Politik | 02.02.2010

Ouvrir le passe à  l’avenir

Text von Luzia Tschirky | Bilder von Kevin Frank
Jugend und Politik ist für viele ein Widerspruch. Die Jugendlichen würden sich nicht für Politik interessieren, ihnen sei nur noch Konsum und Spass wichtig. Ein Vorurteil, das bestimmt nicht auf jene zutrifft, die am vergangenen Mittwoch im Rathaus Bern zu Besuch waren, um gemeinsam mit Grossrätinnen und Grossräten über Medien zu diskutieren.
Jugendliche reden im Grossratssaal, wo sonst die Kantonsregierung über wichtige Angelegenheiten entscheidet, die unser Leben betreffen.
Bild: Kevin Frank

„Ouvrir le passe à  l’avenir.“ Das steht in grossen Buchstaben an der Wand in der Eingangshalle des Berner Rathauses. Es ist kurz nach dreizehn Uhr und die Zukunft des Kantons Bern steht tatsächlich in der grossen Halle. Mehr als hundert Jugendliche sind der Einladung des Grossrats gefolgt. Nicht, dass die Grossrätinnen und Grossräte das Gestern vertreten würden. Aber gerade beim Thema Medien sind die Jugendlichen näher am Puls der Zeit als die Politikerinnen und Politiker. Während junge Leute offen auf neue Medien zugehen, sind ältere Generationen oftmals zurückhaltender. Ob sich aber die Jugendlichen der Risiken der neuen Medien nicht bewusst sind und die älteren Leute umgekehrt die Chancen nicht sehen, wird sich im Laufe des Nachmittags noch zeigen.

Anlass mit Gesprächsstoff

Der Berner Jugend-Grossrat-Tag findet dieses Jahr schon zum achten Mal statt. Wieder sind Jugendliche aus dem ganzen Kanton Bern in die Kantonshauptstadt angereist. Die Jugendlichen werden nach Region auf Gruppen verteilt und diskutieren miteinander das Thema des Tages, bevor sie in der zweiten Hälfte des Nachmittags von Grossrätinnen und Grossräten besucht werden. Eine einmalige Gelegenheit mit den Politikerinnen und Politikern über Dinge zu sprechen, die schon lange unter den Nägeln brennen. Zuerst aber diskutieren die Jugendlichen unter sich.  

Meinungsvielfalt

Das Thema Medien ist sehr breit und so wird auch nicht in jeder Gruppe über das Gleiche gesprochen. Während die einen Gruppen die Internetplattform Facebook kritisch beurteilen, sorgt in anderen die Gratiszeitung „Blick am Abend“ für Gesprächsstoff. Vor allem unter männlichen Jugendlichen sind Videogames ein Dauerthema. Die Meinungen unter den Jugendlichen sind sehr verschieden. Zu jedem Thema gibt es Befürworter und Gegner. Gewisse Punkte werden besonders unterschiedlich betrachtet. So zeigen sich gewisse Jugendliche als absolute Gegner der Gratiszeitungen, während andere das Angebot sehr schätzen. – Wobei es schwierig einzuschätzen ist, ob die Zeitungen nicht gefallen oder der Papierabfall, der die Züge und Schulen überschwemmt. Damit die Jugendliche gewisse Statements bereit halten, wenn die Politikerinnen und Politiker zu ihnen in die Gruppe stossen, begleiten Gesprächsleiter die Diskussionen.    

Medien prägen Bild der Politiker

Nach einer kurzen Pause geht man zum zweiten Programmpunkt über. Inzwischen ist es 15 Uhr und man merkt, dass nicht mehr allzu viel Zeit bleibt. Vor dem Jugend-Grossrat-Tag hat sich wohl jeder Jugendlich gefragt, wie diese Politiker wohl sein mögen. – Können Politiker andere ausreden lassen? Werden andere Meinungen akzeptiert? – Kaum jemand hatte schon direkten Kontakt mit Kantonspolitikern. Das Bild der Jugendlichen von Politikern ist also durch die Medien geprägt. Passend zum Thema des Tages. Während der Gespräche mit den Politikern zeigte sich, dass die Politiker sehr unterschiedlich sind und auch ihre Meinungen weit auseinander gehen. In gewissen Fällen zeigten sich aber auch Unterschiede zwischen den Generationen. Während beim Thema Videogames ein Grossteil der Politiker für strengere Gesetze einsteht, appellieren die Jugendlichen mehrheitlich an die Eigenverantwortung.        

Kritische Stimmen im Grossratssaal

Abschliessend tragen die Jugendlichen ihre Diskussion aus den Gruppen vor das Plenum im Grossratssaal. Viele Jugendliche stehen zum ersten Mal in diesem Raum, in dem schon so einiges beschlossen wurde, das ihr Leben beeinflusste. Mit dem Jugend-Grossrat-Tag wird sich politisch nichts verändern. Sinn und Zweck des Anlasses ist das Gespräch zwischen den Jugendlichen und den Politikern. Jeweils zwei Gruppenmitglieder treten vor den vollen Saal und berichten von den Gesprächen. Es ist sehr interessant zu hören, dass die Jugendlichen den Medien sehr kritisch gegenüber stehen. Das Hochladen von Fotos auf Facebook wird ebenso hinterfragt wie die Berichterstattung über die Schweinegrippe.

Wer weiss…

Im ersten Moment mag es frustrieren, dass man durch den Jugend-Grossrat-Tag wenig bewegen kann, aber im zweiten Moment wird das schnell verständlich. Lösungen oder auch nur schon Ansätze zu finden, braucht viel mehr Zeit und Vorbereitung als einen Nachmittag. Und wer weiss, ob die Grossrätinnen und Grossräte die eine oder andere Idee der Jugendlichen übernehmen? Das grosse Interesse der Grossräte für den Jugend-Grossrat-Tag ist ein Zeichen dafür. Um viertel vor Fünf geht das Plenum zu Ende und in einigen Gesichtern der Jugendlichen ist deutlich zu lesen: „Bis zum nächsten Jahr.“