Gesellschaft | 25.01.2010

Spazierendes „Girl from Switzerland“

Text von Lena Tichy | Bilder von Lena Tichy
Fussgänger sind verrückt oder obdachlos. Gegen solche Vorurteile kämpft unsere Reporterin wacker an, auch wenn sich dadurch Miami in den Jakobsweg verwandelt.
Ohne Auto kann man sich an solchen Kreuzungen recht verloren vorkommen. Wer langsam geht, sieht mehr von der schicken Umgebung. Die Strassen sind immer laenger als man denkt.
Bild: Lena Tichy

In die USA zu reisen, ohne vorher den Führerschein gemacht zu haben, war sicher nicht die klügste Idee meines Lebens. Doch als eine Freundin von mir mich vor einiger Zeit einlud, einen Monat in ihrem Haus in einem noblen Vorort von Miami zu verbringen, sagte ich sofort ja.

Darüber, wie genau ich von ihrem Haus aus in die Stadt oder an den Strand kommen würde, machte ich mir vorerst keine Sorgen. In meiner Vorstellung sah ich mich pünktlich fahrende Busse besteigen oder Fahrradfahren, in meiner Vorstellung war die Stadt gar nicht so weit entfernt. Zumindest was den letzten Punkt angeht hatte ich tatsächlich Recht. Vom Haus meiner Freundin aus ist man in dreissig Minuten in Miamis Innenstadt oder am Strand. Bis zum nächsten Supermarkt dauert es knapp sieben Minuten. Wenn man, wie meine Freundin, ein Mercedes Cabrio besitzt, ist es eine wahre Freude einkaufen zu gehen. Wenn man zu Fuss unterwegs ist, sollte man besser vorher auf dem Jakobsweg trainieren. Dann wird aus den sieben Minuten eine gute Stunde Fussmarsch.

Joggerin oder Hundebesitzerin?

Im tropisch-warmen Süden von Florida gelegen, ist Miami mittlerweile die viertgrösste amerikanische Stadt nach New York, Los Angeles und Chicago. Und genau wie in den anderen drei Megastädten (Mit Ausnahme von New York vielleicht)  ist man ohne Auto ziemlich verloren. Fussgänger, zumindest in Miami, sind entweder Verrückte oder Obdachlose, oder Beides. Der Rest der Bevölkerung bewegt sich in SUVs (Sport Utility Vehicles) oder Kombis durch den Morgen-Mittags- und Feierabendverkehr und nimmt für ein Sandwich oder einen guten Kaffee gerne eine Viertelstunde Fahrt auf sich.

Wer, wie ich, zu Fuss unterwegs ist, braucht schon einen guten Grund für sein seltsames Verhalten. Meine Versuche, mich innerhalb meines gepflegten Quartiers als Joggerin oder Hundebesitzerin auszugeben, scheiterten leider kläglich: Beim Rennen wurde ich ständig überholt und meine Hauskatze wollte sich partout nicht wie ein Chihuahua bewegen. Mittlerweile hat es sich rumgesprochen, dass das „Girl from Switzerland“ ganz einfach gern spaziert, auch über weite Distanzen. Manchmal winken mir die Nachbarn in ihren Ford Explorers jetzt sogar zu, wenn sie für mich auf der Strasse bremsen. Vermutlich haben sie einfach Mitleid mit mir.