Gesellschaft | 31.01.2010

Verlieren wir an Freiheit?

Text von Luzia Tschirky
Ohne dass wir es merken, werden wir mehrmals täglich gefilmt. Am Morgen an der Bushaltestelle, in der Pause auf dem Schulhof, am Mittag im Einkaufszentrum und am Abend in der Disco.
Die Jugendlichen fragen sich, ob sie sich durch Videokameras sicher fühlen können, und trotzdem frei. Das ist nicht die neue Zugsbeleuchtung der SBB, sondern eine Videokamera. Fotos: SBB

„Ich möchte kein Roboter sein, der nach Staatsgesetzen läuft.“ – „Das solltest du aber! Auch wenn du nicht von einer Videokamera überwacht wirst!“

Es wird heftig diskutiert im Sitzungszimmer Nummer 5 im Rathaus von Bern. Einmal im Jahr sind die Jugendlichen aus dem Kanton ins Rathaus eingeladen. Neun Jugendliche aus der Stadt Bern sitzen um den grossen Tisch im Raum und debattieren über das Thema „Neue Medien“. Die zunehmende Videoüberwachung bewegt die Gemüter am stärksten. Schnell haben sich zwei Lager gebildet. Gegner und Befürworter versuchen einander zu überzeugen. Videoüberwachung ist ein Thema, das alle betrifft.  

Überwachte Pausenplätze

Mit dem Thema vertraut sind die meisten Jugendlichen durch die Schulhäuser. Es scheint in Mode gekommen zu sein, die Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenplatz zu filmen. Man hofft, dank der Kameras Vandalismus und Schlägereien auf den Pausenplätzen verhindern zu können. Dem steht aber die Hälfte der Jugendlichen kritisch gegenüber. „Wie nötig ist es, an einer Schweizer Schule eine Videokamera zu installieren?“, wirft eine Jugendliche in die Runde. Die Schweiz war bestimmt schon sauberer und sicherer als heute. Aber verglichen mit anderen Staaten erscheinen unsere Probleme überschaubar. Auch die Befürworter der Videoüberwachung sind sich einig, dass die Schweiz eigentlich ein sicheres Land ist. „Es findet aber eine negative Entwicklung in der Gesellschaft statt“, meint einer der Teilnehmer.

Er berichtet von Abfallbergen in der Schulmensa. „Seit Videokameras aufgestellt worden sind, lassen viel weniger Schülerinnen und Schüler ihren ‚Chüder‘ liegen.“ Für Aziz Zulauf von den jungen Grünen können Videokameras aber nicht die Lösung für Abfallprobleme sein. „Mit Videokameras löst man Probleme nicht, sondern schiebt sie weg.“  

Neuralgische Orte

Wenn Videokameras aufgestellt werden, ist viel von „neuralgischen“ Orten die Rede. Man stellt die Videokameras vor allem da auf, wo es oft zu Schlägereien, Vandalismus und Übergriffen kommt. Zu den „neuralgischen“ Orten gehören nicht nur Schulhäuser, sondern auch Bahnhöfe, Bushaltestellen und Parkanlagen. Auch der Bahnhof Bern ist seit Kurzem videoüberwacht. Für diese Überwachung ist aber nicht die Stadt zuständig, sondern die SBB. Bisher hat die SBB gute Erfahrungen gemacht mit Videoüberwachung. Die Leute würden sich sicherer fühlen und es gebe weniger Sachbeschädigung in videoüberwachten Zügen.    

Warum man sich durch Kameras weniger frei fühlen kann, versteht einer der Teilnehmenden gar nicht. „Warum soll eine Videokamera ein Einschnitt in die Privatsphäre sein?“, fragt er sich. Für andere Jugendliche ist klar, weswegen die Videokameras ihnen ein Stück ihrer Freiheit nehmen: „Ich weiss nicht mehr wo und wann ich gefilmt werde. Gehe ich in ein Geschäft, akzeptiere ich es gefilmt zu werden. Aber auf einer öffentlichen Strasse kann ich mich nicht dazu entscheiden.“

Einig werden sich die Jugendlichen nicht. Wer sich in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt, kann gegen die Grösse der Einschränkung etwas unternehmen. Denn es ist noch nicht abschliessend geklärt, wo überall Kameras aufgestellt werden dürfen und was mit dem aufgezeichneten Material geschieht. Aber mit den Kameras leben müssen wir alle.