Politik | 02.02.2010

Liegen diffuse Abwehrreaktionen im Trend?

Text von Joël Meier | Bilder von Natalie Kornoski
Die aktuelle Diskussion um Deutsche in der Schweiz zeigt: Fremdenhass ist endgültig salonfähig geworden.
Bild: Natalie Kornoski

Markus Somm, ein Weltwoche-Redaktor, erklärte uns im „Club“ des Schweizer Fernsehens kürzlich, weshalb Deutsche in der Schweiz ein Problem seien: „Die Schweizer Identität ist ganz wichtig. Schweizer sein heisst nämlich, nicht Deutsch zu sein, schon seit dem Schwabenkrieg“. Somms Begründung für das Misstrauen gegenüber den Deutschen lautet also: Die Schweiz ist nicht Deutschland. Die Schweiz und Deutschland sind zwei verschiedene Länder. Das ist seit 500 Jahren so. „Deshalb fühlen wir uns unwohl, wenn bei uns Hochdeutsch gesprochen wird“, schloss er.

Ist das nicht die exakte Definition von Xenophobie? Die Abneigung gegen einen Menschen einzig aus dem Grund, dass er aus einem anderen Land stammt? Antwort: Ja, das ist die exakte Definition von Xenophobie. Markus Somms „Ihr seid nicht wie wir“-Semantik und das „Unwohlsein“, das er daraus zieht, sind eindeutig fremdenfeindlich.

 

Diffuse Abwehrreaktionen scheinen jetzt im Trend zu liegen. Die Abschaffung des Minaretts löste keine konkrete Probleme: Fundamentalistisches Gedankengut, Scharia-Recht, Zwangsbeschneidung, Unterdrückung der Frau und Terrorismus gibt es auch trotz einem baurechtlichen Verbot in der Bundesverfassung. Und es behauptete auch niemand ernsthaft, dass diese Probleme bei einem Ja zur Initiative auf magische Weise verschwinden würden. Trotzdem wollten fast 60 % des Stimmvolkes keine neuen Minarette mehr. Warum? Weil viele ein Unbehagen vor Fremdem haben, das nicht rational ist. Eine vage Angst vor denjenigen, die nicht so sind wie wir, einzig deshalb, weil sie nicht so sind wie wir. Markus Somm würde es „Unwohlsein“ nennen.

 

Die Angst vor Fremdem nur wegen dessen Fremdartigkeit ist natürlich nicht neu. Sie ist weit verbreitet. Am Familientisch, am Stammtisch, unter Lastwagenfahrern und Informatikern, Bauarbeitern und Ärzten: Irrationale Abneigung gegen Ausländer, Andersgläubigen und Andersfarbigen gibt es überall, in jedem Land. Neu ist aber, dass dieser offensichtliche Fremdenhass offen und unvermittelt geäussert wird und – unter dem Prädikat „Patriotismus“ – sogar als „Klartext“ bejubelt wird. Auch die Teilnehmer im „Club“ schienen eingeschüchtert von Somms abgrenzendem Patriotismus. Sie gingen auf seine xenophobischen Ergüsse nicht ein. Dass Somm keine konkreten Argumente hatte, merkten sie nicht.