“Wir kannten den Ernst des Lebens nicht”

Hast du inzwischen die perfekte Züpfe hinbekommen?

Bänz Friedli: Ich versuche möglichst nicht perfekt zu sein. Sonst hätte ich ja nichts mehr zu schreiben. Aber ich bekomme tatsächlich eine gute Züpfe hin. Die Ironie ist: Überall, wo ich hinkomme, schenken mir die Leute Züpfen. Nachdem ich letzten Herbst das Züpfemachen endlich von den Zürcher Landfrauen gelernt hatte, war unsere Gefriertruhe so voll mit Züpfen, dass ich keine mehr machen musste und es so wieder verlernt habe. Da ich in der Kolumne eine riesen Sache darum gemacht habe, ist meiner Frau und mir das Thema ziemlich verleidet. Aber ich bin selber schuld …

 

Was ist dein Geheimrezept für eine erfolgreiche Kolumne?

“I ha doch eifach nume Schwein gha”, singen Plüsch. Bei meiner ersten erfolgreichen Kolumne, der Pendlerkolumne im “20 Minuten”, hatte ich einfach nur Glück. Jeder, der pendelt, erlebt diese Dinge, über die ich geschrieben habe. Es hat etwas Kathartisches, wenn du über das, was dich ärgert, lachen kannst. Ich brauchte nur noch das nötige Schreibhandwerk. Bei der Hausmann-Kolumne im Migros-Magazin habe ich zwei Millionen Leserinnen und Leser, vorwiegend Familien und Hausfrauen, die sich, ihre Sorgen und ihren Alltag in meinen Kolumnen wiedererkennen. Machmal staune ich, wie breit die Identifikation ist. Sie reicht von der Hausfrau im Muotatal bis zur lesbischen Grafikerin aus der Zürcher Szene.

 

Wann hast du angefangen zu schreiben?

Mit 14 Jahren gab ich eine Fussballzeitung heraus, die in Spitzenzeiten bis zu 300 Abonnenten hatte. Ich durfte im Wankdorfstadion sogar bei den Länderspielen auf die Pressetribüne. Später druckten wir in einer Jugendgruppe ein Heftchen mit der Schnapsmatrize. Zuerst ging es um jugendliche Befindlichkeitstexte, dann, als man unser Jugendhaus abreissen wollte, wurde das Heft politischer. Mit 20 Jahren wurde ich in den Gemeinderat von Wohlen (BE) gewählt, galt in der Region Bern als “roter Hund”. Meine erste Kolumne schrieb ich 1985 für den “Bund”. Das Schreiben hat mich seither immer begleitet.

 

In der Hausmann-Kolumne schreibst du über ernste Themen wie Raserunfälle und die Affäre Polanski, aber auch über weniger ernste wie verschwundene Legoteilchen. Gehst du an jedes Thema mit demselben Interesse heran?

Man muss die grossen und die kleinen Dinge ernst nehmen, denn sie hängen immer irgendwie zusammen. Als Journalist ging ich sehr zynisch an Themen heran. Wenn ich heute Musikkritiken von mir lese, wie zum Beispiel einen Verriss von Gölä, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Immerhin berührt Gölä die Leute. Wenn ein Chefredaktor die Schweiz so abbilden möchte, wie sie ist, darf ihm die Normaloschweiz mit ihren Mehrzweckhallen und Vereinen nicht fremder sein als der Fischmarkt von Hanoi. Paradox: Seit ich die Hausmann-Kolumne schreibe, bekomme ich einen viel detaillierteren Einblick ins Leben der Schweizerinnen und Schweizer als vorher als Journalist, wo es mein Job gewesen wäre. Andererseits bin ich relativ politisiert und langjähriger Kulturjournalist. Mich interessieren also alltägliche Dinge wie Legoteilchen im Staubsauger genauso wie die Affäre Polanski, wobei ich diese heute mehr aus dem Blickwinkel des Familienmenschen betrachte, als Vater. Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich habe Glück, ein schönes Leben zu haben. Ich bin die einzige bezahlte Hausfrau der Schweiz.

 

Wenn du auf der politischen Schiene geblieben wärst, was wären deine Hauptanliegen?

Seit meinem Crashkurs in Demokratie im Wohlener Gemeinderat pflege ich ein distanziertes Verhältnis zur Politik. Ich habe Mühe, den Betrieb ernst zu nehmen, von links bis rechts. Es könnte sogar sein, dass ich zum ersten Mal nicht wähle im März, obschon ich um die Wichtigkeit der Politik weiss. Angenommen, ich wäre 1990 wirklich Grossrat geworden (ich war Kandidat, liess mich aber im letzten Moment von der Liste streichen), lägen meine Schwerpunkte bei Verkehr und Familie. Ich wollte einmal Pfarrer werden, einmal Politiker – in meiner Kolumne bin ich ein bisschen beides, und erreiche erst noch die Leute besser.

 

“Wie die grosse Welt in den Familienalltag hineinwirkt”: So werden deine Kolumnen beschrieben. Wirkst du mit deinen Kolumnen über den Familienalltag in die grosse Welt hinaus?

Ich wünsche es mir natürlich. Ich hatte mich gegen das Angebot einer Kolumne im Nachrichtenmagazin Facts und für die Kolumne im Migros Magazin entschieden. Der Facts-Chef meinte dann: “Spinnst du, das liest ja kein Journalist!”. Das ist die Haltung vieler Journalisten: Sie schreiben füreinander. Mit meinen Kolumnen erreiche ich jede Woche zwei Millionen Menschen mit denselben Anliegen, die in der Woz vielleicht sieben Gleichgesinnte lesen würden. Manchmal bekomme ich bewegende Rückmeldungen. Einmal sagte mir zum Beispiel ein Vater, er habe mein Buch gelesen und darob gemerkt, dass er ja verpasse, wie seine Tochter aufwachse. Er halbierte sein Jobpensum, seine Frau erhöhte ihres.

 

Wieso hängst du so gerne Wäsche auf?

Das ist Zen, Wäscheaufhängen hat für mich etwas Medidatives. Camus sagte mal: “Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen”, Haushalt ist nie fertig und dennoch befriedigend.

 

Das sagtest du auch 2008 bei Kurt Aeschbacher. In derselben Sendung meintest du zudem, es gäbe nichts schöneres, aber auch nichts anstrengenderes als den Alltag mit seinen Kindern zu verbringen. Was war diese Woche dein schönster und dein anstrengendster Moment mit den Kindern?

