Gesellschaft | 18.01.2010

Zu Besuch bei Doña Anita

Text von André Müller | Bilder von Fabian Lengwiler
Auch in San Lorenzo dreht sich vieles ums Geld, obwohl kaum welches da ist. Doch als eine Mine einst ein paar Bolivianos in die Kassen spülte, dachte niemand mehr an die Medikamente gegen Bauchschmerzen.
Don Roberto gräbt im Schlamm nach Arcilla - Die Tonerde lindert die Bauchschmerzen der Dorfbewohner. Aufgrund der häufigen Mangelernährung leiden viele Menschen unter Verdauungsproblemen. Die ehemalige Wolframmine befindet sich tief im Wald - eine Autostunde vom Dorf entfernt.
Bild: Fabian Lengwiler

Die Nacht bricht früh herein über San Lorenzo de Lomerío. Wenn der Doktor zu seinen abendlichen Patientenbesuchen aufbricht, ist die Sonne längst hinter den weiten Wäldern verschwunden. In der Hütte von Doña Anita stehen drei Betten und ein kleiner Tisch auf dem Erdboden des einzigen Zimmers. In einem der Betten liegt die Grossmutter. Sie leidet an fürchterlichen Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall.

Eine menschliche Verpflichtung

Der Arzt aus Santa Cruz legt ihr eine Infusion, damit die Nährstoffe nicht über den gestörten Verdauungsapparat ins Blut gelangen müssen. Zusätzlich verabreicht er ihr Arcilla, ein natürliches Heilmittel aus Tonerde, welches den Magen beruhigen soll.

Für seine Krankenbesuche und Medikamente verlangt Aguilera keinen einzigen Boliviano. Er wäre gemäss seiner Aufgabe auch gar nicht verpflichtet, diese Besuche durchzuführen. „Ich fühle mich aber menschlich dazu verpflichtet. Darüber hinaus gibt mir der Kontakt mit den Patienten auch persönlich Kraft für meine sonstigen Aufgaben. Und ich kann von Leuten, die kaum etwas haben, doch kein Geld verlangen!“

Als die Angehörigen den Arzt jedoch bitten, die Dame mit seinem Wagen ins Spital zu fahren, winkt er ab. „Es gibt doch eine Ambulanz in Lomerío, das SRK zahlt sogar das Benzin. Die Menschen müssen nur ihre Rechte gegenüber den Behörden wahrnehmen.“

Kaum betritt der Arzt das Haus der nächsten Patientin, bringt die Hausherrin einen Krug voll Chicha – ein Heissgetränk aus fermentiertem Mais – und dazu ein Kohlebecken. Der Südwind aus Argentinien bringt empfindlich kalte Luftmassen in die tropische Gegend von Lomerío. Dr. Aguilera lässt die Kälte kalt, zu sehr ist er in seine Arbeit vertieft.

Auch die nächste Patientin wird von Verdauungsproblemen geplagt, was vermutlich mit der einseitigen Ernährung aus Kohlenhydraten zusammenhängt. Aguilera wendet Akupunktur, Massage- und Schröpftechniken an, um ihre Schmerzen zu lindern. Weil teure Medikamente in San Lorenzo Mangelware sind, greift er in seinen Behandlungen oftmals auf traditionelle Naturheilmittel und Behandlungsmethoden zurück.

Nach getaner Arbeit eilt er zum Auto und dessen Heizung zurück. Die zwei Wochen Kälte im Jahr haben es in sich! Die Lichter seines Geländefahrzeuges sind die einzigen Lichtquellen, welche seinen Rückweg durch das Dörfchen San Lorenzo erhellen. Noch ist die Elektrifizierung nicht im Dorf angekommen. Aguilera parkiert so nahe als möglich bei der Unterkunft und verschwindet sogleich unter den warmen Bettdecken.

Eine Gemeinde im Wolframrausch

Am nächsten Morgen hat der Wind nachgelassen, sodass der Doktor sich zum aufgestauten Fischteich wagt, um sich dort mit Kokosschale und Eimer zu waschen. Gebadet wird nicht, um das Wasser nicht zu verunreinigen. Nach der Erfrischung fährt der Doktor einige Dorfbewohner, darunter Don Joaquín, zur Wolframmine, um dort Arcilla für die Gemeinde abzubauen. Auf der halbstündigen Fahrt über Stock und Stein erzählt Don Joaquín, wie er dort vor drei Jahren das Wolfram entdeckt hat. Das Schwermetall wird vor allem in Glühbirnen verwendet, da es einen sehr hohen Schmelzpunkt besitzt. „Es gibt bei jeder Ader Zeichen, welche man erkennen muss. Beim Wolfram ist dies der weisser Quarz.“

Im letzten Jahr brach im Dorf ein regelrechtes Wolframfieber aus. Bis zu 15 Kilogramm bauten die Dorfleute, welche sonst fast ausschliesslich als Bauern tätig sind, an einem einzigen Tag ab. Bei einem Preis von 70 Bolivianos oder 14 Franken pro Kilogramm liess sich so für bolivianische Verhältnisse eine Menge Geld verdienen.

Hunger und Alkohol

Gleichzeitig vernachlässigten die Bauern aber Aussaat und Ernte, was zu einer Hungerkrise im Dorf führte. Denn mit dem zusätzlichen Geld kauften sie nicht die fehlenden Nahrungsmittel zu, sondern Bier. Sehr viel Bier: Eines der Hauptprobleme Lomeríos ist der Alkohol, mit welchem die Menschen der Armut und der Bedrohung ihrer indigenen Kultur zu entfliehen suchen. Eine Patentlösung hierfür gibt es nicht, doch hat die Hungerkrise des vergangenen Jahres den Bauern klargemacht, dass das schnelle Geld oftmals keinen langfristigen Nutzen bringt. So gab es dieses Jahr zwar keinen Wolframrausch, dafür eine reiche Ernte.

In der Mine angekommen, schaufeln die Chiquitanos den Schlamm aus den Felsspalten, in denen sie früher Wolfram fanden. Bis zu zwölf Meter tief waren die grössten Spalten. Mittlerweile wurden sie vom beständigen Regen und der Erosion beinahe zugeschüttet. Nachdem sie einige Stunden geschaufelt, gehackt und herumgestochert haben, kommt heute wirklich eine Schicht Arcilla hervor, die helle Tonerde, welche die Inka „Milch der Erde“ nannten und bei verschiedensten Gebrechen medizinische Wunder tun soll: Der Ausflug hat sich gelohnt.