Kultur | 16.02.2010

Pier Paolo Pasolini am Theater St. Gallen

Text von Seraina Manser | Bilder von www.theatersg.ch
Das Leben und Werk des italienischen Schriftstellers und Regisseurs Pier Paolo Pasolini dient dem Choreographen Marco Santi als Vorlage für das Tanzstück Pasolini. Am Samstag, 13. Februar war Uraufführung im Theater St.Gallen.
Schrill und schnell: Wer sich nicht mit Pasolini auskennt, hat es schwer, den Tänzern zu folgen.
Bild: www.theatersg.ch

Eine Meute schreiender Männer in 60ies Kleidern rutscht das Geländer im Theaterfoyer hinunter, sprintet durch die Premierengäste hindurch aufs Damen WC. Mit einer entwendeten Klobürste und mehreren hinterher flatternden WC-Rollen springen sie die Treppe hinauf; man hört nun Schreie und Gekreische aus dem Lift, der ins Foyer führt. Der Zuschauer wird schon vor dem eigentlichen Beginn des Tanzstückes mit Pasolini konfrontiert.

Pasolinis Leben

Pasolini wird 1922 in Bologna geboren. Das Kunststudium, das er in Bologna beginnt,  muss er während des Weltkrieges aufgeben. Er erhält eine Stelle als Lehrer, die er sofort wieder verliert, als öffentlich wird, dass er homosexuell ist. Nach dem Ende des Weltkriegs zieht Pasolini mit seiner Mutter nach Rom.

Pasolini fühlt sich mit den Strichjungen, den Dieben und Mördern der römischen Vorstädte verbunden. Sein Buch „Ragazzi di Vita“ (1955) ist ein grosser Skandal, auf realistische Art und Weise beschreibt er das wahre Leben der Randständigen. Das ist aber erst der Beginn. In insgesamt 25 Filmen und zahlreichen Büchern erschreckt er die Masse mit brutalem Realismus immer wieder von Neuem.

Am 2. November wird der 53-jährige Pasolini, von Zaunlatten erschlagen und einem Auto überfahren, tot am Strand von Ostia aufgefunden. Hauptverdächtiger ist der siebzehnjährige Pino Pelosi. Der Mord ist allerdings bis heute nicht aufgeklärt. Wie konnte ein so schmächtiger Ragazzo mit blossen Händen einen Mann erschlagen? Zudem wies Pelosis Kleidung keinerlei rote Spuren des blutüberströmten Pasolinis auf. Manche plädieren auf Auftragsmord. Pelosi wusste zu diesem Zeitpunkt nichts über die gesellschaftliche und künstlerische Bedeutung des Opfers. Marco Santi kann es sich nicht anders vorstellen, als dass Pelosi nach dem Mord wissen wollte, wer Pasolini eigentlich genau war.

Santi lässt Pino Pelosi (Sebastian Gibas) Pasolinis Filmmomente und Bücher entdecken und versucht so den Zuschauer an das immense Werk Pasolinis heranzuführen.

Marco Santi beschäftigt sich schon seit fünf Jahren mit Pasolini, laut ihm hat Pasolini unglaublich viel für Italien getan. Santis Ziel ist es, den Zuschauer einen Zugang zu dem für viele, zumindest Nichtitaliener, unbekannten Pasolini zu verschaffen.

Schwierige Inszenierung

Eine lange Hochzeitstafel, Mamma Roma (hier in St.Gallen Zaida Ballesteros), macht sich verbittert über den Bräutigam und Zuhälter lustig, weil er eine andere geheiratet hat und nicht mehr für ihren gemeinsamen Sohn sorgen kann. Eine von italienischem Charme sprühenden Zaida Ballesteros bringt mit ihren gesungenen Canzoni Unruhe in die Hochzeitsgesellschaft, die daraufhin immer mehr und mehr ausartet.

Themen, die sich durch alle Tanzsequenzen durch ziehen, sind Sexualität und – oft zu brutale – Gewalt. Als Bühnenbild (Katrin Hieronimus) dienen Autopneus, Sperrmüll und verschiebbare Wände. Die musikalische Umrahmung (Roderik Vanderstraeten) reicht von Verdi, über Bach bis zu modernen Beats. Auch die Tanzkompanie zeugt durch ihre selbst gesungenen italienisch proletarischen Schlager von Musikgefühl.

Wenn man mit dem Werk Pasolinis nicht vertraut ist, ist es sehr schwierig, einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen herzustellen. Es gibt nicht wirklich einen roten Faden, der sich durch die eineinhalbstündige Aufführung zieht. Wer durch-choreographierte Tanzszenen erwartet, ist hier am falschen Ort. Der Tanz besteht aus Fallen, Rollen und Springen, nie bewegt sich die Masse als eines, oft geschieht zu viel auf der Bühne, man kann nicht allem folgen.

Wer sich entscheidet die Aufführung anzusehen, dem wird empfohlen sich zuerst mit den Werken Pasolinis auseinanderzusetzen, um die Szenen sinngemäss interpretieren zu können. Wer dies nicht tut, der kann sich einfach auf die von Energie sprühenden Tänzer und Tänzerinnen konzentrieren und sich nicht daran stören, wenn vieles unklar bleibt.