Anna Luna sagt zwar (imitiert ihre Stimme): “Vati, du bisch huere pinlech”, aber solange sie mich noch mitnimmt zum Shoppen wie heute, ist das für mich das Grösste. Auch die Gespräche, die wir inzwischen führen können … Zum Beispiel gestern habe ich mit Hans über die Libyen-Affäre und Simon Ammann diskutiert. Den mühsamsten Moment habe ich bereits vergessen. Die Kinder fordern mich immer aufs Neue heraus. Es ist toll, was man alles lernt mit ihnen. Dank ihnen habe ich beispielsweise einen Vorwand, Hitparade zu hören.

 

Anna Luna ist 11 und kommt bald in die Pubertät. Findest du die Balance zwischen Behüten und Loslassen?

Ich habe extrem Mühe damit. Im Gegensatz zu meiner Frau, die die Kinder möglichst selbstständig sehen möchte. Ich bin das Loslassen am Üben seit Anna Lunas erstem Geburtstag. An diesem Tag machte sie ihre ersten Schritte, und zwar von uns weg, so weit sie konnte. Wir malen uns die Zukunft trotzdem in den schönsten Farben aus: Ich als Grossvater im selben Haus wie sie mit ihrer Familie … Ich hoffe, es dauert nicht allzu lang, bis ich Enkel bekomme. Aber mir ist klar: Um es später gut zu haben, muss ich zuerst loslassen.

 

Im Internetforum diskutierst du mit deinen Leserinnen und Lesern über Themen wie Jugend und Vernunft. Du sagst, Jugendliche seien oft unvernünftig, zumindest warst du es. Ist die “heutige Jugend” vernünftiger?

Die “heutige Jugend” gibt es sowieso nicht. Wenn die “heutige Jugend” regelmässig in den Medien verteufelt wird, ist das unwahrer Thesenjournalismus. Dann nehme ich sie eben pauschal in den Schutz. Obwohl ich selbst schon Erfahrungen mit Jugendgewalt machte, kenne ich fast nur coole, engagierte, herzige Jugendliche. Manchmal sind die Jugendlichen sogar beängstigend vernünftig. Meine Kollegen und ich waren “verwöhnte huere Einfamilienhäuschen-Goofen”, kifften und tranken während dem Gymnasium, die Matura fiel uns in den Schoss. Den Ernst des Lebens kannten wir nicht. Heute sehe ich, womit ein 14-Jähriger konfrontiert ist, was er alles können muss: Medienkompetenz, Informationsflut bewältigen, trotz Pornos seine Sexualität bewahren, mit Beziehungen umgehen, sich um die Umwelt kümmern. Beeindruckend, wie oft und wie kreativ die Jugendlichen mit Sprache umgehen; sie schreiben in Chats und Blogs, sie verfassen Raps, Poetry Slam und Kolumnen.

 

Hans ist 9, Anna Luna 11. Liest du ihnen immer noch jeden Abend vor?

Auf jeden Fall, solange ich noch darf. Mit 20, 30 Jahren war ich noch relativ kulturpessimistisch, und bis vor kurzem war ich dies auch hinsichtlich moderner Kinder- und Jugendbücher. Erich Kästner und Astrid Lindgren sind halt unschlagbar. Meine Ansicht hat sich aber geändert. Im Moment lesen wir “Tintenherz” von Cornelia Funke, das ist “huere guet”! In Büchern, die überdauern, werden die Kinder ernst genommen. So geschehen bei Kästner und Funke, und auch bei Filmen wie “Up”, wo gleich in der ersten Szene jemand stirbt.

 

Besteht ein grosser Gegensatz zwischen dem ländlichen Uettligen am Wohlensee, wo du aufgewachsen bist und dem urbanen Zürich, wo du mit deiner Familie jetzt wohnst?

Es geht. Wir wohnen am Stadtrand, wo es ziemlich ländlich ist. Für unsere Berner Bekannten ist das “böse” Zürich aber immer noch ein Feindbild.

 

Wie reagierst du als YB-Fan auf Sprüche von Zürcher Bekannten?

Ich profitiere meistens von der noch grösseren Feindschaft zwischen Fans des FC Basel und des FC Zürich. (Imitiert Basler Dialekt) “Wenn nit Boosel Maischtr wird, dänn wenigschtens YB und nit Ziiri.” Die Zürcher wiederum sind YB noch immer dankbar, dass die Berner für sie einmal Basel aus dem Rennen um den Meistertitel geworfen haben. Die Berner haben mit ihrem Dialekt zwar zuweilen ein “Jö-Image”, man nimmt sie nicht ganz ernst, davon konnte ich als Journalist aber nur profitieren. Und die Zürcher schätzen Berner Bands wie Züri West, Plüsch oder Patent Ochsner.

 

Was ausser YB hast du “gärn a Bärn”?

Ich bin glücklicher Exilberner. Ich komme gern nach Bern – und gehe gern wieder. Nur die Caracs von der Konditorei Eichenberger sind unerreicht. Einen Laden wie Kitchener gibts in Zürich nicht, und Musiker wie Filewile, Yuri, Kutti MC und Greis sind etwas vom Besten, was Bern zurzeit zu bieten hat. Sie bringen mir die Befindlichkeit der Jungen näher. Über ihre Musik habe ich gelernt, Junge zu verstehen.

 

 

Zur Person


 

Bänz Friedli, geboren 1965, Hausmann und freier Autor, lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern Anna Luna (11) und Hans (9) in Zürich. Er schreibt seit 2005 wöchentlich die Kolumne “Der Hausmann” im Migros Magazin. Wenn es die Zeit neben dem Haushalten zulässt, ist Bänz Friedli als freier Journalist im Kultur- und Sportbereich tätig.

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“Mischung aus Alt und Jung ist das Beste”

Mit 18 Jahren bist du die jüngste Grossratskandidatin. Wie fühlt sich das an?

Jüngste Grossratskandidatin zu sein ist ein besonderes Gefühl. Man kann das wahrscheinlich nur einmal im Leben. Ich hoffe mit meiner Kandidatur auch andere junge Leute für die Politik zu motivieren.  

Gibt es nicht einfachere Wege, Jugendliche für ein politisches Engagement zu begeistern?

Natürlich gäbe es andere Wege. Meine Freude beginnen aber genau aufgrund meiner Kandidatur nachzudenken und in ihnen kommt Neugierde auf, was Politik betrifft. Zudem werde ich auf diesem Weg von den Medien am besten wahrgenommen.    

Du besitzt doch zu wenig Lebenserfahrung, um bei wichtigen politischen Themen mit zu entscheiden?  

