Politik | 02.02.2010

„Neue Technologien sind unser Ding“

Text von Janosch Szabo
Wie kommt man innerhalb eines Tages von nichts zu einer schlauen Petition? Thema: Energieverbrauch und neue Kommunikationsmittel. Elf Jugendliche nahmen an der Jugendsession Sommer diese Herausforderung an. Am Ende forderten sie von der Bundesversammlung ein Bekenntnis zu intelligenten Stromzählern. Was das genau ist, wussten die meisten frühmorgens auch noch nicht.
In welche Richtung soll die Petition gehen? Brigitte, Robert, Rifka und Alessandra (von links) im Gespräch. Besuch von einem Politiker: SVP-Nationalrat Hans Killer hört sich die Ideen der Jugendlichen an und erzählt selbst aus seinem Leben. Gruppenleiter Arjan (rechts) hilft Benjamin und Rifka beim Ausformulieren der Petition. Jean-Marc und Aline bereiten währenddessen ihre Reden fürs Plenum vor. Fotos: Janosch Szabo

„Über was wollt ihr heute reden?“ Die Einstiegsfrage von Gruppenleiter Arjan Werren läuft geradewegs ins Leere. Elf Jugendliche – Jung-SVPler, Juso-Mitglieder und Parteilose – schauen ihn erwartungsvoll an, schweigen aber. Klar ist damit für den Moment nur, dass es um „Energieverbrauch und neue Kommunikationsmittel“ gehen soll. Und gesetzt ist auch das Ziel des Tages: Eine Petition zu diesem Thema zu erarbeiten. Nur was genau? Werrens Kollegin Christina Zweifel verteilt Filzstifte und bunte Zettel. Jeder soll drei Punkte notieren. Inputs. Fragen. Und siehe da: Plötzlich ist das Zögern weg. Christina sagt: „Hier können sich die jungen Leute zu Themen aussprechen, die sie wirklich etwas angehen. Neue Technologien sind unser Ding.“  

„Ich will mitreden“

Brigitte Berchtold aus dem bernischen Aegerten schreibt: „Was machen wir mit den Geräten, die wir nicht mehr brauchen?“ Sie ist gekommen, weil sie gerne diskutiert, wie sie sagt, und um neue Leute kennen zu lernen. Sie war auch schon am Jugend-Grossratstag und an der Eidgenössischen Jugendsession. Möglichkeiten der politischen Partizipation, die es beim Schopf zu packen gelte. Gleich neben ihr sitzt Robert Schranz, auch er aus dem Seeland, aus Seedorf genau. Auf seinen Zetteln notiert er die Stichworte „mobiles Internet“, „Strahlenbelastung“ und „Energieverbrauch“. Technik sei sein Spezialgebiet, sagt der 15-Jährige. Und: „Ich mache gern den Mund auf. Ich will mitreden.“

Mobilfunk: Warum nicht einfach ein Netz?

Interessant wird es nach der Pause. Denn mit am Tisch sitzt nun Res Witschi, der Umweltverantwortliche der Swisscom. Bald dreht sich das Gespräch um die verschiedenen parallel existierenden Mobilfunknetze. Könnte man die nicht zusammenlegen und so Strom sparen?, wollen die Jugendlichen wissen. Witschi erklärt: „Aus wettbewerbsrechtlichen Gründen müssen wir eigene Antennen stellen.“ Jedoch spreche aus Sicht der Swisscom nichts dagegen, sich mit den anderen Anbietern diesbezüglich zusammen zu tun. Im Weg steht die Wettbewerbskommission (Weko), die das verboten hat.  

Als es wenig später ein Thema für die Petition zu bestimmen gilt, stehen zur Auswahl: Standbyabschaffung vorantreiben, sich stark machen für intelligente Stromnetze, auf Energiespar-Sensibilsierungskampagnen pochen, neue Technologien wie Solarhandys fördern oder die Zusammenlegung der Mobilfunk-Antennen fordern. Die Mehrheit will Letzteres vertiefen.


„Infrastrukturwettbewerb ist doof“

Die Diskussion läuft an. Ein Wort gibt das andere. Und man ist sich in einer Sache zumindest einig: Infrastrukturwettbewerb ist doof. Die Weko soll ihr Verbot für eine Zusammenlegung aufheben. Aber was dann? Das Antennennetz verstaatlichen, schlägt einer vor. Andere finden, das gehe zu weit. Eine eigene Firma für den Betrieb des Netzes brauche es aber schon.  

SVP-Nationalrat Hans Killer, der die Gruppe am Nachmittag besucht, ist mässig begeistert von der Idee. „Ist das eurer Meinung nach die wichtigste Einsparmöglichkeit?“, fragt er provokativ und gibt die Antwort gleich selbst: „Senderanlagen sind nicht massgeblich für den gesamten Stromverbrauch.“ Der Dämpfer sitzt. Sein gleich darauf motivierend gemeintes „Ihr könnt die Forderung ja trotz allem mal stellen“ hilft da auch nichts mehr. Erst als Robert aufstreckt und sagt: „Ich schlage vor, dass wir jetzt hier mal das Licht ausschalten“, ist wieder Stimmung im Raum. „Also, dann machs“, ruft ihm jemand zu. Robert geht und drückt den Schalter. Ein kleines Stromsparzeichen.  

Im Eilverfahren zu einer neuen Petition

Nachdem sich der Nationalrat verabschiedet hat, beschliesst die Gruppe kurzerhand das Thema zu wechseln. Eine Petition zum intelligenten Stromnetz soll jetzt her. Robert fragt: „Weiss jemand, wie das genau funktioniert?“ Arjan recherchiert. EU-Richtlinien werden gesucht. Es gehe darum, in den Häusern Stromzähler einzubauen, die dereinst automatisch zur Mittagszeit, wenn der Strombedarf im Land am höchsten ist, gewisse Geräte im Haushalt kurz ausschalten. Den Kühlschrank zum Beispiel. Die Spitze der Stromverbrauchskurve könnte so gesenkt und damit ein Atomkraftwerk eingespart werden.

Das klingt gut, meinen die Jugendlichen, und machen sich ans Ausformulieren der Petition: „Wir fordern von der Vereinigten Bundesversammlung, eine entsprechende Regelung zu erstellen, welche besagt, dass bei Neubauten nur noch intelligente Stromzähler eingebaut werden dürfen. Dies wird in Zukunft beträchtliche Mengen an elektrischer Energie sparen.“ Im Plenum kurz darauf gibts für die Vorlage 25 Ja- und neun Nein-Stimmen. Geschafft. Die Petition ist durch. Das Forum Jugendsession wird sie an die Bundesversammlung weiterreichen. Und Arjan, der in diesem Forum mitarbeitet, gibt sich bezüglich Erfolgschancen durchaus optimistisch: „Es ist eine sehr konkrete Forderung. Damit kann man die Politiker angehen.“