Gesellschaft | 15.02.2010

Jurafrage noch immer unbeantwortet

Text von Eva Hirschi | Bilder von memreg.ch
«Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte." Der langjährige Konflikt zwischen dem Kanton Jura und dem Berner Jura könnte möglicherweise gelöst werden, indem der Jura, der Berner Jura und Neuenburg einen neuen Grosskanton bilden würden.
Karte zum eidgenössischen Abstimmungsresultat zur Schaffung eines Kantons Jura, 1974.
Bild: memreg.ch

Der Kanton Jura ist der jüngste Kanton der Schweiz. Der südliche Teil des Jura gehört aber seit Langem zum Kanton Bern. Damit sind nicht alle einverstanden. Seit 1994 arbeitet eine vom Bund erstellte Kommission, die interjurassische Versammlung (Assemblée interjurassienne), an der Lösung der umstrittenen Jurafrage.

Ein langer Konflikt

Zu dieser sogenannten Jurafrage kam es so: Im Mittelalter gehörte das Gebiet noch dem Fürstbistum Basel an, einem bischöflich regierten Territorialstaat. Durch den Einfluss der Stadt Bern wurde der südliche Teil des Kantons Jura, der heutige Berner Jura, reformiert, während der nördliche Teil katholisch blieb. Mit der Besetzung französischer Truppen im 18. Jahrhundert  gehörte der heutige Kanton Jura zeitweise sogar zur französischen Republik.

Nach der Niederlage Napoleons wurden die staatlichen Verhältnisse in Europa neu geordnet. Der Wiener Kongress von 1815 sprach die Gebiete des ehemaligen Fürstbistums Basel dem Kanton Bern zu. Für Bern war es eine Entschädigung, da es die Kantone Aargau und Waadt verloren hatte.

Die kulturellen und politischen Unterschiede zwischen dem konservativen, reformierten Südjura und dem eher liberalen, katholischen Nordjura führten jedoch zu massiven Spannungen innerhalb der Bevölkerung und den Behörden. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen. Nach mehreren lokalen Kolflikten und einer eidgenössischen Volksabstimmung wurde am 1. Januar 1979 der nördliche Teil des Juras schliesslich vom Kanton Bern abgespalten. Der Nordjura hatte zuvor rund 165 Jahre zu Bern gehört.

Schafböcke gegen Wildschweine

Die Spannungen blieben jedoch bestehen, die Jugendorganisation „Béliers“ (franz. Schafböcke) setzt sich auch heute noch für die Wiedervereinigung des Bernischen Südjuras mit dem Kanton Jura ein, und dies mit immer radikaleren Methoden wie Sprengstoffanschlägen und Demolierungen. Jüngstes Beispiel ist die Beschädigung des symbolischen Mittelpunkts der Schweiz auf der Älggi-Alp von 2009.

Die Gegenbewegung zu den Beliérs nennt sich „Sangliers“ (Wildschweine), eine berntreue Organisation, die sich für den Verbleib des Berner Juras im Kanton Bern einsetzt. Im Gegensatz zu den Béliers erkannten die Sangliers  die gefällten Entscheide der Volksabstimmungen von 1979 an.  

Mögliche Lösungen

Im vergangenen Frühling stellte die interjurassische Versammlung zwei Vorschläge vor: Die Bildung eines neuen Kantons aus dem Kanton Jura und dem Berner Jura mit Moutier als neuem Kantonshauptort, oder aber den „Status Quo Plus“. Beim „Status Quo Plus“ blieben die Grenzen unverändert, der Berner Jura bekäme jedoch mehr Kompetenzen.

Allerdings stösst nun die Idee eines neuen Kantons, der aus den Kantonen Neuenburg und Jura sowie dem Berner Jura bestehen würde, auf positives Echo. Dies ergab eine Befragung der Bevölkerung dieser Gebiete. Bei der Frage, welche Variante die Leute vorziehen würden, wenn es denn mit dem Grosskanton inklusive Neuenburg nicht klappen würde, sprach sich die Mehrheit des Jura und des Berner Jura für den „Status Quo Plus“ aus.

Zwischen April und Mai führt die interjurassische Versammlung zur Jurafrage diverse öffentliche Informationsveranstaltungen durch.

Es bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass sich die Jurafrage nach fast 200 Jahren Konflikt schliesslich doch noch beantworten lässt.