Natürlich habe ich nicht gleich viel Erfahrung wie ältere Politiker. Es braucht aber auch junge Menschen, die sich engagieren und ihre Lebenserfahrung aus der noch nahen Kindheit und Jugend einsetzen. Viele politische Entscheidungen behandeln  schliesslich die Zukunft der Jugend.    

Was möchtest du in der Politik erreichen?  

Ich möchte, dass sich mehr Junge für Politik interessieren und selber mitbestimmen. Man sollte auch sorgfältiger mit der Umwelt umgehen und zum Beispiel öfter den öV benutzen. Deshalb wäre es sehr wichtig, dass die Billettpreise nicht weiter steigen. Dass immer wieder über Steuersenkungen diskutiert wird, macht mich nachdenklich. Ich hoffe doch, dass der Kanton Bern auch in 30 Jahren nicht total verschuldet sein wird.    

Dein Vater, Ruedi Löffel, hat bereits ein Grossratsmandat inne. Sollte er seinen Platz für junge Politikerinnen und Politiker wie dich räumen?  

Ich glaube, dass eine Mischung zwischen Alt und Jung das Beste ist. So können die Generationen voneinander lernen. Natürlich würde er mir den Sitz gerne freigeben, wenn ich mehr Stimmen bekäme.    

Wie reagieren deine Freunde auf deine Kandidatur?  

Einigen ist es egal. Viele unterstützen mich aber und finden meine Kandidatur eine super Sache. Zum Beispiel hat ein Kollege für mich eine Facebook-Unterstützungsgruppe gebildet, die heute schon über 400 Personen zählt. Andere sagen mir, dass sie an ihrem Wohnort Werbung machen werden oder sie helfen mir beim Strassenwahlkampf.    

Meinst du, junge Leute besitzen mit Facebook heute mehr Chancen, gewählt zu werden als früher?

Ich glaube nicht, dass Facebook entscheidend ist. Aber durch Facebook kann ich einige Leute ansprechen, die ich sonst nicht erreichen würde.  

Wirst du “blöd angemacht” wegen deiner Kandidatur?  

Natürlich fiel auch schon ein-, zweimal eine blöde Bemerkung. Aber die sind heute ja “normal”. Die positiven Rückmeldungen überwiegen bei weitem.    

Was machst du ausser Politik sonst noch?  

Ich tanze gerne, spiele E-Gitarre und singe ab und zu. Eine Jungschargruppe leite ich auch noch. Es bereitet mir sehr viel Freude, mit jüngeren Menschen zusammen zu sein und ihnen auch von Gott zu erzählen. Meine Kollegen und Kolleginnen sind mir natürlich ebenfalls sehr wichtig.    

Du sprichst von Gott. Möchtest du im Grossrat missionieren?

Nein, das habe ich nicht vor. Aber ich lebe meinen Glauben und möchte so nicht nur in der Politik ein Zeichen setzen für Gott. Ich hoffe, dass mein Glaube mein Reden und Handeln spürbar beeinflusst.

    

Was tust du als erstes, wenn du tatsächlich in den Grossen Rat gewählt wirst?  

Ich glaube, zuerst werde ich es gar nicht realisieren oder nicht für wahr halten. Dann werde ich wohl alle Leute umarmen, die gerade um mich sind.  

Hast du konkrete Ziele für deine politische Karriere?  

Es wäre natürlich schön, wenn ich in den Grossen Rat gewählt würde. Wenn nicht, werde ich das Gymnasium wie vorgesehen weiter besuchen und danach studieren. Ich werde mich aber immer da einsetzen, wo es möglich oder hilfreich ist. Und wer weiss, vielleicht klappt es mit dem Grossen Rat auch zu einem späteren Zeitpunkt.

“Meine digitale Seele lebt wieder”

“Sorry, ich kann nicht auf Facebook verzichten, muss da noch einige Frauen klarmachen!”, erwidert ein Freund, als ich ihn frage, ob er sich an meinem Versuch beteiligt. Es ist Sonntagabend, 20.59 Uhr, “Rush Hour” der “Danke fürs schöne Wochenende, mein Herzchäferli”-Statusmeldungen. Ich ziehe den Laptop-Stecker und verkrieche mich mit der Tageszeitung unter die Bettdecke. Zum ersten Mal seit der Primarschule lese ich sie wieder von vorne nach hinten durch.

“Schade, bist du nicht mehr da …”

In der Uni verspottet man mich am Mittagstisch: “Pass auf, dass du nicht vereinsamst!” Dafür habe ich vorerst nur ein müdes Lächeln übrig. Ich fühle mich frei, grapsche in den Vorlesungspausen nicht mehr hechelnd zum Handy, um “News zu checken”. Abends erzählt mein Vater, er habe mein Facebook-Profil durchgeklickt: “Eine Kollegin findet es schade, dass du nicht mehr da bist, und Freunde schliessen schon Wetten ab, wie lange es geht, bis du aufgibst.” – “Danke Papa, muss ich nicht wissen.” Allerdings wäre ich gerne über die Homeparty eines Kollegen informiert gewesen. Ich sage es ihm. Er rechtfertigt sich: “Ich hab’ dir doch eine Veranstaltungseinladung geschickt.”

Tage- anstatt Gesichtsbuch

Am vierten Tag beginne ich Tagebuch zu schreiben. Nach einer Woche mutiere ich zum Dauertelefonierer. Die Handyrechnung wird sich am Ende des Monats auf 236 Franken und 20 Rappen belaufen. Weil ich zwischenzeitlich sogar ganz aufs Internet pfeife und meine Mails nicht mehr lese, verpasse ich den geschäftlichen Termin mit einem Nationalrat, suche an der HSG nach einem Radioworkshop, der kurzfristig in den Westen der Stadt verschoben wurde und vergesse den Geburtstag meiner besten Freundin.

“Weg vom Fenster”

Tag 21: Ich entdecke meine Reiselust und fahre einfach so nach Genf, um einen Cappucino mit frischer Schokolade zu trinken. An meinem 19. Geburtstag bekomme ich so viele Geburtstags-SMS und -Anrufe wie noch nie. Wird begehrenswerter, wer es schafft, sich den Social Communities zu entziehen? “Nein”, sagt eine Studienkollegin, “du bist schon weg vom Fenster, fast niemand mehr redet über dich.” Und plötzlich fühlt es sich an, als fehle mir ein Körperteil. Ein Tag zu früh zieht es mich zurück ins Netzwerk der Oberflächlichkeit, Selbstdarstellung und Pseudo-Interaktion. Ich kann nicht anders. Ich logge mich ein und setze meinen ersten Status: “Meine digitale Seele lebt wieder.”

