Kultur | 08.02.2010

Rubinrot – Liebe geht durch alle Zeiten

Text von Jessika Nirko | Bilder von PD
Ziemlich komisch, im knalligen Regenmantel plötzlich ins Jahr 1906 katapultiert zu werden. Oder nachts im Hello-Kitty Pyjama im eigenen Haus vor seinen Urahnen zu flüchten. Doch genau das passiert Gwendolyn in Kerstin Giers "Rubinrot". Denn sie ist Rubin, die letzte im Kreise der Zeitreisenden. Sie soll das grosse Geheimnis lüften.
Das verschnörkelte Buchcover lässt auf die Zeit- und Liebesgeheimnisse deuten, die die Protagonistin Gwendolyn entheddern soll.
Bild: PD

„Schon als sie geboren wurde, sah man ihr an, dass sie zu höherem erkoren worden war. Man kann sie nicht mit euch gewöhnlichen Kindern vergleichen!“

Leider gilt diese Aussage Charlotte, nicht Gwendolyn. Denn während Gwendolyn nur ein „gewöhnliches, einfältiges“ 16-jähriges Mädchen ist, die bloss gut im „dumm Kichern und SMS-schreiben“ ist, ist ihre Cousine Charlotte das auserwählte, besondere Kind der Familie. Denn alle sind sich sicher: Charlotte hat das Zeitreise-Gen geerbt, und ihr erster Sprung in die Vergangenheit steht kurz bevor.

Doch wie bitte lässt es sich erklären, als sich statt Charlotte Gwendolyn plötzlich im Jahre 1906 befindet? Genau damit, dass Charlotte vergebens jahrelang Fecht-, Tanz-, Musik- und Geschichtsunterricht hatte, und dazu noch alle möglichen altertümlichen Sprachen als Vorbereitung für ihre besondere Gabe erlernen musste. Denn Gwen ist nun offensichtlich die Besondere, das auserwählte Kind der Familie – was für ziemlich viel Ärger und Verwirrung sorgt.

Während Charlotte ganz genau wüsste, wie sie sich in der Vergangenheit zu verhalten hätte, muss Gwen einen Crashkurs besuchen, denn sie wird im geheimen Bund der Zeitreisenden sofort dringend benötigt. Als Zeitreisende ist man nicht nur besonders begabt, sondern auch mit besonders vielen Erwartungen belastet.

Atemberaubend schöner „Mitreisender“

Doch das Schlimmste ist schliesslich ihr Begleiter für die Missionen: Gideon, ihr „Reiseleiter“, ist zwar atemberaubend schön, doch unglaublich arrogant und einfach nur blöd. Irgendwie. Jedenfalls ein bisschen. Und wie bitte soll Gwen sich da in solcher Verwirrung durch die Vergangenheit und zusätzlich jahrhundertealter Geheimnisse durchschlagen? Ziemlich unmöglich, oder?

Was an Rubinrot besonders gefällt, ist das zügige Erzähltempo und der Humor der Autorin. Giers verstrickt sich nämlich nicht in komplizierten Zeitreise-Details, sondern lässt die Handlung schnell voranschreiten. Dafür wird man mit viel Humor überschüttet. Gwen versteht zum Beispiel die Sprache, die die Leute in der Vergangenheit gebrauchen, nicht sehr gut und ersetzt dann Wörter, die sie nicht versteht einfach mit „Wortlücke“. So zum Beispiel: „Dies ist alles sehr Wortlücke!“. Auch ihre manchmal frechen Attitüden, die sie der wichtigtuerischen Familie und dem Bund der Wächter entgegengesetzt, sind witzig.

Kerstin Giers Ideen sind originell und machen richtig Spass beim Lesen. Und wieder einmal kann man sich total in den wunderschönen verschnörkelten Einband verlieben. Etwas enttäuschtend ist das abgehackte und auch etwas vorhersehbare Ende. So bleiben viele Rätsel offen, deren Lösungen man teils vermuten kann, teilweise aber völlig im Dunkeln liegen.

Kerstin Gier, „Rubinrot – Liebe geht durch alle Zeiten“. Arena Verlag.

Links

  • Diese Buchkritik erschien erstmals bei Leporello , dem Kulturmagazin für Kinder und Jugendliche.