Kultur | 26.01.2010

Sherlock Holmes im Wilden Westen

So war Sir Arthur Conan Doyles berühmter Detektiv noch nie zu sehen: In seinem neuen Fall rettet Sherlock Holmes England vor einer Verschwörung und gerät dabei in Wild-West-reife Schlägereien. Guy Ritchies Verfilmung von "Sherlock Holmes" gibt wenig Rätsel auf, ist aber vergnüglich.
Lord Blackwood (Mark Strong) wird mehrerer Morde wegen zu Tode verurteilt - und prophezeit Sherlock Holmes seine Auferstehung. John Watson (Jude Law) und Sherlock Holmes (Robert Downey Junior) in der Wohnung an der Bakerstreet 221b: Denkstube und Labor zugleich. Das Duo geht auf Schnitzeljagd durch das viktorianische London.
Bild: © 2009 Warner Bros. Pictures. All rights reserved.

„Was für ein industrielles Imperium“, sagt Sherlock Holmes zu seinem Freund John Watson, als sie an der Tower Bridge vorbeifahren, die soeben im Bau ist. Sherlock Holmes liegt richtig: Das England Ende 19. Jahrhundert, von dem Guy Ritchies Film mit eindrucksvoller Kulisse ein düsteres Bild zeichnet, wird in die Geschichte der Industrialisierung eingehen. Dass Holmes jedoch am Ende auf der halbfertigen Brücke die Welt retten muss, weiss er noch nicht.

Schwarze Magie

Die Wuschelhaare noch etwas wilder, die Augen noch etwas dunkler und Robert Downey Junior als Sherlock Holmes gäbe einen genialen Verbrecher ab. Superhelden zieht es spätestens in Teil drei einer Filmtrilogie auf die dunkle Seite der Macht. So erging es Spiderman, und so könnte es auch Ironman ergehen, den der Amerikaner Downey Junior diesen Sommer zum zweiten Mal spielt.

Tatsächlich bekommt es denn auch Downey in der Rolle von Sherlock Holmes dieses Mal mit Schwarzer Magie mit all ihren Verlockungen zu tun. Sein Herausforderer, der amüsant-mysteriöse Lord Blackwood (Mark Strong) bewegt sich jenseits irdischer Logik. „Tod ist nur der Anfang“, er werde aus dem Grab auferstehen und weitere Morde begehen, verkündet Blackwood vor seiner Hinrichtung.

Fechtduelle und Explosionen

Bevor es zum Duell mit Lord Blackwood kommt, gehen Holmes und Watson auf Schnitzeljagd und diese führt sie ebenso durch das ärmliche London wie durch die obersten Schichten der Gesellschaft. Sherlock Holmes sammelt Puzzleteil für Puzzleteil und denkt sie sich zusammen. In Zeitlupe sehen wir, was Holmes denkt: Wie kurz zuvor jemand in der Badewanne ermordet wurde, wie jemand in diesem Moment in eine Kutsche steigt, wie nächstens eine Bombe explodieren wird.

Obwohl die Filmfigur Holmes ähnlich ermittelt wie die Romanfigur, ist das Rätsel, das Lord Blackwood Holmes und dem Publikum stellt, viel banaler als Conan Doyles Fälle. Viel mehr beschert Blackwood dem Publikum James-Bond-reife Prügeleien und Explosionen. „Bondgirl“ ist die ebenso schöne wie unberechenbare Irene Adler (Rachel McAdams). Und die Dame und die Gentlemen raufen sich, als wären sie im Wilden Westen und tragen schliesslich Fechtduelle aus, wie Johnny Depp in Fluch der Karibik.

Komponist Hans Zimmer kann entsprechend aus seinem enormen Repertoire an Filmmusik (zu dem auch „Fluch der Karibik“ gehört) schöpfen. Bond’sche Action statt Holmsch’er Krimi: das ist mässig spannend, unterhält aber allemal – nicht zuletzt dank britischem Humor.

Holmes bleibt Holmes

Jude Law frischt die Rolle von Holmes treuem Freund John Watson auf. Statt wie in früheren Verfilmungen nur bewundernder Assistent zu sein, sind Watson und Holmes in Guy Ritchies Film beste Freunde: „you means us“, du heisst wir, sagt Holmes. Trotz privater Zankerein retten sie am Ende mit Spürsinn, Kampftechnik und einer gehörigen Portion Glück ihr „industrielles Imperium“ England.

Die Modernisierung veränderte England langfristig. Sherlock Holmes aber bleibt auch nach dieser ungestümen Verfilmung Sir Arthur Conan Doyles eigenwilliger Detektiv von der Bakerstreet 221b.