Info


Dieser Artikel ist im Februar 2010 im Jugendmagazin "Fräsch" des St.Galler Tagblatts erschienen und wird Tink.ch von der Tagblatt-Redaktion für eine weitere Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

“Nur im Fahrwasser der ganz Grossen”

Junge Briten, eine Interviewerin auf High Heels – das kann nur im Chaos enden. Tink.ch traf die englische Band Young Rebel Set (YRS) in der Luzerner Bar 59.

Warum findet man im Internet kaum Informationen über euch? Wollt ihr  geheimnisvoll bleiben?

Matt: Nein, das hat nichts damit zu tun. Als wir mit dem Musizieren anfingen, nannten wir uns Billy The Kid. Doch wir mussten den Namen aus rechtlichen Gründen ändern, darum sind erst wenige Sachen unter dem neuem Namen zu finden.

Warum nennt ihr euch Young Rebel Set?

Matt: Das war eine schnelle Entscheidung, wir mussten einfach einen neuen Namen haben.

Mark: Und da haben wir einfach den schlechtesten genommen den wir uns ausdenken konnten. (alle lachen)

Matt: Nein! Wir wollten einfach einen Namen, der für uns als Bande steht. Denn Billy The Kid hat als Soloprojekt angefangen, und als dann mehr und mehr dazukamen, wollten wir das in unserem Namen verewigt haben.


Ihr seid also keine Rebellen? Habt nie was Ungesetzliches getan?

Matt: Nein.

Luke: Ich schon! Ich hatte Poppers in Deutschland! (alle lachen)

Mark: Wir sind gute Jungs, nie Alkohol getrunken, niemals Fleisch gegessen.

Ich hab mir eure Lieder angehört und die Texte erinnern mich stark an den Stil von Bob Dylan. Würdet ihr sagen, dass er euch beeinflusst hat?

Matt: Definitiv, ja! Uns haben viele der Grossen beeinflusst, wir nehmen unsere Einflüsse wirklich von überall her. (Matthew wird von einem lauten Crashbecken-Schlag unterbrochen. Erneutes Gelächter). Er hatte wirklich einen massiven Einfluss auf uns, nebst Bruce Springsteen, The Pogues und Johnny Cash. Wir schwimmen nur im Fahrwasser der ganz Grossen.

Andy: Ich denke, wir haben auch ein bisschen was von irischer Folkmusik in unseren Liedern.

Matt: Wir nehmen geniale Musik und vereinfachen sie, denn niemand von uns ist ein genialer Musiker. Wir spielen was wir spielen, wir sind überhaupt nicht überragend in irgendeinem Weg. Eigentlich sind wir ziemlich schlecht (alle lachen).

Mark: Ich denke, wir punkten mit den Texten, sonst wären wir ziemlich sicher dem Untergang geweiht.

Andy: Redet für euch selbst. Ich bin genial.

Bob Dylan sagte mal “Auf Tour fühlt man sich permanent unsicher. Man geht von Nirgendwo nach Nirgendwo”, pflichtet ihr dem bei?

Matt: Nein, es ist wie eine sehr lange, sehr betrunkene Party.

Mark: Die Stones haben’s am besten gesagt, 90% von der Zeit hängt man nur rum und 10% macht man auch tatsächlich was.

Patrick: Es ist eigentlich sehr angenehm, man wird richtiggehend verhätschelt, alle kümmern sich um einen, man kriegt seine Drinks.

Also erfüllt ihr das Sex, Drugs And Rock’N’Roll-Klischee?

Andy: Sex, Drugs And Roll Sausages (zu dt.; Würstchen im Teigmantel) (alle lachen wieder für gefühlte 5 Minuten) Mögt ihr die Schweiz?

YRS: Ja sehr, ist wirklich ein wundervoller Ort.

Trotz dem Bankengeheimnis und dem Fakt, dass wir nicht der EU angehören?

Andy: Nein, nein, wir mögen das!

Matt: Es ist irgendwie so, dass die restlichen Länder von Europa sich aneinander angeglichen haben. Und ihr seid unabhängig.

Luke: Ich mag die Schweiz wirklich, das Beste auf unserer Tour bis jetzt. Die Frauen sind sehr, sehr schön. Und das Bier ist auch nicht schlecht.

Matt: Ja und das Zugsystem ist auch sehr gut!

Ihr seid zu siebt in der Band, was ist der Vorteil, in einer so grossen Band zu sein?

Luke: Keine! Wir müssen uns sogar die Betten teilen. Doch wir sind ja alle sehr gute Freunde. Es ist toll, so einen Haufen Freunde um sich zu haben.

Matt: Wie ich schon sagte, haben wir nicht als Musiker angefangen. Keiner von uns kann sich wirklich Musiker nennen. Wir sind einfach eine Gruppe von Freunden.

Zurück zum Ernst der Dinge: Wann veröffentlicht ihr euer erstes Album?

Matt: Diesen Herbst!

Mark: Falls nicht irgendwas dazwischen kommt, hoffentlich!

Einen Namen habt ihr schon?

Matt: Ja, The Reckoning.

Andy: Danke Matt, das wollten wir geheim halten! Weisst du nicht mehr, wir sind mysteriös! Gibt es einen Künstler, den ihr wirklich bewundert und gerne mal treffen würdet?

Matt: Johnny Cash und Bob Dylan…

Mark: …t.A.t.U…

t.A.t.U? Oh, das muss ich euch jetzt fragen. Welches ist der peinlichste Song auf eurem iPod?

Andy: Ich glaube, Luke ist der schlimmste mit diesen Songs. Er hat keinen einzigen glaubwürdigen Song auf seinem I-Pod

Matt: Take That – “Never Forget”.

Mark: He, das ist aber ein wirklich guter Song!

Dave: Ich hab “Now Dance 94” drauf.

Und das schlechteste Album?

Luke: Ich hab mir noch nie ein ganzes Album angehört.

Matt: Wir hören uns prinzipiell nur gute Alben an!

Luke: Wobei die neue Scheibe von The Stereophonics ziemlich schwach ist.

Wo werdet ihr in 10 Jahren sein?

Matt: Tot!

Mark: Oder reich!

Luke: Ich werde wahrscheinlich Kaffee servieren.

Matt: Wir werden wahrscheinlich immer noch im Pub sein.

Andy: Ja, das ist wohl am realistischen.

