Gesellschaft | 01.02.2010

Das Warten geht weiter

Text von Diana Berdnik | Bilder von Diana Berdnik
Der erste Einsatz ist vorüber. Nun ist es Zeit, ihn zu besprechen und Kraft zu tanken für das, was noch kommen wird. André erklärt die Wichtigkeit einer Mikrowelle, die Praktikantin bereitet sich auf den Ernstfall vor.
Und plötzlich geht alles sehr schnell... auch wenn vor kurzem noch Zeit für ein Fotoshooting war.
Bild: Diana Berdnik

Unser Einsatzteam ist wieder komplett. André Wilmes und sein Partner Matthias besprechen den vergangenen Einsatz. „Das Blaulicht wäre nicht unbedingt nötig gewesen“, meint André, „aber grundsätzlich wird die Dringlichkeit eher höher eingestuft, da die Einschätzung des Zustandes des Patienten am Telefon meist schwierig ist.“ Wir waschen uns gründlich die Hände und gönnen uns ein Mittagessen aus der Kantine. Unter all den weissen Kitteln fallen wir zwei gelben Figuren auf, doch gleich ziehen wir uns in den wohnlichen Aufenthaltsraum zurück.

Die Wichtigkeit einer Mikrowelle

Jetzt verstehe ich, warum der Aufenthaltsraum wie eine kleine Wohnung aussieht. Auf wenigen Quadratmetern kann gekocht, gegessen, ausgeruht und recherchiert werden. Kurz gesagt: Die Angestellten leben richtiggehend in diesen vier Wänden. In der Mittagszeit ist es auch erlaubt, sich hinzulegen, doch wenn ein Notruf kommt, muss das Essen warten. „Dann ist man sehr froh um die Mikrowelle“, meint André schmunzelnd.

Um ein Uhr machen es sich vier Rettungssanitäter auf den Sofas bequem. Ich klicke mich durch das Archiv und schaue Bilder von Übungen und Einsätzen an. Ausserdem studiere ich den Ausbildungsweg zum Rettungssanitäter und lese in einem Lehrbuch. Die Illustrationen sind gut verständlich und zum Teil auch erschreckend gruselig für Laien. Wie ich wohl reagieren würde, wenn eine Person mit einem zerstückelten Bein oder Ähnlichem heute unsere Hilfe bräuchte? Wenn ich diesen Menschen sogar kenne? Ich möchte gar nicht daran denken. Dafür sind meine Gefühle doch noch zu wenig rationalisiert.

Irgendwann beginnt hinter mir eine Diskussion, wer heute Nacht in welchem Zimmer schlafen darf. Die Mittagspause ist vorbei und André zeigt mir die Software, mit der sie die minutiös notierten Daten zum Einsatz jeweils eingeben. Erstaunt stelle ich fest, dass wir mit Blaulicht nur drei Minuten unterwegs waren, war es mir doch viel länger vorgekommen.

Der zweite Einsatz

Während wir am PC sitzen und sich meine Spannung endlich gelockert hat, kommt plötzlich eine Alarmierung. Dringlichkeit zwei, das heisst, wir müssen bei der Anfahrt die Verkehrsregeln beachten. André fährt bis ins benachbarte Einsatzgebiet, denn das eine Fahrzeug aus der Basis Rorschach ist bereits unterwegs. Das Spital Rorschach gehört zum Unternehmen Kantonsspital St.Gallen, wenn der Rettungswagen in Rorschach bereits ausgerückt ist, werden die Rettungssanitäter von St.Gallen aufgeboten. Was mich am Einsatzort erwartet, weiss ich nicht.

