Gesellschaft | 15.02.2010

Im Nachtzug nach Prag

Trotz breitem Billigflugangebot hält sich der Nachtzug wacker als Transportmittel für Städtereisen. Zurecht: Er versprüht Nostalgie, ist umweltfreundlich und vor allem unvorhersehbar.
Die entspannte Stimmung täuscht: Der Nachtzug ist unvorhersehbar und spannend.
Bild: Keystone Damals gabs auch noch Raucherabteile: Sean Connery nutzte den Zug als Transportmittel, ehe er seinen ersten Aston Martin geschenkt bekam. PD

Spätestens im Nachtzug ist sie fällig. Wenn die Umgebung im Dämmerlicht mit 200 Stundenkilometer draussen vorbeizieht und ein kleinwüchsiger Kellner gerade den Champagner serviert: „Oh James!“ seufzt die grossgewachsene Blondine. James lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Die Nonchalance mit der er das Zweierabteil verdunkelt ist bestechend. Bestechend britisch. Sie – anfangs noch kühl und abweisend – schmilzt dahin und lässt sich wehrlos in die Arme eines Mannes fallen, der wohl sämtliche Weltkriege für sich allein entscheiden könnte – „Oh James“. Es ist eine knisternde Mischung aus Abenteuer und sich ausgeliefert Sein, die aus der blonden Powerfrau in zweifelhafter Mission, plötzlich ein laszives Schmusekätzchen werden lässt. Der Zug durchquert den Morast, auf der Reise von A nach B. Vielleicht in Sibirien, wo sich Wodka-Schmuggler und Braunbären blutige Kämpfe liefern. Je abgelegener und karger die Umgebung, desto reichhaltiger die Fantasie des Reisenden, desto aufregender die Fahrt: Abenteuer. Im Innern des Zuges herrscht Ruhe und Sicherheit. Es gibt keinen Ausweg – nur den Weg. Die Türen sind verschlossen und zwei Menschen dürfen sich näher kommen, obwohl es sich für sie eigentlich verbietet: Gefangenschaft in einer Zweierkabine, die allen Gesetzen trotzt.

Wenn der Zug morgens um zehn den Bahnhof der Zielmetropole erreicht, wird nicht mehr zurückgeschaut. Die alte Blechlawine hat den Zweck erfüllt, für den man bezahlt hat. Die Reise von A nach B ist zu Ende. Alles was dazwischen liegt war kostenlos. Die Blaupause in der sich James und die kühle Blondine liebten, existiert nicht in der Auftragsakte ihrer jeweiligen Arbeitgeber. Und James` Ruf, als raffinierter Agent, dem jede Frau zu Füssen liegt – auch die Bösen – ist abermals bestätigt, derweil die Blondine zum Racheplan ansetzt.

Nicht mehr der Alte

Diese Szene könnte sich in einem alten Bond-Film mehr oder weniger so abgespielt haben. Damals, als James noch keine tollen Schlitten, dafür umso mehr Frauen besass. Er konnte sie schlagen und wurde dafür noch geliebt. Heute wird James von Frauen geschlagen und ist selbst unglücklich verliebt. Was ist nur aus dem einst so souveränen und besten Agenten geworden? Ein gebrochener Mann. Hätte James Bond heutzutage nicht die computergesteuerten Autos, welche die Drecksarbeit für ihn erledigen, seine Darbietung wäre erbärmlicher als jene von Alinghi gegen Oracle in der Segelregatta. James ist kein Segler. Und wäre er heute ein Nachtzugpassagier, seine Mission würde spätestens zwischen Zürich und Prag scheitern:

Sich riechen lernen

Der Schreibende ist zugegebenermassen nicht aus demselben Holz geschnitzt wie der einstige Filmheld, dafür hat er etwa dieselbe Körpergrösse. Genau da fängt das Übel an: Einmal sich auf eine Pritsche des Sechserabteils gezwängt, wird die Realität plötzlich beinhart. Wortwörtlich, denn die Beine können aufgrund der geringen Bettlänge nur auf dafür nicht vorgesehenen, meist harten Ablagen verstaut werden. Aus den übrigen Schlafplätzen dringt der Soundtrack der Reisebegleiter: Schnarcheln, Röcheln und immer wieder tiefe Seufzer. Letzteres ein Beweisgeräusch, dass man nicht der einzige ist, dem die rucklige Fahrt zu Schaffen macht. Leidensgenossen eingepfercht auf engstem Raum. Man kennt sich nicht, aber man lernt sich riechen: Mit der Anzahl der zurückgelegten Kilometer wird auch die Luft immer dicker. Es riecht nach alten Socken und getrocknetem Schweiss. Wahrscheinlich Rucksacktouristen, denen das Duschen seit Tagen verwehrt blieb. Bei einem Zwischenhalt morgens um zwei geht plötzlich die Tür des Abteils einen Spalt weit auf: Eine Kinderhand greift hinein und tastet sich in Richtung meines Rucksacks. Ich rufe „hey!“ und knalle reflexartig die Tür zu. Ein Blick hinaus auf den Bahnsteig und ich sehe das flüchtende Kind. Mager und wie vom Teufel geritten. Hätte es doch bloss gefragt, ich hätte dem kleinen Bastard bestimmt nicht die Hand gebrochen. Doch morgens um zwei Uhr ist noch selten ein Pestalozzi in mir erwacht.

Überraschendes Intermezzo

Die Fahrt geht weiter, endet aber bereits wieder nach einer knappen Stunde: Der Lautsprecher gibt einen Gleisdefekt bekannt. Die Passagiere werden zum Umsteigen in einen Bus aufgefordert. Das kleine Intermezzo bis zum nächsten Bahnhof dauert gut zwei Stunden und beschert mir ein nicht alltägliches Sightseeing: Die Bauernhöfe in dieser ländlichen Gegend standen wahrscheinlich schon, als auch James noch mit dem Zug reiste. Damals waren es prachtvolle Scheunen, heute sind es – so gut man das im morgendlichen Dämmerlicht erkennen kann – verfaulte Holzanhäufungen. Zeitdokumente aus dem gleichzeitigen Zerfall der kommunistischen Zeit. Zurück im Zug finde ich abermals keinen Schlaf, obwohl ich hundemüde bin. Ich wünschte mir nicht einmal mehr die hübsche Blondine aus dem Bond–Film herbei, sondern nur noch die Ankunft. Als der Zug endlich mit quietschenden Rädern im Zielbahnhof einfährt, gibt die Durchsage eine Verspätung von einer Stunde und 50 Minuten durch. Geschüttelt und nicht sehr gerührt steige ich aus dem Zug. Zehn Minuten zu früh, denke ich. Bei einer Verspätung von zwei Stunden verspricht die Bahngesellschaft die Rückerstattung der Reisekosten. Das nächste Mal reise ich im Aston Martin.



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