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Narrentreiben in den Gassen

Luzern mit Riesenquallen

In Luzern beginnt die Fasnacht am Schmutzigen Donnerstag um fünf Uhr morgens mit der Ankunft von Bruder Fritschi, dem Oberhaupt der grössten Zunft Luzerns, und einem “Urknall”, dem ohrenbetäubendem Startschuss der Fasnacht. Die Guggenmusiker ziehen durch die Stadt und Fritschi und die Wöschwyber treiben in den Gassen ihr Unwesen. Die Rathaustreppe beziehungsweise der Platz “onder de Egg” wird während einer Woche zum Mittelpunkt des Fasnachtstreibens. Die vielen kreativen Vollmasken prägen das Bild der Stadt, so sind zum Beispiel auch Starbucks-Sessel und Riesenquallen zu sehen.
Als Luzerner gehöre es einfach dazu, mindestens einmal unter der Egg zu hüpfen und zu schreien, meint der begeisterte Fasnächtler Marcel Ottiger. Ausserdem sei die Fasnacht eine super Kontaktbörse. “Alle sind (feucht)fröhlich und man lernt schnell Leute kennen. Man trifft aber auch alte Schulfreunde oder Nachbarn von früher oder nimmt mal einen Kaffee ‘Zwätschge’ mit der Mutter eines fernen Bekannten.”

Solothurn wird zu Honolulu

Auch in Solothurn beginnt am Schmutzigen Donnerstag die Fasnacht, und zwar mit der “Chesslete”. Solothurn heisst während dieser Zeit nicht mehr Solothurn sondern Honolulu und die Rathausgasse wird zur Eselsgasse. Um fünf Uhr früh sind alle Solothurner in den Gassen und feiern lautstark. Selbst der Chef sei am nächsten Tag nicht böse, wenn man erst gegen 10 Uhr ins Büro komme, meint Florian Stüdeli aus Solothurn. Am Fasnachtssonntag symbolisiert ein Kanonenschuss um exakt 14.31 Uhr den offiziellen Start des Umzuges. Im Anschluss findet auf der St. Ursen Treppe die Monster-Guggete statt. Auch hier findet man viele kreative Kostüme. Manuel Adatte und seine Freunde suchen sich jedes Jahr ein gemeinsames Motto, so waren sie schon als Bösewichte der Batman Filme oder als Ghostbusters unterwegs. Bis Fasnachtsdienstag wird durchgefeiert und erst wenn die Solothurner zum Zapfenstreich das traditionelle Lied “I ma nümm, i ma nümm” anstimmen und der Böögg verbrennt wird, verwandelt sich Honolulu wieder in Solothurn.

In Bern ist der Fasnachtsbär los

Während in verschiedenen Städten die Fasnacht mit dem Aschermittwoch zu Ende geht, beginnt sie in Bern erst am darauffolgenden Donnerstag. Beim Käfigturm wird um 20 Uhr der Fasnachtsbär aus dem Winterschlaf geweckt und feiert anschliessend mit den Bernerinnen und Berner bis zum frühen Sonntagmorgen in der schönen Berner Altstadt. “Die Fasnacht bedeutet für mich, einmal wieder so richtig die Sau rauszulassen und sehr viel Spass zu haben”, meint Sarah De Piano aus Bern. Ausserdem sei sie immer wieder überrascht, wie viele Leute doch eigentlich im kleinen Bern feiern können. Michelle Stirnimann ging schon als kleines Mädchen Jahr für Jahr an die Fasnacht. “Für mich ist Fasnacht eine kleine Familientradition”, sagt sie.

Basel und seine Schnitzelbänke

In der Stadt am Rheinknie, dem Ursprung der Guggenmusik, findet die Fasnachtszeit der Schweiz ihren Schluss- und für die meisten ganz klar auch den Höhepunkt. Mit dem Morgenstreich am 22. Februar beginnt in Basel die Fasnacht. Um vier Uhr früh wird in der Stadt die öffentliche Beleuchtung ausgeschaltet, Licht bilden nun traditionelle Laternen. Es finden mehrere Umzüge durch die ganze Stadt statt. Zu den Hauptakteuren gehören die Trommler, die Pfeiffer und die Schnitzelbänkler, die kunstvollen Masken (“Larven”) und nicht zu vergessen sind natürlich auch die grossen Laternen und Wagen, auf denen die Fasnachtsgruppen jedes Jahr regionale und nationale Themen aus unterschiedlichen Bereichen präsentieren.
Am Mittwoch geht dann auch hier die sogenannte fünfte Jahreszeit zu Ende, der Alltag pendelt sich wieder ein und nichtsdestotrotz beginnen die eingefleischtesten Fasnächtler schon bald mit dem Ideensammeln für das Kostüm im nächsten Jahr.

Faire Renten oder Rentenklau?

Damit die Schweizerinnen und Schweizer auch nach dem Erwerbsleben genug Geld zum Leben haben, gibt es das System der Altersvorsorge. Dieses ist in der Schweiz in drei Teile, die drei sogenannten Säulen, aufgeteilt.  

Die drei Säulen

Die erste Säule ist die AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung). Sie dient zur Existenzsicherung. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen zu je 50 Prozent in die AHV ein, der Staat organisiert und verwaltet diese Versicherung. Hier gilt das Prinzip, dass aktive Arbeitnehmer die Renten der jetzigen Rentnerinnen und Rentner finanzieren. Es herrscht also eine stetige Umverteilung: das Geld, das jetzt einbezahlt wird, wird auch jetzt für eine Rente wieder ausgegeben und nicht angespart.  

Die zweite Säule ist die Berufliche Vorsorge (BVG). Sie ermöglicht es, nach der Pensionierung den Lebensstandard fortzusetzen. Auch hier zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber je zur Hälfte ein. Die Renten werden durch Pensionskassen verwaltet. Der Arbeitnehmer ist in jener Pensionskasse, welche sein Arbeitgeber für sein Unternehmen ausgesucht hat. In der Schweiz gibt es rund 2’500 Pensionskassen.  

Viele kleine Pensionskassen können sich zu einer Stiftung zusammenschliessen und sich einer Versicherung angliedern, beispielsweise bei der SwissLife oder der Zurich Versicherung. Bei der Pensionskasse spart jeder, der einzahlt, seine Rente selbst an – im Gegensatz zur AHV. Nach der Pensionierung wird das angesparte Alterskapital in jährliche Renten umgewandelt. Die Formel, mit der diese jährlichen Renten berechnet werden, nennt man Umwandlungssatz. Momentan liegt dieser bei 6.8 Prozent. Das bedeutet, dass Pensionierte jedes Jahr 6.8 Prozent des angesparten Alterskapitals als Rente erhalten. Nehmen wir an, ein Arbeitnehmer hat bis zu seiner Pensionierung 100’000 Franken in die Pensionskasse einbezahlt, dann erhält er bis zu seinem Tod jährlich 6’800 Franken aus der zweiten Säule.  

