Gesellschaft | 28.02.2010

„Wir kannten den Ernst des Lebens nicht“

Text von Céline Graf | Bilder von Julia Weiss
Seit der Hausmann und freie Autor Bänz Friedli im Migros-Magazin wöchentlich Kolumnen schreibt, bekomme er viel mehr von den Menschen mit als zuvor als Journalist, wo es sein Job war, sagt er. Über die Gründe dafür und über Vorlesen, Jugend und Familie sprach Bänz Friedli mit Tink.ch.
"Wenn ein Chefredaktor die Schweiz so abbilden möchte, wie sie ist, darf ihm die Normaloschweiz mit ihren Mehrzweckhallen und Vereinen nicht fremder sein als der Fischmarkt von Hanoi", sagt Bänz Friedli.
Bild: Julia Weiss

Hast du inzwischen die perfekte Züpfe hinbekommen?

Bänz Friedli: Ich versuche möglichst nicht perfekt zu sein. Sonst hätte ich ja nichts mehr zu schreiben. Aber ich bekomme tatsächlich eine gute Züpfe hin. Die Ironie ist: Überall, wo ich hinkomme, schenken mir die Leute Züpfen. Nachdem ich letzten Herbst das Züpfemachen endlich von den Zürcher Landfrauen gelernt hatte, war unsere Gefriertruhe so voll mit Züpfen, dass ich keine mehr machen musste und es so wieder verlernt habe. Da ich in der Kolumne eine riesen Sache darum gemacht habe, ist meiner Frau und mir das Thema ziemlich verleidet. Aber ich bin selber schuld …

 

Was ist dein Geheimrezept für eine erfolgreiche Kolumne?

„I ha doch eifach nume Schwein gha“, singen Plüsch. Bei meiner ersten erfolgreichen Kolumne, der Pendlerkolumne im „20 Minuten“, hatte ich einfach nur Glück. Jeder, der pendelt, erlebt diese Dinge, über die ich geschrieben habe. Es hat etwas Kathartisches, wenn du über das, was dich ärgert, lachen kannst. Ich brauchte nur noch das nötige Schreibhandwerk. Bei der Hausmann-Kolumne im Migros-Magazin habe ich zwei Millionen Leserinnen und Leser, vorwiegend Familien und Hausfrauen, die sich, ihre Sorgen und ihren Alltag in meinen Kolumnen wiedererkennen. Machmal staune ich, wie breit die Identifikation ist. Sie reicht von der Hausfrau im Muotatal bis zur lesbischen Grafikerin aus der Zürcher Szene.

 

Wann hast du angefangen zu schreiben?

Mit 14 Jahren gab ich eine Fussballzeitung heraus, die in Spitzenzeiten bis zu 300 Abonnenten hatte. Ich durfte im Wankdorfstadion sogar bei den Länderspielen auf die Pressetribüne. Später druckten wir in einer Jugendgruppe ein Heftchen mit der Schnapsmatrize. Zuerst ging es um jugendliche Befindlichkeitstexte, dann, als man unser Jugendhaus abreissen wollte, wurde das Heft politischer. Mit 20 Jahren wurde ich in den Gemeinderat von Wohlen (BE) gewählt, galt in der Region Bern als „roter Hund“. Meine erste Kolumne schrieb ich 1985 für den „Bund“. Das Schreiben hat mich seither immer begleitet.

 

In der Hausmann-Kolumne schreibst du über ernste Themen wie Raserunfälle und die Affäre Polanski, aber auch über weniger ernste wie verschwundene Legoteilchen. Gehst du an jedes Thema mit demselben Interesse heran?

Man muss die grossen und die kleinen Dinge ernst nehmen, denn sie hängen immer irgendwie zusammen. Als Journalist ging ich sehr zynisch an Themen heran. Wenn ich heute Musikkritiken von mir lese, wie zum Beispiel einen Verriss von Gölä, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Immerhin berührt Gölä die Leute. Wenn ein Chefredaktor die Schweiz so abbilden möchte, wie sie ist, darf ihm die Normaloschweiz mit ihren Mehrzweckhallen und Vereinen nicht fremder sein als der Fischmarkt von Hanoi. Paradox: Seit ich die Hausmann-Kolumne schreibe, bekomme ich einen viel detaillierteren Einblick ins Leben der Schweizerinnen und Schweizer als vorher als Journalist, wo es mein Job gewesen wäre. Andererseits bin ich relativ politisiert und langjähriger Kulturjournalist. Mich interessieren also alltägliche Dinge wie Legoteilchen im Staubsauger genauso wie die Affäre Polanski, wobei ich diese heute mehr aus dem Blickwinkel des Familienmenschen betrachte, als Vater. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich habe Glück, ein schönes Leben zu haben. Ich bin die einzige bezahlte Hausfrau der Schweiz.

