Gesellschaft | 16.02.2010

Zum öffentlichen Verkehr erzogen

Text von Samuel Tanner | Bilder von Julian Stiefel.
Kürzlich zeigte eine Studie der SBB: Die Fahrgäste werden immer unzufriedener mit den öV, die Züge und Büsse sind überfüllter denn je. Was ist die Ursache für die enorme Nachfrage?
Infrastruktur ausbauen, bevor der Zug abfährt.
Bild: Julian Stiefel.

Es war ein Sommermorgen im August des letzten Jahres, als mir erstmals bewusst wurde, welch grossen Anklang der öffentliche Verkehr (öV) in der Schweiz findet. Ich stand an der Bushaltestelle, als der proppenvolle Bus heranfuhr. Weil ich kaum ein Plätzchen fand, erinnerte mich die Reise schliesslich eher an eine Holpertour auf einem überladenen Kamel als an den Weg zur Arbeit. Mehr oder weniger so verläuft jeder Morgen im Rheintal, in der Ostschweiz, in der ganzen Schweiz. Grosse Menschenströme bewegen sich im Minutentakt mit Bus und Zug. Gratiszeitungen sind im Nu vergriffen, aufgebackene Gipfeli werden in rohen Mengen verzehrt. Es bleibt die Frage nach den Ursachen und Folgen dieser immensen Nachfrage im öV-Sektor.

Ökologische Erziehung

Die Triebfeder für das zunehmende Angebot an Verbindungen im Bus- und Bahnbereich ist ausschliesslich der Nachfrager. Er bestimmt durch die Nutzung der zunehmenden Mobilität auch deren Zukunft. In den letzten Jahrzehnten, als die Klimaerwärmung zum global favorisierten Politthema avancierte, wurden Herr und Frau Schweizer regelrecht dazu erzogen, den öV zu nutzen. Durch unzählige Aktienen, Verbilligungen für den klassischen Pendler und gezielte Propaganda der vom Staat subventionierten Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) erfolgte ein Umdenken in den Köpfen der Schweizer. Nicht mehr nur die „Arbeiterklasse“ verzichtete auf das Auto, in den letzten Jahren sprangen auch Manager und Bundesräte wie Moritz Leuenberger wortwörtlich auf den Zug auf. Bahnen und Busse lösten das Auto als klassisches Transportmittel für den Arbeitsweg. Eng mit dem öV-Marketing ist auch das gesteigerte Gewissen für das Klima verbunden – wer sich heute mittels Zug zur Arbeit bewegt, kann sich als umweltbewusst profilieren. Eine Art euphorische Erfolgsspirale setzte ein.

Erfolgsspirale

Aufgrund der stetig ansteigenden Mehreinnahmen wurden Investitionen in das Angebot möglich. Heute verlassen die Züge im Minutentakt den Hauptbahnhof Zürich, das Epizentrum im Bus- und Bahnverkehr. In den komfortablen Wagons kann gespeist werden, Internetverbindungen stehen zur Verfügung, die Reisenden können zwischen Kinder-, Ruhe- und Schlafwagen zirkulieren. Diese zusätzlichen Möglichkeiten wiederum bewegten weitere Autofahrer, auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen. Die SBB entwickelten sich zum Erfolgsmodell, der damalige Chef, Benedikt Weibel, wurde in den Kreis der Nationalhelden gehievt.

Rechtzeitig ausbauen

Heute sind erste Anzeichen eines überlasteten Netzes spürbar. Mittelfristig stellt die enorme Nachfrage den öffentlichen Verkehr mit Sicherheit vor Probleme. Es werden viele, oft zu viele Passagiere transportiert. In den aktuellen Zukunftsprognosen warnt der operative Chef der SBB, Andreas Meyer, vor ernst zu nehmenden Infrastrukturproblemen. Der öV steht vor einem für andere Wirtschaftsteilnehmer schier unglaublichen Problem: Er hat zu viele Kunden. Damit es nicht zum Kollaps kommt, muss investiert werden. Es ist ein unumgänglicher und lohnenswerter Einsatz, damit Busfahrten nicht mehr länger an Kamelritte erinnern.