Die dritte Säule ist die private Vorsorge. Sie ist die einzige freiwillige Säule. Diese kann jeder, der will und es finanzieren kann, in Eigenverantwortung errichten. Hierzu gibt es Banken- und Versicherungslösungen.  

Die Vorlage

Im Dezember 2008 hat nun das Parlament beschlossen, den Umwandlungssatz der zweiten Säule schrittweise auf 6.4 Prozent zu senken. Diese Massnahme wurde einerseits dadurch begründet, dass die Leute immer älter werden und so das Alterskapital länger reichen muss. Zweitens hat die Wirtschaftskrise auch Folgen für die Schweizer Pensionskassen: Die Pensionskassen legen unser eingespartes Geld an, das heisst sie investieren in Anlagen, um Gewinne erzielen zu können. Da nun viele dieser Anlagen – unter anderen auch die riskanten Hedgefonds – an Wert verloren haben, könnten die Pensionskassen in wirtschaftliche Probleme geraten.

Gegen den Parlamentsbeschluss zur Senkung des Umwandlungssatzes ergriffen Gewerkschaften und linken Parteien das Referendum. Das bedeutet, dass am 7. März die Schweizer Bevölkerung darüber entscheidet, ob der Umwandlungssatz gesenkt werden soll oder nicht.

Die Argumente

Wie bereits erwähnt, argumentieren die Befürworter vor allem mit der fehlenden Rendite auf den Kapitalmärkten. Sie sagen, dadurch würden die Pensionskassen gezwungen werden, noch höhere Risiken einzugehen, was wiederum Verluste zur Folge haben könnte. Zudem müsse der steigenden Lebenserwartung Rechnung getragen werden. Bleibt der Umwandlungssatz bestehen, müssten aktive Arbeitnehmer die Renten der Pensionierten zahlen. Dieses Prinzip ist aber nur für die AHV und nicht für die zweite Säule vorgesehen. Deshalb sprechen die Befürworter hier von Beitragsklau.

Die Gegner antworten, dass diese Tatsache bereits 2005 berücksichtigt wurde, als der Umwandlungssatz von 7.2 auf 6.8 Prozent gesenkt wurde. Dass jetzt schon wieder eine Senkung gefordert wird, ist für sie unverständlich oder sogar Rentenklau. Zudem werden verschiedene Punkte am bisherigen System kritisiert. Die Verwaltungskosten in der zweiten Säule seien viel zu hoch, nämlich 700 Franken pro Versicherten pro Jahr – im Gegensatz zur AHV, bei der sie nur 25 Franken ausmachen. Ein weiterer Punkt ist die Intransparenz bezüglich der wirtschaftlichen Situation der Pensionskassen. Solange diese Punkte nicht geklärt seien, wäre eine Rentenkürzung nicht verantwortbar.  

Schwierige Abstimmung

Wie so oft geht es bei der Abstimmung vom 7. März nicht nur um das eigentliche Thema. Es geht generell auch um das ganze Vorsorgesystem. Für die Bürgerinnen und Bürger ist eine Meinungsfindung aber äusserst schwierig, weil nicht alle Fakten klar sind, weil das Thema äusserst komplex ist und zudem emotional aufgeblasen wird. Geht es am 7. März um faire Renten oder doch um Rentenklau? Deine Stimme zählt.

“Wir wollen etwas Aufrichtiges schaffen”

Die schüchternen General Fiasco haben mehr drauf als die lustigen Hüte, die sie zum Interview tragen. Die nordirländische Band, veröffentlicht diesen März ihr erstes Album. Was zu erwarten ist? Darüber sprachen die Brüder Enda (Gitarre & Gesang) und Owen Strathern (Bass & Gesang) mit Tink.ch.

Ich hab gehört, ihr hattet Schwierigkeiten hierher zu finden?

Enda: Ja, fürchterliche Schwierigkeiten.

Owen: Es war ein Albtraum! Wir sind zwei Tage gefahren und die letzten 40 Minuten fuhren wir einfach im Kreis.

Könnt ihr mir erklären, weshalb ihr General Fiasco heisst? Seid ihr Unruhestifter?

Owen: (lacht) Das ist eine wirklich sehr uncoole Story…

Dann wollen wir sie umso mehr hören!

Owen: Wir hatten ein paar Namen aus denen wir aussuchen konnten. Der Erste davon war Marley Jedrejak Fiasco und dann dachte sich Enda General Music aus, meine Mutter hat dann einfach die beiden Namen zusammen gefügt und so entstand General Fiasco.

Enda: Aber ich glaub niemand erinnert sich daran…

Owen: Stimmt, ich bin mir ziemlich sicher dass sie lügt. Es erinnert sich wirklich niemand daran, sie behauptet das einfach. Ich glaube, sie ist eine Lügnerin. (lacht)

Ihr kommt ja aus Nordirland. Wie ist die Musikszene dort so?

Owen: Ich denke, sie ist sehr gut in Irland. In den letzten fünf Jahren haben etwa zwei oder drei Bands den Sprung aus Irland geschafft und sind ein bisschen durch Grossbritannien und Europa getourt. Ich glaube, momentan gibt’s etwa fünf oder sechs Bands, die professionell Musik machen. Und die machen dann vor allem experimentelle Sachen, weil man von aussen alle möglichen Einflüsse bekommt. Vor allem aus Grossbritannien und Russland kommt viel!

Bald wird euer erstes Album veröffentlicht. Was kann man davon erwarten?

Owen: Ich denke, die Songs, die wir aufgenommen haben, erinnern stark an eine Live-Show. Wir haben versucht, diese Stimmung einzufangen, die bei einem Konzert entsteht. Wir wollen die Zuhörer schon beim ersten Reinhören mitreissen. Wir wollten etwas Aufrichtiges, Natürliches schaffen. Und mit den richtigen Apparaten konnten wir die Musik dann auch so aufnehmen, wie wir sie geplant hatten. Es sollte einfach eine aufrichtige Scheibe werden.

Enda: Wir wollten uns auch nicht zu fest darauf versteifen, einem Genre zu entsprechen.

Owen: Die Songs handeln von unseren Freunden oder einfach Leuten, die uns nahestehen. Wir hoffen, dass das Publikum die Platte mag und darauf reagiert!

Das werden sie bestimmt, vor allem da der NME (Anm. d. Red.: Der New Musical Express ist eines der wichtigsten, zeitgenössischen Musikmagazine in Grossbritannien) euch als One Of The Top Ten Hopes For The Near Future ausgewählt haben!

