Gesellschaft | 15.02.2010

Experiment der besonderen Art

Text von David Naef | Bilder von A. Dreher / pixelio.de
Die Plättlistrassen der Berner Altstadt und abgefahrene Bremsklötze können Fahrradfahrende schnell einmal zum Absteigen zwingen. Auch ein abgeschlossenes Fahrradschloss ist ein Hindernis, besonders am eigenen Gefährt. Ein unfreiwilliges Experiment.
Bild: A. Dreher / pixelio.de

Unglaublich! Bereits zum zweiten Mal heute. Die Gedanken schiessen wild durch meinen Kopf. Mir wird heiss, ich werde rot. Ein mulmiges Gefühl breitet sich aus: ich habe meinen Fahrradschlüssel erneut zu Hause vergessen.  

Etwas anderes, als mein Fahrrad am Rahmen zu packen und halb schiebend, halb tragend nach Hause zu bringen, bleibt mir nicht. Im Licht der Strassenlaternen lenke ich das Fahrrad durch die dunklen Gassen der Berner Altstadt. Die Schneeflocken tanzen mir um die Nase und verleihen der Szenerie einen Hauch von romantischer Winterstimmung. Wie unpassend in dieser Situation.  

Böse Blicke  

Wie schnell man in den Augen der Passanten vom harmlosen Bürger zum hinterhältigen Velodieb mutiert, bekomme ich am eigenen Leib zu spüren. Kein Mensch zieht an mir vorüber, ohne einen verächtlichen oder bösen Blick auf mich und mein Fahrrad zu werfen. Manche flüstern ihrem Gesprächspartner ins Ohr, andere schauen mir noch gefühlte zehn Minuten nach. Kein Wunder, jährlich werden in der Stadt Bern rund 2500 Fahrräder gestohlen. Nur zehn Prozent finden wieder zurück zum Besitzer. Trotz oder genau wegen den Reaktionen kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Schliesslich weiss nur ich, dass ich mein eigenes Fahrrad „klaue“.  

Zivilcourage, wo bleibst du?  

Doch wo bleibt die Zivilcourage? Kein Mensch spricht, geschweige denn hält mich an. Ob ich die Rolle des Bösewichts nicht gut genug spiele, ob ich so furchtbar und stark aussehe – ich weiss es nicht. Eigentlich bin ich ganz froh darüber. Hätte ja sein können, dass ich jemandem tatsächlich furchtbar starken begegnet wäre. Meiner Gesundheit wäre das bestimmt nicht bekommen.  

Endlich zu Hause angekommen, darf ich stolz sein: Mission „Fahrradklau“ erfolgreich abgeschlossen.