 

Wenn du auf der politischen Schiene geblieben wärst, was wären deine Hauptanliegen?

Seit meinem Crashkurs in Demokratie im Wohlener Gemeinderat pflege ich ein distanziertes Verhältnis zur Politik. Ich habe Mühe, den Betrieb ernst zu nehmen, von links bis rechts. Es könnte sogar sein, dass ich zum ersten Mal nicht wähle im März, obschon ich um die Wichtigkeit der Politik weiss. Angenommen, ich wäre 1990 wirklich Grossrat geworden (ich war Kandidat, liess mich aber im letzten Moment von der Liste streichen), lägen meine Schwerpunkte bei Verkehr und Familie. Ich wollte einmal Pfarrer werden, einmal Politiker – in meiner Kolumne bin ich ein bisschen beides, und erreiche erst noch die Leute besser.

 

„Wie die grosse Welt in den Familienalltag hineinwirkt“: So werden deine Kolumnen beschrieben. Wirkst du mit deinen Kolumnen über den Familienalltag in die grosse Welt hinaus?

Ich wünsche es mir natürlich. Ich hatte mich gegen das Angebot einer Kolumne im Nachrichtenmagazin Facts und für die Kolumne im Migros Magazin entschieden. Der Facts-Chef meinte dann: „Spinnst du, das liest ja kein Journalist!“. Das ist die Haltung vieler Journalisten: Sie schreiben füreinander. Mit meinen Kolumnen erreiche ich jede Woche zwei Millionen Menschen mit denselben Anliegen, die in der Woz vielleicht sieben Gleichgesinnte lesen würden. Manchmal bekomme ich bewegende Rückmeldungen. Einmal sagte mir zum Beispiel ein Vater, er habe mein Buch gelesen und darob gemerkt, dass er ja verpasse, wie seine Tochter aufwachse. Er halbierte sein Jobpensum, seine Frau erhöhte ihres.

 

Wieso hängst du so gerne Wäsche auf?

Das ist Zen, Wäscheaufhängen hat für mich etwas Medidatives. Camus sagte mal: „Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, Haushalt ist nie fertig und dennoch befriedigend.

 

Das sagtest du auch 2008 bei Kurt Aeschbacher. In derselben Sendung meintest du zudem, es gäbe nichts schöneres, aber auch nichts anstrengenderes als den Alltag mit seinen Kindern zu verbringen. Was war diese Woche dein schönster und dein anstrengendster Moment mit den Kindern?

Anna Luna sagt zwar (imitiert ihre Stimme): „Vati, du bisch huere pinlech“, aber solange sie mich noch mitnimmt zum Shoppen wie heute, ist das für mich das Grösste. Auch die Gespräche, die wir inzwischen führen können … Zum Beispiel gestern habe ich mit Hans über die Libyen-Affäre und Simon Ammann diskutiert. Den mühsamsten Moment habe ich bereits vergessen. Die Kinder fordern mich immer aufs Neue heraus. Es ist toll, was man alles lernt mit ihnen. Dank ihnen habe ich beispielsweise einen Vorwand, Hitparade zu hören.

 

Anna Luna ist 11 und kommt bald in die Pubertät. Findest du die Balance zwischen Behüten und Loslassen?

Ich habe extrem Mühe damit. Im Gegensatz zu meiner Frau, die die Kinder möglichst selbstständig sehen möchte. Ich bin das Loslassen am Üben seit Anna Lunas erstem Geburtstag. An diesem Tag machte sie ihre ersten Schritte, und zwar von uns weg, so weit sie konnte. Wir malen uns die Zukunft trotzdem in den schönsten Farben aus: Ich als Grossvater im selben Haus wie sie mit ihrer Familie … Ich hoffe, es dauert nicht allzu lang, bis ich Enkel bekomme. Aber mir ist klar: Um es später gut zu haben, muss ich zuerst loslassen.