Owen: (lacht) Ja, das war toll. Doch irgendwie ist danach nicht mehr viel passiert. Mehr als dieser Titel kam da nicht. Aber wir haben auch sonst viel Unterstützung, zum Beispiel von BBC. Sie spielen unsere Single ziemlich oft am Tag, das ist echt ein Riesending für uns, es ist wirklich toll.

Apropos BBC; ihr habt am BBC Electric Proms in 2008 gespielt. Was ist das genau?

Owen: Das ist ein grosser Event, wo der BBC viele Konzerte in London veranstaltet. Und das mit Musik aus jeder Sparte: Indiebands und klassische Musik und viel Worldmusic. Und die BBC hat uns auserkoren, um stellvertretend für aufstrebende Bands zu spielen. Wir haben also die junge Musik vertreten.

Und was hört ihr euch persönlich an? Lasst ihr euch von bestimmten Musikern beeinflussen?

Owen: Ich weiss nicht, ob uns das beeinflusst. Aber wir lieben Death Cab For Cutie und Manchester Orchestra. Aber zu den Einflüssen gehören eher Sachen wie The Strokes oder Paramore. Aber wahrscheinlich spiegelt sich schon alles, was wir so hören, in unserer Musik wieder. Doch ich denke auch, dass man nicht wirklich viel aus unseren Songs raushört. Es ist aber auch nicht so, dass wir entscheiden “So, jetzt wollen wir wie die und die klingen”, das kommt alles ganz natürlich.

Ich stell euch die letzte Frage: Beschreibt General Fiasco in sechs Worten.

Owen: Oh, das sind mehr Worte als man normalerweise kriegt. Also…ehm… Enda, du machst drei und ich mach drei. Gut? Fang du an!

Enda: Nein, du zuerst!

Owen: Hmm, also: Energetisch…

Enda: Das wollt ich sagen! (lachen)

Owen: Aufrichtig…(lacht) Ok, das klingt ja fürchterlich. Ok, ich sagte schon energetisch, dann sag ich noch…Rock. Enda, sag du Pop!

Enda: Pop!

Owen: Hmm, das ist auch nicht gut. Wir könnten auch mit den sechs Worten einen Satz bilden.

Enda: Ja, das ist besser. Also…

Owen: General Fiasco sind…. Das sind jetzt schon drei Worte.

Enda: Also, General Fiasco sind aufrichtiger, energetischer Rock.

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Aus der Sicht des Mörders

Eigentlich beginnt die Vorstellung bereits im Foyer: Mit lautem Gebrüll jagen junge Männer durch die Menge und stimmen so das Publikum auf die kommende Vorstellung ein. Laut und lebhaft beginnt dann auch das Tanzstück von Marco Santi (Choreografie und Inszenierung). Auf der Bühne steht ein langer Tisch. Das Bühnenbild (Katrin Hieronimus) ist eher schlicht gehalten – lediglich eine riesige Plakatwand ziert die Bühne, auf welcher ein grosser roter Fleck zu sehen ist.

Am Tisch sitzen Menschen. Gesang ertönt. Anna Magnani, gespielt von der Tänzerin Zaida Ballesteros, fesselt mit ihrer kräftigen und reinen Stimme nicht nur das Publikum, sondern scheint auch die Leitung auf der Bühne zu übernehmen. Der Gesang wird unterstützt von rhythmischer Musik (Roderik Vanderstraeten), die einzelne, freie Töne in sich birgt. Die Szene gliedert sich dann in verschiedene Gruppen, wird heftiger, intensiver. Manchmal weiss man gar nicht, wohin man schauen soll, denn überall wird getanzt, gesungen – ein richtiges Chaos. Und dennoch erkennt man Struktur, eine Ordnung in der Unordnung.

Marco Santi hat mit seinem Tanzstück “Pasolini” etwas Aussergewöhnliches gewagt: Er erzählt eine Geschichte über einen Künstler namens Pasolini – ausgedrückt im Tanz und der Musik, ohne jenen jedoch als Person im Stück auftreten zu lassen. Santi entschied sich dazu, die Geschichte aus den Augen von Pino Pelosi (Sebastian Gibas) zu erzählen – dem Mörder Pasolinis, welcher im Verlaufe der Inszenierung nach der Identität seines Opfers sucht. Dabei trifft dieser auf Maria Callas (Andrea Maria Mendez Torres), mit der Pasolini eine jahrlange Freundschaft pflegte und Silvana Mangano (Dagmar Bock), einer Schauspielerin.

Santi nimmt uns mit auf eine Reise, die uns ins Italien der 60er und 70er Jahre führt – einem Italien, das von Zärtlichkeit, Spass, Unordnung und Gewalt geprägt ist; einem Italien, “das sich auf ein immer grösseres Chaos zu bewegt, möglicherweise ein faschistisches Regime.” (Pier Paolo Pasolini 1970). Dabei erschafft er durch einzelne Szenen und durch Anlehnung an ein paar ausgewählte Werke Pasolinis (u.a. Mamma Roma, Medea) ein umfassendes Bild von dessen Leben. Untermalt wird das Ganze durch die passende Klangkulisse (Roderik Vanderstraeten), die Lichtgestaltung (Guido Petzold) und die Kostüme von Katharina Beth.

Pasolini ist ein Mann geprägt von Skandalen. Der linksradikale, homosexuelle Aussenseiter, der Zeit seines Lebens immer wieder mit Verurteilungen und Prozessen wegen seiner politischen Einstellung, aber auch seiner Homosexualität zu kämpfen hatte, selbst sagte einst: “Ich glaube, Skandal zu machen, ist ein Recht, den Skandal selbst zu erleben, eine Lust, und ihn abzuwehren, eine moralische Einstellung.” Auch das bringt Santi in seiner Inszenierung und er erschafft mit wenigen Mitteln, eine fesselnde Atmosphäre. Man spürt die Leidenschaft Santis, die er als Italiener gegenüber Pasolini hat, seine Achtung von dessen Werken und sein Interesse. Das Stück ist geprägt von Gegensätzen: Hass – Liebe, Freundschaft – Gewalt, von den ragazzi di vita – zur abgestandenen und sinnentleerten Bourgeoisie.

Obwohl Pasolini nicht als solcher in der Inszenierung auftaucht, wird seine Welt dennoch greifbar. Auch für seinen Mörder Pelosi. Bei der Schlussszene erkennt man, wie nah sich Opfer und Täter eigentlich sind – beide gefangen in einer trostlosen Welt, in einer Gesellschaft, in der alle zu Verlierern werden, egal ob Künstler oder Strassenmädchen. Er erkennt Pasolinis Überzeugung, dass selbst in tiefster Erniedrigung der menschliche Körper seine angeborene Würde bewahrt. Mit nacktem Oberkörper will Pelosi seinem Opfer ganz nah sein. Immer wieder geht er auf den grossen Blutfleck auf dem Bühnenbild zu, berührt ihn, schmiegt sich an ihn. Und doch ist da etwas, das ihn abwehrt, abschreckt.

