Kultur | 22.02.2010

Aus der Sicht des Mörders

Pier Paolo Pasolini lebte in einem Italien im Chaos, zerrissen von Gewalt und Liebe. Das Tanzstück von Marco Santi, welches letzte Woche Premiere feierte, zeigt dies auf spektakuläre Art. Der Besucher sollte sich jedoch vorbereiten.
Pino Pelosi (Sebastian Gibas) auf den Spuren Pasolinis.
Bild: Toni Suter/ T+T Fotografie

Eigentlich beginnt die Vorstellung bereits im Foyer: Mit lautem Gebrüll jagen junge Männer durch die Menge und stimmen so das Publikum auf die kommende Vorstellung ein. Laut und lebhaft beginnt dann auch das Tanzstück von Marco Santi (Choreografie und Inszenierung). Auf der Bühne steht ein langer Tisch. Das Bühnenbild (Katrin Hieronimus) ist eher schlicht gehalten – lediglich eine riesige Plakatwand ziert die Bühne, auf welcher ein grosser roter Fleck zu sehen ist.

Am Tisch sitzen Menschen. Gesang ertönt. Anna Magnani, gespielt von der Tänzerin Zaida Ballesteros, fesselt mit ihrer kräftigen und reinen Stimme nicht nur das Publikum, sondern scheint auch die Leitung auf der Bühne zu übernehmen. Der Gesang wird unterstützt von rhythmischer Musik (Roderik Vanderstraeten), die einzelne, freie Töne in sich birgt. Die Szene gliedert sich dann in verschiedene Gruppen, wird heftiger, intensiver. Manchmal weiss man gar nicht, wohin man schauen soll, denn überall wird getanzt, gesungen – ein richtiges Chaos. Und dennoch erkennt man Struktur, eine Ordnung in der Unordnung.

Marco Santi hat mit seinem Tanzstück „Pasolini“ etwas Aussergewöhnliches gewagt: Er erzählt eine Geschichte über einen Künstler namens Pasolini – ausgedrückt im Tanz und der Musik, ohne jenen jedoch als Person im Stück auftreten zu lassen. Santi entschied sich dazu, die Geschichte aus den Augen von Pino Pelosi (Sebastian Gibas) zu erzählen – dem Mörder Pasolinis, welcher im Verlaufe der Inszenierung nach der Identität seines Opfers sucht. Dabei trifft dieser auf Maria Callas (Andrea Maria Mendez Torres), mit der Pasolini eine jahrlange Freundschaft pflegte und Silvana Mangano (Dagmar Bock), einer Schauspielerin.

Santi nimmt uns mit auf eine Reise, die uns ins Italien der 60er und 70er Jahre führt – einem Italien, das von Zärtlichkeit, Spass, Unordnung und Gewalt geprägt ist; einem Italien, „das sich auf ein immer grösseres Chaos zu bewegt, möglicherweise ein faschistisches Regime.“ (Pier Paolo Pasolini 1970). Dabei erschafft er durch einzelne Szenen und durch Anlehnung an ein paar ausgewählte Werke Pasolinis (u.a. Mamma Roma, Medea) ein umfassendes Bild von dessen Leben. Untermalt wird das Ganze durch die passende Klangkulisse (Roderik Vanderstraeten), die Lichtgestaltung (Guido Petzold) und die Kostüme von Katharina Beth.

Pasolini ist ein Mann geprägt von Skandalen. Der linksradikale, homosexuelle Aussenseiter, der Zeit seines Lebens immer wieder mit Verurteilungen und Prozessen wegen seiner politischen Einstellung, aber auch seiner Homosexualität zu kämpfen hatte, selbst sagte einst: „Ich glaube, Skandal zu machen, ist ein Recht, den Skandal selbst zu erleben, eine Lust, und ihn abzuwehren, eine moralische Einstellung.“ Auch das bringt Santi in seiner Inszenierung und er erschafft mit wenigen Mitteln, eine fesselnde Atmosphäre. Man spürt die Leidenschaft Santis, die er als Italiener gegenüber Pasolini hat, seine Achtung von dessen Werken und sein Interesse. Das Stück ist geprägt von Gegensätzen: Hass – Liebe, Freundschaft – Gewalt, von den ragazzi di vita – zur abgestandenen und sinnentleerten Bourgeoisie.

Obwohl Pasolini nicht als solcher in der Inszenierung auftaucht, wird seine Welt dennoch greifbar. Auch für seinen Mörder Pelosi. Bei der Schlussszene erkennt man, wie nah sich Opfer und Täter eigentlich sind – beide gefangen in einer trostlosen Welt, in einer Gesellschaft, in der alle zu Verlierern werden, egal ob Künstler oder Strassenmädchen. Er erkennt Pasolinis Überzeugung, dass selbst in tiefster Erniedrigung der menschliche Körper seine angeborene Würde bewahrt. Mit nacktem Oberkörper will Pelosi seinem Opfer ganz nah sein. Immer wieder geht er auf den grossen Blutfleck auf dem Bühnenbild zu, berührt ihn, schmiegt sich an ihn. Und doch ist da etwas, das ihn abwehrt, abschreckt.

Meiner Meinung nach ist das Tanzstück von Marco Santi sehr gut inszeniert. Es gelang ihm, das Publikum in eine andere Welt zu entführen und Gefühle allein durch Musik und Tanz hervorragend zu übermitteln. Auch die Tanzkompagnie hat eine herausragende Leistung gezeigt und mit schauspielerischem Können überzeugt. Dennoch befürchte ich, dass das Stück ohne Vorkenntnisse über die Person Pasolini schwierig sein könnte. Denn dadurch, dass es keinen Text gibt und die Geschichte nur bruchstückhaft präsentiert wird, bleibt der Zusammenhang manchmal in der Luft hängen. Ich empfehle diese Inszenierung allen, die sich für die Person Pasolini interessieren, die Tanz und Musik lieben oder all jenen, die sich auf eine Reise durch das Leben eines grossartigen Künstlers einlassen wollen. Denn egal ob man am Schluss wirklich das versteht, was Marco Santi mit der Inszenierung ausdrücken wollte oder nicht, es lohnt sich auf alle Fälle, sich diese Vorstellung anzusehen, und sei es nur der fesselnden Atmosphäre wegen.