Gesellschaft | 11.01.2010

Spurlos verschwunden?

Text von Luzia Tschirky | Bilder von Rubina Silvestrin
Weisser Plastik säumt die Strassen in St. Gallen. Zwei Wochen nach Weihnachten ist die Beleuchtung zwar noch aufgehängt, aber Strom fliesst keiner mehr. Tristesse verbreitet nicht nur die Ware made in China. Viel vom Frohen Fest ist nicht geblieben.
Der Weihnachtsstimmung wird der Stecker gezogen.
Bild: Rubina Silvestrin

Kaum jemand nimmt den Reisecar wahr, der neben dem Bahnhof St. Gallen anhält. Müde Gesichter steigen aus dem Bus und zerren Plastiktüten aus dem Kofferraum. Von weit aus dem Osten Europas kommen die Leute aus der alten Heimat in die neue. Symbolisch steht der Car für das Ankommen nach Weihnachten im grauen Alltag. Weihnachtsstimmung hat ihre Zeit. Passend zu unserer Konsumgesellschaft, diktieren uns die Warenhäuser, wann wir in Stimmung zu sein haben. Heute am 10. Januar bestimmt nicht mehr, denn jetzt ist Ausverkauf. Rempeln und Vordrängeln gehören da zum guten Ton.

Ein wenig desillusioniert beobachte ich noch immer die Ankömmlinge durch die Fenster des Cafés. Weihnachten nur Schall und Weihrauch? Ich lasse den Cappuccino auf dem Tisch stehen und beginne zu suchen. Irgendwo in St. Gallen wird Weihnachten schon sein.

Nächstenliebe

Kaum ein Mensch ist auf der Strasse zu sehen. Kein Wunder, weder der graue Himmel noch das eiskalte Wetter locken Passanten in die Altstadt. Zudem ist Sonntag und alle Geschäfte haben geschlossen. „Wissen Sie, wo Weihnachten geblieben ist?“ – Niemand scheint darauf eine Antwort zu wissen. Ich ernte nur Kopfschütteln und mehrere fragwürdige Blicke. Aber von den meisten werde ich einfach ignoriert. Die Nächstenliebe scheint mit Weihnachten gemeinsam verreist zu sein.

Es reicht!

Langsam werde ich wütend. Zwei Monate wurde ich zugedröhnt. Weihnachtsmusik, Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsessen, Weihnachtsgebäck. Meine Umgebung erstickte und ich ignorierte den Stress. Irgendwann waren es nur noch zwei Tage bis Heiligabend und ich war total überrumpelt. – Auf den ersten Schreck folgte der zweite, so schnell wie Weihnachten kam, so schnell war Weihnachten auch wieder vorbei. Mein Herz ist so eisigkalt wie meine Zehen.

Ich halte nach Wärme Ausschau und siehe da. – Ein roter Marronistand mit einer gemütlichen Lichterkette steht am Ende der Strasse. Die Verkäuferin hinter den grossen schwarzen Töpfen ist für einen kurzen Schwatz immer zu haben. Doch Weihnachten versteckt sich auch nicht in der Wärme des kleinen roten Zeltes. Weihnachtsstimmung? Nein, habe Sie die ganz Weihnachtszeit nicht gehabt. Wieso auch? Am 26. musste sie wieder zur Arbeit. Da bleibe keine Zeit für Besinnlichkeit.

Das Christkind im Stall

Mir reicht’s. So schnell wie möglich verdrücke ich meine Marroni und steige in den nächsten Zug. Nicht auszuhalten, diese Miesepeter. Am Fenster fliegt die Winterlandschaft an mir vorbei und irgendwann ist auch der Frust an mir vorbeigezogen. Schräg vis-à -vis sitzt ein Vater mit einem kleinen Jungen. Geschätzte drei Jahre alt. Der Junge klebt seine Rotznase an das Fenster. „Wohnt dort das Christkind?“, fragt er und zeigt auf einen Bauernhof mit Stall. „Ja, dort wohnt das Christkind nach Weihnachten.“ Wann konnte mir mein Vater die Welt so erklären? Mir ist plötzlich zum Lachen zumute. Weihnachten, wo immer du auch bist, schau gefälligst, dass du nächstes Jahr wiederkommst!