Gesellschaft | 23.02.2010

“Meine digitale Seele lebt wieder”

Text von Felix Unholz | Bilder von Felix Unholz
Der Autor dieses Artikels bezeichnet sich selbst als Facebook-süchtig. Während 30 Tagen wollte er ohne das soziale Netzwerk auskommen.
Bild: Felix Unholz

“Sorry, ich kann nicht auf Facebook verzichten, muss da noch einige Frauen klarmachen!”, erwidert ein Freund, als ich ihn frage, ob er sich an meinem Versuch beteiligt. Es ist Sonntagabend, 20.59 Uhr, “Rush Hour” der “Danke fürs schöne Wochenende, mein Herzchäferli”-Statusmeldungen. Ich ziehe den Laptop-Stecker und verkrieche mich mit der Tageszeitung unter die Bettdecke. Zum ersten Mal seit der Primarschule lese ich sie wieder von vorne nach hinten durch.

“Schade, bist du nicht mehr da …”

In der Uni verspottet man mich am Mittagstisch: “Pass auf, dass du nicht vereinsamst!” Dafür habe ich vorerst nur ein müdes Lächeln übrig. Ich fühle mich frei, grapsche in den Vorlesungspausen nicht mehr hechelnd zum Handy, um “News zu checken”. Abends erzählt mein Vater, er habe mein Facebook-Profil durchgeklickt: “Eine Kollegin findet es schade, dass du nicht mehr da bist, und Freunde schliessen schon Wetten ab, wie lange es geht, bis du aufgibst.” – “Danke Papa, muss ich nicht wissen.” Allerdings wäre ich gerne über die Homeparty eines Kollegen informiert gewesen. Ich sage es ihm. Er rechtfertigt sich: “Ich hab’ dir doch eine Veranstaltungseinladung geschickt.”

Tage- anstatt Gesichtsbuch

Am vierten Tag beginne ich Tagebuch zu schreiben. Nach einer Woche mutiere ich zum Dauertelefonierer. Die Handyrechnung wird sich am Ende des Monats auf 236 Franken und 20 Rappen belaufen. Weil ich zwischenzeitlich sogar ganz aufs Internet pfeife und meine Mails nicht mehr lese, verpasse ich den geschäftlichen Termin mit einem Nationalrat, suche an der HSG nach einem Radioworkshop, der kurzfristig in den Westen der Stadt verschoben wurde und vergesse den Geburtstag meiner besten Freundin.

“Weg vom Fenster”

Tag 21: Ich entdecke meine Reiselust und fahre einfach so nach Genf, um einen Cappucino mit frischer Schokolade zu trinken. An meinem 19. Geburtstag bekomme ich so viele Geburtstags-SMS und -Anrufe wie noch nie. Wird begehrenswerter, wer es schafft, sich den Social Communities zu entziehen? “Nein”, sagt eine Studienkollegin, “du bist schon weg vom Fenster, fast niemand mehr redet über dich.” Und plötzlich fühlt es sich an, als fehle mir ein Körperteil. Ein Tag zu früh zieht es mich zurück ins Netzwerk der Oberflächlichkeit, Selbstdarstellung und Pseudo-Interaktion. Ich kann nicht anders. Ich logge mich ein und setze meinen ersten Status: “Meine digitale Seele lebt wieder.”

Info


Dieser Artikel ist im Februar 2010 im Jugendmagazin "Fräsch" des St.Galler Tagblatts erschienen und wird Tink.ch von der Tagblatt-Redaktion für eine weitere Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.