Die Zusammenarbeit der beiden Kameraden ist wie abgesprochen. Wir steigen das Treppenhaus hinauf und begrüssen eine besorgte Frau. Ihre krebskranke Freundin liegt auf dem Fussboden im Badezimmer und kann nicht mehr aufstehen. Der Platz ist beschränkt und so bleibe ich im Gang stehen. Gezielt stellt Matthias Fragen, um erste Massnahmen zu treffen. Ein EKG soll helfen, die Lage zu beurteilen. André fordert mich auf hinein zu kommen. Ohne zu wissen, was ich gleich sehen werde , trete ich vorsichtig ein. Noch nie vorher hatte ich mit so kranken Menschen zu tun. Vor mir liegt eine Frau, mager, kaum Haare auf dem Kopf, von der Krankheit gezeichnet. „Hallo!“, sagt sie mit einer schwachen Stimme und schenkt mir ein Lächeln. Mein Unbehagen ist wie weggeblasen.

Matthias sucht eine Vene, um der Patientin später Medikamente geben zu können. „Wie viel Morphium erträgt denn ein Mensch?“, denk ich mir. Ich halte den Beutel mit der Infusions-Flüssigkeit, Matthias erklärt die nötigen Massnahmen und die Freundin der Patientin sucht die Dinge für einen Spitalaufenthalt zusammen. Die beiden Damen diskutieren, wer zu benachrichtigen ist, wer auf die Katze aufpasst, welche Handcrème und welche Hausschuhe mitgenommen werden sollen. Scheinbar unwichtige Dinge haben jetzt für die todkranke Frau viel Wert.

André hat währenddessen die Liege vor dem Hauseingang bereit gemacht. Die beiden Männer tragen die Patientin die Treppe hinunter, legen sie auf die Liege und transportieren sie in den Rettungswagen. Die Kollegin der Patientin flüstert Matthias etwas zu. „Das kann ich Ihnen nicht sagen, wirklich nicht“, bedauert Matthias.  Dem Gesichtsausdruck nach lässt sich erahnen, was die Frage war.

Die Ruhe nach dem Sturm

Im Spital Rorschach werden wir bereits erwartet. Mit vereinten Kräften verlagern wir die Patientin in ein Bett. Freundlich stellen sich die Pflegefachfrauen vor und übernehmen den Fall. André und ich gehen hinunter. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses Spital so schnell von innen sehe. Während der Vorlesungszeit laufe ich täglich daran vorbei, ohne zu ahnen, was für Schicksalsszenarien sich hinter den Mauern abspielen. André meint, dass er gerne die Schicht in Rorschach hat. Hier haben die diensthabenden Retter eine eigene Wohnung und meistens weniger Betreib als in St. Gallen. Dann kam auch Matthias wieder hinzu und wir fuhren zurück in die Basis.

Ein weiteres Mal werden die Koffer kontrolliert und André zeigt mir, wie diverse Instrumente theoretisch funktionieren und welche Medikamente wann eingesetzt werden. Im Kinderkoffer befindet sich dann alles im Miniformat. Manche Materialien werden jedoch nur vom Notarzt benötigt. Dieser wird in dringenden Fällen an den Einsatzort verlangt.

Es bleibt uns etwas Zeit für ein Fotoshooting. Dann waschen wir uns die Hände und gehen in den Aufenthaltsraum zurück. Kurze Zeit später: Dringlichkeit drei, eine Isolette und ein Kinderarzt müssen im Kinderspital eingeladen werden, damit anschliessend ein Neugeborenes von einem anderen Spital abgeholt werden kann. André und Matthias dienen hier fast ausschliesslich als Fahrer und für mich hat es leider keinen Platz mehr im Wagen. Also mache ich mich auf den Weg zurück ins Kantonsspital. Seltsam, wie mich auf dem Weg alle angaffen. Liegt wohl am Leuchtkittel.

Der Aufenthaltsraum ist leer. Zeit, um mir ein paar Gedanken zum Erlebten zu machen. Ich löse ein Sudoku und warte. Das zweite Rettungsteam kommt vom Einsatz zurück. Die Kollegin meint, dass der Transport noch eine Weile gehen könnte. Also beschliesse ich, Feierabend zu machen. Beim Verabschieden fragt mich der Kollege, ob sich nun mein Berufswunsch geändert hat. „Wer weiss“, antworte ich, „jedenfalls werde ich es jenen empfehlen, die sich dafür interessieren.“