Gesellschaft | 08.03.2010

Das erste Mal „etwas zu sagen“

Text von Lea Karrer | Bilder von Hans Karrer
Wenn ich durch die Strassen gehe, sehe ich überall die Schilder mit dem mahnenden Zeigefinger: Dieses Wochenende Abstimmung! Noch drei Tage, noch zwei Tage, noch einen Tag. Das macht mir schmerzlich bewusst, dass ich mir eine Meinung bilden sollte und zwar schleunigst. Aber wie?
Zum ersten Mal ist unsere Reporterin Teil des Schweizerischen Souveräns. Doch der Zettel will überlegt ausgefüllt werden.
Bild: Hans Karrer

Vor der Abstimmung

Die Plakate mit den Sprüchen informieren mich nicht, ich habe nur das Gefühl, dass sie beeinflussen wollen. Ich könnte das Büchlein durchlesen, das ich mit den Abstimmungsunterlagen bekommen habe. Doch das ist so kompliziert geschrieben, dass ich nur die Hälfte verstehe. Also frage ich ein paar politisch interessierte Leute, die sich mit den Themen mehr befasst haben als ich und langsam entsteht sie, meine Meinung. Weitere Infos hole ich mir aus dem Internet und am Ende verstehe ich auch die rote Broschüre ein wenig besser. Auf jeden Fall steckt viel Arbeit dahinter.

 

Abstimmungssonntag

Ich lasse mir Zeit mit dem Ausfüllen des Zettels bis am Sonntagmorgen, dann ist der Augenblick gekommen, an dem ich ein fettes JA oder NEIN auf die Unterlagen setze. Nun bin ich mir bei allen Punkten sicher, das, was ich für richtig halte, zu stimmen. Mein Vater fährt mich extra zur Urne, ich will das Gefühl eines echten „Politikers“ haben, wie man sie im Fernsehen sieht. Meine Eltern stimmen jeweils brieflich, doch da muss man gut aufpassen, dass alles richtig herum im Couvert ist, man den Brief nicht fälschlicher Weise an sich selbst schickt und man auch wirklich unterschrieben hat. Sonst gilt es nicht und das wäre ja schade um den ganzen Aufwand.

 

Resultat

Kurz nach meiner Stimmabgabe habe ich ein schönes Hochgefühl. Endlich darf ich etwas sagen, endlich kann ich mir eine Meinung bilden, die auch erhört und gezählt wird. Doch dieses Gefühl schwappt schnell in ein Hoffen und Bangen über, dass die Mehrheit so wie ich gestimmt hat. Also warte ich sehnsüchtig auf den Abend, um in der Tagesschau zu erfahren, ob ich zu den „Gewinnern“ oder den „Verlierern“ gehöre. Zwei Mal habe ich wie die Mehrheit gestimmt, und ein Mal gehöre ich den 30% Prozent an, die bei der Tieranwaltinitiative ein JA in die Urne gelegt haben. Das nervt mich ein bisschen, denn ich habe schon bei der Lancierung vor vier Jahren gedacht, dass ich da sicher JA stimmen würde.

 

Auf ein nächstes Mal?

Obwohl es manchmal schwierig war, die komplizierten Parolen zu verstehen, denke ich, dass ich nächstes Mal sicher wieder abstimmen werde. Wenn ich sehe, wie viele Probleme und Unruhen es im Irak gibt wegen einer simplen Abstimmung, bin ich wieder heilfroh, dass man hier in der Schweiz nach der Meinung gefragt und diese auch respektiert wird. In einigen Ländern kann man überhaupt nicht abstimmen. Da finde ich es wichtig, dass wir unsere Chance nutzen, auch wenn ich mich bestimmt noch viele Male ärgern werde, wenn ich zur Minderheit gehöre. Doch der ganze Aufwand lohnt sich, denn wie heisst es so schön? Jede Stimme zählt.