Kultur | 14.02.2010

„Ihre Stelle wird es nicht mehr geben“

Ryan Bingham ist professioneller Entlasser. Kein beliebter Job. Und Menschen, die diesen Beruf ausüben, sind ebenso unbeliebt. Normalerweise. Ganz anders ist es, wenn George Clooney in Jason Reitmanns Komödie "Up In The Air" in die Rolle des Rausschmeissers schlüpft.
George Clooney vollbringt in "Up The Air" eine Meisterleistung. Copyright: Paramount Pictures Auf einer Reise lernt Ryan Bingham Alex Goran kennen. Natalie Keener bringt seine perfekte Welt ins Wanken. Am Flughafen erklärt Ryan Natalie, was effizientes Reisen bedeutet. Die sexy Alex weckt die menschliche Seite in Ryan.

Ryan ist smart wie Danny Ocean in der Oceans-Trilogie und gewissenlos wie Harry Pfarrer in „Burn after reading“. Kurz: George Clooney vereint in „Up In The Air“ die besten Seiten aus früheren Rollen. Ohne mit den Wimpern zu zucken entlässt Ryan Bingham Menschen – denn was andere Branchen als Krise empfinden, bedeutet für seinen Arbeitgeber Goldgräberstimmung. Mitarbeiter wie Ryan Bingham wirken als Puffer, Prellböcke, Punchbälle und Überbringer der Hiobsbotschaft „Sie sind gefeuert“, obwohl sie natürlich bewusst auf das Wort „gefeuert“ verzichten und ihre Worte mit Bedacht wählen: „Ihre Stelle wird es demnächst nicht mehr geben“.

 

Ohne Bindung, ohne Verpflichtung

Der Job ist wie gemacht für Ryan. Seinen symbolischen Rucksack hat er längst befreit von unnützen Gegenständen und beschwerenden zwischenmenschlichen Beziehungen. So wundert es nicht, dass er die Augen verdreht, wenn seine Schwester Kara anruft, um über die Hochzeit ihrer Schwester Julie zu sprechen. Sein ständiges in der Luft und auf der Achse Sein machen es ihm leicht. Für ihn macht seine Arbeit aber einen weiteren Reiz aus. Seine beruflichen Reisen helfen ihm, seinem Ziel näher zu kommen: Er will der siebte Mensch auf der Welt sein, der als Vielflieger zehn Millionen Meilen zurücklegt. Jeder Entlassungsauftrag bringt ihm weitere Meilen.

 

In den letzten zwölf Monaten war Ryan Bingham während 322 Tagen auf Reisen, legte 350000 Meilen zurück. Er ist ein Vielflieger: Jeder Handgriff sitzt, das Köfferchen wird stets im gleichen Muster gepackt. Er reist mit einer solchen Effizienz, dass manch Reisender neidisch werden kann.

 

Ryans Seelenverwandte

So routiniert sein Leben auch ist, gerät es durch zwei Ereignisse oder genauer gesagt durch zwei Frauen ins Schleudern. Die sexy Alex Goran (Vera Farmiga) und die aufstrebende Natalie Keener (Anna Kendrick) holen Ryan auf den Boden zurück.

 

Alex lernt er auf einer seiner Reisen kennen. Sofort legen beide ihre Karten offen auf den Tisch – VIP-Karten von Autovermietungen, Hotelketten und Airlines. Wer der Meinung ist, dass auf jeden Topf irgendwo ein passender Deckel wartet, fühlt sich hier bestätigt. Ryan Bingham hat seine verwandte Seele gefunden. „Ich bin die Frau, um die du dir keine Gedanken machen musst“, lautet Alex‘ Devise – ganz nach Ryans Geschmack.

 

Rationalisierung der Rationalisierer

Dass Mitarbeiter einer auf Rationalisierung spezialisierten Firma ebenso davon betroffen sein könnten, daran hat Ryan im Traum nicht gedacht. Die junge Harvard-Absolventin Natalie Keener konfrontiert ihn jedoch mit genau dieser Tatsache: Künftig sollen Entlassungen nur noch über Video-Chat ausgesprochen werden, das spart Reisekosten. Bei einer Demonstration führt Ryan seinem Vorgesetzten vor Augen, dass Natalie nicht die Erfahrung hat, Menschen zu entlassen. Dies führt allerdings nur dazu, dass genau Ryan als Old-School-Rausschmeisser Natalie in die Geheimnisse der gefühllosen aber nicht zynischen Entlassungen einführen soll.

 

Im Zusammenspiel Natalie-Ryan fällt denn auch einer der wenigen negativen Punkte auf. Während Clooney Ryan Bingham als schlagfertigen, charmanten und teilweise trockenen Mann mittleren Alters verkörpert, gelingt es Anna Kendrick alias Natalie nicht, ihm Paroli zu bieten. Natalie wirkt tapsig, naiv oder wie ein Entlassener beschreibt wie eine „Viertklässlerin“. Diese Schwachstelle wird aber schnell verziehen, trägt sie doch wesentlich zur Authentizität der Handlung bei.

 

Kinogängerinnen und -gänger können beobachten, wie Ryan eine Entwicklung durchmacht. Eine Entwicklung, die man dem sympathischen Meilensammler trotz seiner unsympathischen Position gerne abnimmt. Und vielleicht haben Meilen, ein Leben aus dem Koffer und Techtelmechtel in verschiedenen Hotelzimmern plötzlich keine so hohe Bedeutung mehr.

 

 

 

Fazit


„Up In The Air“ ist absolut sehenswert. Mit dem Ende kann auch ein Romantiker leben, obwohl es für den Realisten rasch voraussehbar ist. Wer Filme mit George Clooney mag, wird „Up In The Air“ besonders lieben, in dem Clooney einen Mann mimt, der Ecken und Kanten hat und nach ein bisschen Glück sucht.

 

 

„Up In The Air“ läuft seit 04. Februar in den Deutschweizer Kinos.