerei schon etwas gelitten. Plötzlich versinken wir in der ganzen leeren Zeit, die nun auf uns einprasselt und nicht mehr maximiert werden kann. Das wird auch gar nicht mehr erwartet, nun darf man einen ruhigen, schönen Lebensabend verbringen, bis die Nacht hereinbricht.

 

Aber die rüstigen Rentner haben vergessen, wie man den Enten zusieht. Sie werfen keine Schneebälle auf Briefkästen nur um zu sehen, ob man sie auch trifft. Sie stellen sich keine A-B-C-D-Tastaturen mehr vor, weil man ja doch zu alt ist für diesen neuartigen Kram. Sie tragen nichts mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei und warten höchstens noch auf die Anrufe ihrer Kinder, doch diese leben gerade ihren Traum und haben keine Zeit.

 

Hat sich ein solches Leben ausgezahlt? Nicht in Zinserträgen und Altersrenten, sondern in Glücksmomenten? Die Schweiz ist eines reichsten Länder der Welt und ist auch um ein Vielfaches reicher, als sie es vor 60 Jahren war. Wir stellen so viele Güter und Dienstleistungen her, aber wir lassen uns keine Zeit mehr, diese zu geniessen oder zu hinterfragen. Und weil wir dauernd von Gütern überschwemmt werden, wird uns selbst alles zum ökonomischen Gut: Die Ente, der Schneeball, der Grossvater.

 

Nun, vielleicht ist dieser Text zu lang geraten und niemand liest ihn. Das wäre wohl besser so, schliesslich akkumuliert er kein Kapital, er ermuntert nicht unbedingt dazu und will, dass die Menschen Enten und Tastaturen suchen. Trotzdem hat es Spass gemacht, ihn zu schreiben. Einfach so.