Gesellschaft | 02.02.2010

Wo genau liegt eigentlich „de Röstigrabe“?

Text von Diana Berdnik | Bilder von mandelbaerli.ch
David Naef berichtete einst von seinen Abenteuern in St. Gallen und wie er sich im fernen Osten durchgeschlagen hat. Heute drehen wir den Spiess um und schauen mal, was eine St. Gallerin in Bern erwartet.
Das Mandelbärli der Kolumnistin hat die Zugfahrt nach St.Gallen nicht überlebt.
Bild: mandelbaerli.ch

Gut zweieinhalb Stunden nachdem ich mein Daheim verlassen habe, werde ich von der Zugstimme geweckt: „Nächster Halt, Bern!“ Jetzt wird mir klar, dass ich im Wilden Westen angekommen bin. Doch anstatt Sand und Hitze kommt mir grauer Beton und Kälte entgegen. Erstaunt bin ich über die Stolperfalle, denn so niedere Perrons wie in Bern habe ich noch nie gesehen. Ich verlasse den Bahnhof und siehe da, ein warmer Bus steht schon bereit, der mich zum Rathaus bringen soll.

Vorbilder

Ganz heimelig ist es mir, sieht der Bus von innen doch ähnlich aus wie die neuen St. Galler-Busse. Das Problem der dauernd defekten Billetautomaten hat man hier ganz gut gelöst – es gibt gar keine im Fahrzeug selbst. Irritiert stelle ich fest, dass die nächste Haltestelle „Bahnhof Bern“ heisst. Bin ich dort nicht eingestiegen? Glücklicherweise zeigt der Bildschirm bereits die Haltestelle „Rathaus“ an, was mich sehr beruhigt. Bahnhof – Bärenplatz – Zytglogge – Rathaus, scheinbar kann ich in fünf Minuten Fahrt fast alle Sehenswürdigkeiten von Bern antreffen, obwohl beim Bärenplatz (mindestens vom Bus aus) weder ein Platz noch Bären zu sehen sind. Da vermisse ich doch den heimischen St. Galler-Bären auf seinem Stammplatz. 

Prominenz und Integration

Ich steige aus dem Bus aus und da trifft mich fast der Schlag. Eine Toilettenschüssel, mitten auf der Strasse. Ist Bern noch so unzivilisiert, dass es üblich ist, sein Geschäft den gepflasterten Strassenrinnen entlanglaufen zu lassen? Wohl kaum, das zerstört das Bild der schönen Altstadt. Also mache ich mich auf den Weg ins Rathaus, wo ich den Grossräten mit meinem Sanggallerdüüütsch indiskrete Fragen stelle. Trotzdem werde ich ganz lieb aufgenommen und akzeptiert. Ich habe mir auch Mühe gegeben, mich ein bisschen zu integrieren. Darum sage ich jetzt auch „gäng“ und „grüässech“.  

City-Life

Es ist Abend geworden. Und noch kälter. Gemeinsam mit anderen Tinks schlendere ich durch Berns Strassen und betrachte die Schaufenster. Mein Blick bleibt an einem Café hängen. „Ist er das wirklich?“, frage ich. Da sitzt doch tatsächlich der alte, dicke Mann mit dem Hut an einem Tisch und grinst. Erst gerade habe ich über Endo Anaconda geschrieben und jetzt sitzt der da, in aller Gemütlichkeit. Typisch Berner. Wir gehen vorbei und erblicken das Wahrzeichen von Bern, das von gewissen Missen als Kirche bezeichnet wird. Davor wird Schlittschuh gelaufen, sieht aus wie in einem kitschigen Hollywood-Film.  

Küdr, Nidle und einmal Vier bitte!

„Gibs mr, ds ghört i Küdr“ und „Nidle chame ässä“ sind Sätze, die mir David netterweise übersetzt hat. Solche Dinge gehören scheinbar zu den ersten Sätzen, die man können muss, wenn man eine fremde Sprache lernt. Plötzlich bin ich mir nicht mehr ganz sicher, wo sich der Röstigraben befindet. Ich frage mich auch, warum der Kellner dauernd „einmal die Vier bitte!“ in die Küche ruft. Offensichtlich ist es die Aufforderung, jemand soll die Tür zum Keller, wo sich die Toilette befindet, öffnen. Ob es jetzt ein Code ist, oder doch einfach Berndeutsch, weiss ich nicht. Nach dem Getränk in der spannenden Gaststätte mache ich mich auf den Weg nach Hause. Zum Znacht gibt’s noch einen Burger, auf die bekannte Fastfood-Kette kann man sich auch in Bern verlassen. Und dann geniesse ich doch noch eine Spezialität aus dem Wilden Westen: einen schmackhaften Mandelbären.

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