 

Im Internetforum diskutierst du mit deinen Leserinnen und Lesern über Themen wie Jugend und Vernunft. Du sagst, Jugendliche seien oft unvernünftig, zumindest warst du es. Ist die „heutige Jugend“ vernünftiger?

Die „heutige Jugend“ gibt es sowieso nicht. Wenn die „heutige Jugend“ regelmässig in den Medien verteufelt wird, ist das unwahrer Thesenjournalismus. Dann nehme ich sie eben pauschal in den Schutz. Obwohl ich selbst schon Erfahrungen mit Jugendgewalt machte, kenne ich fast nur coole, engagierte, herzige Jugendliche. Manchmal sind die Jugendlichen sogar beängstigend vernünftig. Meine Kollegen und ich waren „verwöhnte huere Einfamilienhäuschen-Goofen“, kifften und tranken während dem Gymnasium, die Matura fiel uns in den Schoss. Den Ernst des Lebens kannten wir nicht. Heute sehe ich, womit ein 14-Jähriger konfrontiert ist, was er alles können muss: Medienkompetenz, Informationsflut bewältigen, trotz Pornos seine Sexualität bewahren, mit Beziehungen umgehen, sich um die Umwelt kümmern. Beeindruckend, wie oft und wie kreativ die Jugendlichen mit Sprache umgehen; sie schreiben in Chats und Blogs, sie verfassen Raps, Poetry Slam und Kolumnen.

 

Hans ist 9, Anna Luna 11. Liest du ihnen immer noch jeden Abend vor?

Auf jeden Fall, solange ich noch darf. Mit 20, 30 Jahren war ich noch relativ kulturpessimistisch, und bis vor kurzem war ich dies auch hinsichtlich moderner Kinder- und Jugendbücher. Erich Kästner und Astrid Lindgren sind halt unschlagbar. Meine Ansicht hat sich aber geändert. Im Moment lesen wir „Tintenherz“ von Cornelia Funke, das ist „huere guet“! In Büchern, die überdauern, werden die Kinder ernst genommen. So geschehen bei Kästner und Funke, und auch bei Filmen wie „Up“, wo gleich in der ersten Szene jemand stirbt.

 

Besteht ein grosser Gegensatz zwischen dem ländlichen Uettligen am Wohlensee, wo du aufgewachsen bist und dem urbanen Zürich, wo du mit deiner Familie jetzt wohnst?

Es geht. Wir wohnen am Stadtrand, wo es ziemlich ländlich ist. Für unsere Berner Bekannten ist das „böse“ Zürich aber immer noch ein Feindbild.

 

Wie reagierst du als YB-Fan auf Sprüche von Zürcher Bekannten?

Ich profitiere meistens von der noch grösseren Feindschaft zwischen Fans des FC Basel und des FC Zürich. (Imitiert Basler Dialekt) „Wenn nit Boosel Maischtr wird, dänn wenigschtens YB und nit Ziiri.“ Die Zürcher wiederum sind YB noch immer dankbar, dass die Berner für sie einmal Basel aus dem Rennen um den Meistertitel geworfen haben. Die Berner haben mit ihrem Dialekt zwar zuweilen ein „Jö-Image“, man nimmt sie nicht ganz ernst, davon konnte ich als Journalist aber nur profitieren. Und die Zürcher schätzen Berner Bands wie Züri West, Plüsch oder Patent Ochsner.

 

Was ausser YB hast du „gärn a Bärn“?

Ich bin glücklicher Exilberner. Ich komme gern nach Bern – und gehe gern wieder. Nur die Caracs von der Konditorei Eichenberger sind unerreicht. Einen Laden wie Kitchener gibts in Zürich nicht, und Musiker wie Filewile, Yuri, Kutti MC und Greis sind etwas vom Besten, was Bern zurzeit zu bieten hat. Sie bringen mir die Befindlichkeit der Jungen näher. Über ihre Musik habe ich gelernt, Junge zu verstehen.

 

 

Zur Person


 

Bänz Friedli, geboren 1965, Hausmann und freier Autor, lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern Anna Luna (11) und Hans (9) in Zürich. Er schreibt seit 2005 wöchentlich die Kolumne „Der Hausmann“ im Migros Magazin. Wenn es die Zeit neben dem Haushalten zulässt, ist Bänz Friedli als freier Journalist im Kultur- und Sportbereich tätig.

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