Gesellschaft | 25.01.2010

Unterwegs mit dem Rettungsdienst

Text von Diana Berdnik
Über Funk bekommen Retter Hilferufe, rennen zum Auto und hoffen, rechtzeitig einzutreffen. Am Unglücksort halten sie Paparazzi fern, reanimieren, bis ihnen die Puste ausgeht und freuen sich, wenn sie ein Leben retten konnten. So stellt man sich einen Rettungseinsatz vor, die Realität ist anders.
Vorstellung und Realität gehen auseinander, wenn es um Rettungseinsätze geht. Als Praktikantin ist die Tink.ch-Reporterin während einem Tag hautnah dabei. Fotos: Diana Berdnik

Es ist morgens kurz vor acht Uhr, Schichtbeginn für das Rettungsteam des Kantonsspitals St. Gallen. André Wilmes, den ich an diesem Tag begleiten darf, sucht meine Ausrüstung zusammen. Unübersehbar fühle ich mich mit meiner neongelben Jacke und den reflektierenden Silberstreifen. Wanderschuhe und Funkgerät dürfen nicht fehlen. Im Aufenthaltsraum lerne ich Andrés Teampartner Matthias Hudek kennen. Die nächsten 24 Stunden werden sie gemeinsam mit den anderen Rettungsleuten in der Basis verbringen. Das WG-Leben kann beginnen!

Ein wohnlicher Arbeitsplatz

Alle versammeln sich um den Tisch und tauschen dienstliche Neuigkeiten aus, damit wird die Schicht übergeben. Anschliessend strömen sie allesamt aus. Die einen nach Hause, die anderen in die Garage. André zeigt mir die verschiedenen Rettungsfahrzeuge und erklärt die Infrastruktur. Ganz viel medizinisches Fachwissen und persönliche Erfahrung stecken in den Erläuterungen. Während ich durch die Anlage geführt werde, kontrolliert Matthias die Koffer und die Infrastruktur des Rettungswagens. „Alles in Ordnung“, informiert er seinen Kollegen. Man könnte meinen, das wäre das Startsignal für den Einsatz. Das Ziel ist jetzt jedoch ein anderes: das Frühstück. So sitze ich am Tisch mit sechs Rettungssanitätern. Ein hoher Puls und viel Adrenalin deuten auf meine innerliche Anspannung hin. Während ich damit rechne, jeden Moment in die Garage rennen zu müssen, schmieren die anderen gemütlich Butter und Konfitüre auf ihre Brötchen. Eine Kollegin erzählt vom vergangenen Betriebsessen und bittet mich grinsend, keine Einzelheiten in meinem Artikel zu erwähnen. Die Stimmung ist locker, man tratscht und lacht.

Ob er denn gar nicht gespannt sei, frage ich André. „Nein, man gewöhnt sich daran. Ausserdem macht man sich nur unnötigen Stress, wenn man ständig mit dem Schlimmsten rechnet.“

Rettungskette

Nach dem Frühstück blättere ich in einem Buch zur Stressbewältigung im Beruf. Nicht nur durch diese Lektüre, auch von Natur aus haben die Angestellten ein ruhiges Gemüt. Jedenfalls führt mich André durch die unterirdischen Gänge des Kantonsspitals und hinauf zum Heli-Landeplatz. Rettung aus der Luft hat viele Vorteile. Bei unwegsamem Gelände und Zeitdruck ist ein Heli-Transport sicher von Nutzen. Doch wenn das Wetter nicht mitspielt, ist ein Flug unmöglich. „Erste Priorität hat immer die Sicherheit des Retters. Das gilt für Piloten, Sanitäter und auch Laienhelfer.“

Danach geht es weiter in die Notfallaufnahme. André zeigt mir die Behandlungsräume und moderne Apparaturen. Er berichtet von Einsätzen mit Polizeischutz und erfolgreichen Wiederbelebungen. „Einsätze mit Bedrohungen sind aber eher die Ausnahme“, betont André. Es bleibt auch noch Zeit, um die verschiedenen Befehle zu lernen, welche man über Funk erhält. Doch wer bestimmt denn, ob man mit Blaulicht und Sirene ausrückt, oder ob man sich mehr Zeit lassen kann? Um diese Frage zu beantworten, fahren wir in die Innenstadt zur Notrufzentrale. Dort nehmen kompetente Fachleute Notrufe aller Art entgegen und überwachen Strassen mittels Videokamera. Freundlich, wie alle, die ich an diesem Tag getroffen habe, steht mir ein Mitarbeiter Rede und Antwort. In der abgebrühten Ruhe des Raumes zeigt er mir die ganze Organisation, die hinter einem Einsatz steht, und mir wird klar, dass durch das reibungslose Zusammenspiel der besuchten Einrichtungen überhaupt erst eine schnelle und angemessene Rettungsaktion möglich ist.

Mein erster Einsatz

Gespannt horche ich jedesmal auf, wenn mein Funkgerät Töne von sich gibt. Nie ist es ein Befehl zum Ausrücken und auch das erste Einsatzkommando erhalte ich nicht über Funk. Wir sind beim Eingang des Notrufs vor Ort in der Zentrale. Mein Herz pocht schneller, endlich passiert etwas. Meine beiden Begleiter hören auf zu spassen und werden ernst, jedoch ohne in Panik zu geraten. Matthias gibt Gas und erfüllt mir einen Kindheitstraum. Mit Blaulicht und Sirene fahren wir quer durch St. Gallen, bei rot über jede Kreuzung, so dass alle Autos mit Ehrfurcht anhalten. So kommt es mir jedenfalls vor. „Unfälle mit Krankenwagen gibt es höchst selten!“, meint André.

Von aussen sehen Krankenautos immer furchtbar schnell aus, sitzt man jedoch drinnen, dauert die Fahrt gefühlsmässig extrem lange. Ein älterer Mann empfängt uns am Einsatzort, seine Gattin sei gestürzt und blutet am Kopf. Die Grundausrüstung wird gepackt und in die Wohnung geeilt. André stellt der Frau gezielt Fragen und versucht eine erste Einschätzung zu machen. In Lebensgefahr ist die Patientin nicht, doch sie wird auf die Notfallstation gebracht. Während André mit dem Personal spricht und Matthias zurück in die Garage fährt, sitze ich mit der Frau im Behandlungsraum und warte. Ihre verzweifelten Äusserungen versuche ich ins Positive zu kehren und schaffe es am Ende, ein Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern. Die schneeweissen Haare nehmen zunehmend die Haarfarbe eines Clowns an. Eine Krankenschwester begutachtet die Wunde am Kopf der Frau und sagt: „Wir machen ein …“  Ich schaue die Pflegerin verwirrt an und sie wiederholt: „Wir machen jetzt ein …“ Doch ich verstehe noch immer nicht, was sie meint. Andrés Stimme ertönt hinter mir, ich drehe mich um und bin froh ihn zu sehen. Gleichzeitig liest die Schwester „Praktikantin“ auf meinem Rücken und erkennt, dass sie in diesem Fachjargon besser mit dem ausgebildeten Rettungssanitäter spricht. Der Fall ist erledigt, doch auf dem Rückweg interessiert mich, ob André jeweils erfährt, was anschliessend jeweils mit den Menschen passiert. «Ja, ich kann nachfragen, wenn ich will. Manche Patienten können sich auch gar nicht mehr an ihre Rettung erinnern.«

Was an diesem Tag sonst noch geschah, erfährst du nächste Woche!