Meiner Meinung nach ist das Tanzstück von Marco Santi sehr gut inszeniert. Es gelang ihm, das Publikum in eine andere Welt zu entführen und Gefühle allein durch Musik und Tanz hervorragend zu übermitteln. Auch die Tanzkompagnie hat eine herausragende Leistung gezeigt und mit schauspielerischem Können überzeugt. Dennoch befürchte ich, dass das Stück ohne Vorkenntnisse über die Person Pasolini schwierig sein könnte. Denn dadurch, dass es keinen Text gibt und die Geschichte nur bruchstückhaft präsentiert wird, bleibt der Zusammenhang manchmal in der Luft hängen. Ich empfehle diese Inszenierung allen, die sich für die Person Pasolini interessieren, die Tanz und Musik lieben oder all jenen, die sich auf eine Reise durch das Leben eines grossartigen Künstlers einlassen wollen. Denn egal ob man am Schluss wirklich das versteht, was Marco Santi mit der Inszenierung ausdrücken wollte oder nicht, es lohnt sich auf alle Fälle, sich diese Vorstellung anzusehen, und sei es nur der fesselnden Atmosphäre wegen.

Vom Äääh-Marathon zu den Empfangsfeiern

Olympia ist…

…wenn Giacobbo/Müller der Olympia weichen müssen.

…wenn Simon Ammann wieder fliiiiiieeeegt.

…wenn die Österreicher neidisch sind auf die Schweiz.

…wenn Männer Eiskunstlauf schauen.

…wenn die Fernsehlüftung eine bedrohliche Temperatur aufweist.

…wenn Simon Ammann zwei Goldmedaillen holt.

…wenn auch Langlauf zum Krimi wird.

…wenn Regula Späni ihren Äääh-Marathon vorträgt.

…wenn Matthias Hüppi und Bernhard Russi zum Redeschwall ansetzen.

…wenn die Bundesräte einen Erfolg im Ausland feiern dürfen.

…wenn auch Linke patriotisch werden.

…wenn sogar Mexikaner im Ski Alpin starten.

…wenn kein Bundesrat auf der Blick-Titelseite erscheint.

…wenn aus Wintersportlern Nationalhelden werden.

…wenn Fussball nicht die Sportart Nr. 1 ist.

…wenn Beni Thurnheer Curling lernt.

…wenn Simon Ammann mit Roger Federer.

…wenn Sportler mit Namen wie Michael Schmid (Skicross) bekannt werden.

…wenn die Gemeindepräsidenten im Lande Empfangsfeiern vorbereiten.

…wenn das Small-Talk-Thema im Büro klar ist.

…wenn Philipp Schoch die Miss Schweiz von der Titelseite der Schweizer Illustrierten verdrängt.

…wenn man auf den Ausgang verzichtet, um Eishockey zu schauen.

…wenn Ueli Maurer sagt: “Ammanns Leistung ist grösser als die eines Bundesrates.”

…wenn Frauen mehr Sport als Desperate Housewives schauen.

…wenn sogar Eishockey-Trainer Ralph Krueger (wie nach dem Fast-Sieg gegen Kanada) für kurze Zeit geliebt wird.

“I am the singer!”

Pfalzkeller 19.45 Uhr

“Nein, ich habe noch kein Ticket. Wo kann ich denn das kaufen? Aha, in der Kellerbühne. Ja, wo ist denn die?” Zum hundertsten Mal erkläre ich einem Besucher, wie er vom Pfalzkeller zur Kellerbühne kommt.

Halt, da will sich einer durch den Eingang schmuggeln. “Stopp”, sage ich, “könnte ich deinen Bändel sehen?” “I am the singer!”, erwidert der kleine, unscheinbare Mann. Stimmt. Dieser blonde Lockenkopf in Norwegerpulli kommt mir bekannt vor. Ich hab ihn im Nordklangprospekt gesehen, er heisst Pål Moddi Knutsen und wird um halb zehn ein Konzert geben. “Oh, I am sorry!”, sag ich. Er schenkt mir ein breites “Michel aus Lönneberga”-Lächeln und schlendert mit einem Akkordeonkasten auf dem Rücken Richtung Backstagebereich.

Pfalzkeller 21.45 Uhr

Pål Moddi Knutsen fasziniert. Es gelingt ihm, einen Bann heraufzubeschwören, man will ihm nur noch zuhören und vergisst alles nebenbei. Mit seiner rauchigen Stimme singt er poetische, verträumte Lieder, begleitet von einer Cellistin, Gitarre oder Akkordeon.

Zwischendurch erzählt er gerne Anekdoten. Er bedankt sich beim “local music store” für die Instrumente, denn seine eigenen wurden ins falsche Flugzeug verladen und schweben wahrscheinlich jetzt noch irgendwo über dem Atlantik. Was auffällt: Moddi ist barfuss.

Das passt zu diesem Naturburschen. Aufgewachsen auf der norwegischen Insel Senja, begann er 2004 mit dem Schreiben von eigenen Songs.

Grabenhalle 23.20 Uhr

Die Temperaturen passen zum Nordklangfestival, bei gefühlten 30 Grad minus laufe ich schnurstracks zur Grabenhalle. Ein krasser Gegensatz. Im Vergleich zum mystisch leisen Sound im Pfalzkeller erwartet mich hier die einzige Punkband der Färöerinsel: 200. Ihre Songs sind aber nicht einfach lautes Geschrei und Gedröhne sondern sogleich ein Plädoyer und Aufruf zur Unabhängigkeit der Färöerinseln von Dänemark. Die Texte sind auf färöisch, was auf mich sehr interessant wirkt. Zwischen zwei Songs bringt der Leadsänger Niels Arge Galan dem Publikum ein Schimpfwort auf färöisch bei, das hier selbstverständlich nicht veröffentlicht wird. Bevor mir das Trommelfell platzt, wechsle ich ins Palace.

Palace 23.47 Uhr

Es ist kaum ein Durchkommen möglich. Die dänische Band Under Byen scheint zu gefallen. Die Musik der achtköpfigen Band wird von Klavier, Cello, Geige, elektronischer Orgel und Percussion dominiert. Ich gebe mich mit einem Platz an der Bar zufrieden und löse meinen Getränkegutschein ein, den ich als Helferin bekommen habe.